Das Baustellenfest und noch viel mehr

Die Zeiten in denen der April machen hat können was er will sind längst vorbei … zumindest hier in Cabo Verde macht er was ICH will. So war es 2004 und auch 2005 habe ich dem lieben April nicht viel Wahl gelassen. Er musste fussballschulen, zentrenbauen, festfeiern … und er hat es ganz ausgezeichnet gemacht. Hat sich auch in keiner Phase über den Verlust seiner Freiheit beklagt. Inzwischen ist er wahrscheinlich sogar froh, dass ich ihm die Arbeit abgenommen habe!? … jetzt freut er sich schon auf 2006. Kann ausspannen, muss sich für nächstes Jahr kein Programm überlegen … und der eigentliche Trottel bin schon wieder ich. Nicht nur, dass ich mir eines schönen Tages eingebildet habe ich müsse ein Kinder- und Jugendzentrum bauen, nein, jetzt nehme ich dem April auch noch die ganze Arbeit ab … und wenn ich mehr Zeit hätte würde ich diese Einleitung doch glatt wieder löschen und mir eine originellere einfallen lassen. So aber bleibt sie stehen.

Fangen wir also an zu berichten. ‚Wir‘ das sind der brave, korrekte Zahlenspieler, der frustrierte Terroristenanwärter, der verblödete Ex-Drogensüchtige, der zynische Dazwischenfunker und noch ein paar Halbwahnsinnige mehr. Und alle haben sie es sich in meiner Persönlichkeit gemütlich gemacht.
Aber keine Sorge! Von denen lasse ich mich nicht abhalten ein Kinder- und Jugendzentrum zu erbauen und zu leiten. Mit viel Geschick und Verstellungskunst werde ich sie alle integrieren … so wie ich es im April halt auch versucht habe.

Leider ist es Gott sei Dank so, dass mir für diesen Bericht tatsächlich kaum Zeit bleibt. Mein Urlaub fangt gleich an. Frank und Uli reden jetzt seit einem Jahren auf mich ein ich solle endlich mal wieder ausspannen … jetzt mach ich es halt! Es ist wirklich schon angesagt: für kurze Einmaleins – Rechnungen brauche ich vor lauter Konzentrationsschwierigkeiten schon Stunden. An einem Monatsbericht sitze ich inzwischen fast einen ganzen Monat und die Bauarbeiter nehmen mich schon nicht mehr ernst weil ich sie mit den Fussballkindern verwechsle und auffordere doch nicht ständig im Abseits zu stehen??!!
Mein Urlaub fangt also jeden Moment an und ich weiss noch nicht einmal wo wir ihn verbringen werden. Wir wollten nach Wien fliegen und den Walter heiraten aber der hat sich für Olga entschieden und ehelicht sie am Samstag … da wären wir gerne dabei gewesen, aber die blöde portugiesische Botschaft gibt Marisa kein Visum … Marisa ist jetzt gerade für den letzten Versuch in Praia. Sollte sie es wiedererwarten bekommen fliegen wir morgen nach Wien. Bis der Monatsbericht fertig ist wird das auch feststehen. (aber jetzt nicht am Ende nachlesen was raus gekommen ist!)
Egal ob Visum oder nicht. Ich mache jetzt 2 Wochen Urlaub und sprenge dann die portugiesische Botschaft. Danach will ich um Förderung ansuchen. Wir brauchen noch mehr Geld für den 2 jährigen Lehrgang ‚wie quäle ich Konsule, Botschafter und alle Hirnlosen die sich hinter Gesetzen verstecken‘!
Aber das ist Zukunft. Kommen wir zur Gegenwart. Die schaut so aus, dass ich mit den Füssen am Tisch dasitze und Monatsbericht schreibe. Kommen wir zur Vergangenheit.

Jede Einzelheit die am Bau des Zentrums im April passiert ist, kann ich schon alleine deshalb nicht schildern weil mir der Übergang von März zu April abhanden gekommen ist. In meinem Kopf ist das alles eine Soße. Kein März, kein April, kein Montag, kein Dienstag, kein Mittag, kein Abend … alles ist zu einem ‚irgendwann‘ mutiert.
Lasse daher die Photos sprechen, die als Entschädigung für meine weisen Worte herhalten müssen. Das können sie aber ganz gut!

Die Arbeiten an Mauern und zweitem Stock des Bürogebäudes sind eigentlich problemlos gelaufen. Das hat sich jetzt schon eingespielt.
Schwierigkeiten machen immer noch die Dächer die die ‚Hütten‘ bekommen sollen. Frank und ich wehren uns derweil noch erfolgreich gegen die ‚einfache‘ Lösung der Betondächer. Wir tendieren zu Holz. Da stellt sich aber die Schwierigkeit des Abdichtens.

Wir sind diesbezüglich auf der Suche nach einem Zimmermann. Ein Beruf den es hier in Cabo Verde nicht gibt. In Deutschland (in Österreich auch?) gibt es noch Zimmermänner die auf die Walz gehen … Frank kennt einen der das gemacht hat. So einen versuchen wir jetzt zu erwischen!
Wir haben uns bis Mitte Mai Zeit gegeben eine Dachlösung zu finden. Wenn sich nichts findet wird betoniert.
Die Anwesenheit eines Zimmermannes hätte aber auch den Vorteil dass wir dann das Schattendach mit einem Fachmann besprechen könnten … also wer einen kennt, bitte melden! Oder wer einer ist, bitte herkommen!!
Was aber nicht heisst dass nur Zimmermänner herkommen sollen! Im Gegenteil. Der Aufruf gilt auch für Lehmbauer, Fussballplatzplanierer, Verputzer, Elektrozeugmontierer, Wassertypen, u.v.m.

So und jetzt Einhalt! Es folgt etwas was ich schon lange an dieser Stelle anbringen wollte und etwas was ich von ganzen Herzen ernst meine:
Frank, dem lieben Architekten und Bauleiter, gebührt ein Riesenlob und mein innigster Dank! In meinen Schilderungen kommt er ja immer irgendwie ‚verunglimpft‘ vor! Das ist aber nur Ausdruck meiner Bewunderung und meiner Zuwendung zu dem guten Mann.
Die Zusammenarbeit mit ihm funktioniert ganz ausgezeichnet (hoffe er sieht das auch so?!). Kann mich an keine Meinungsverschiedenheit mit ihm erinnern die uns nicht weitergebracht hätte!

Sein Zeitaufwand für den Bau ist gewaltig. Er steht jeden Tag zu Mittag auf, springt dann nur kurz ins Meer und ist bereits am späten Nachmittag auf der Baustelle. Meist begegnet er sogar noch den Arbeitern auf ihrem Nachhauseweg … verdammt, schon wieder! Wieso nur schaffe ich kaum einen Absatz ohne dass mir irgendein Teufelchen reinpfuscht?!
Der Frank ist auf alle Fälle ein wahrer Schatz. Ganz abgesehen von seinem Einsatz für das Projekt!
Und das gilt auch für Uli! Ich finde wir sind ein ausgezeichnetes Team! Wer weiss was nicht noch alles möglich sein wird wenn wir so weiterarbeiten!

Und damit zum absoluten Aprilhöhepunkt. Das Baustellefest! Es war in allen Belangen ein voller Erfolg. Ich habe eine zweistündige Ansprache gehalten, mein Batucutanz hat die tausenden Besucher zu Begeisterungsstürmen hingerissen und auch bei meiner Gesangsdarbietung sind die jungen Mädchen reihenweise in Ohnmacht gefallen!

Und die Realität:
Das Fest war tatsächlich ein voller Erfolg. Aber meine Ansprache hat ganze 10 Sekunden gedauert. Keine Ahnung wie es Uli gelungen ist mich gerade in dieser kurzen Zeitspanne abzulichten.

Schon ausführlicher hat der Bürgermeister geredet. Ich glaube er meint seine geäusserte Bewunderung für das Projekt inzwischen ehrlich. Er hat ‚Delta Cultura Cabo Verde‘ als beispielhaften Verein gelobt und hat mich sogar zitiert. Anscheinend habe ich in einer unserer wenigen Treffen einmal gesagt ich fände es nicht richtig wenn man zuviel Verantwortung für das Gelingen oder Misslingen eines Projektes einer Gemeinde oder Regierung übertrage. Man müsse die Verantwortung selbst übernehmen.
Ziemlich gescheit, gell! Kein Wunder dass der Bürgermeister derartige Intelligenzausbrüche von mir zitiert!?

Höhepunkt des Aprilhöhepunktes war aber eindeutig der Auftritt von Mario Lúcio. Ein ziemlich bekannter Musiker hier und als ‚Kopf‘ der caboverdeanischen Gruppe Simentera auch in Europa bekannt.

Es war eine Woche vor dem Fest als er eines Abends an unserer Bar vorbeigegangen ist. Ich habe so zum Spass gesagt es wäre nett er würde auf unserem Fest auftreten. Uli ist sofort aufgesprungen hat mich am linken Ohr gepackt und ist laut schreiend hinter ihm hergerannt.
So haben wir den Kontakt geknüpft und nach einer kurzen Baustellenbesichtigung hat er sich bereiterklärt aufzutreten. Nicht ganz umsonst, aber wir haben ihn mit Hilfe der Gemeinde und weiteren Spendern finanziert!

Es war echt ein grossartiger Moment als er zum Abschluss des Festes aufgetreten ist. Die bereits fertige Schreinerwerkstatt hat eine ausgezeichnete Kulisse geboten, seine Musik liebe ich sowieso … es war wirklich bewegend. Einer dieser Momente in denen ich weiss warum ich mir dieses Projekt antue.

Wir hoffen natürlich dass der Kontakt mit Mario Lúcio jetzt nicht abreisst. Es hat ihm selbst sehr gefallen auf der Baustelle aufzutreten. Er hat gemeint es war einer der fünf besten Orte an denen er in seiner ganzen Karriere aufgetreten ist. Er will uns auch weiterhin unterstützen und hat ‚Freundschaft‘ mit den Batucumädchen geschlossen, will sie zu einem seiner kommenden Auftritte einladen!

Die lieben Leser werden also erkennen, dass das Projekt auch weiterhin unter einem guten Stern steht!

Es liesse sich zwar noch so einiges über das Fest, den Bau, Frank und Uli, die Fussballschule und überhaupt erzählen, aber jetzt nur noch ein paar Schlagworte. Sonst verpassen wir unseren Flug nach Wien … ja, ja es hat schlussendlich doch noch mit dem Visum für Marisa geklappt.

Die Fussballschule hat auch im April Fussball geschult. Die U17 spielt ab Mitte Mai regionale Meisterschaft. Zweite Division. Bin schon sehr gespannt wie sie sich schlagen werden. Habe aber etwas Bedenken. Sie haben bis heute den Verlust ihres Trainer Zé, der uns Richtung Portugal verlassen hat, nicht wirklich überwunden.
‚Meine‘ U15 hat diesen Monat nur ein Spiel gegen Chao Bom gehabt und das haben wir ganz unglaublich überlegen 2:1 gewonnen. Es war aber tatsächlich ein recht gutes Spiel. Meine Vorgabe an die Spieler war diesmal – ganz entgegen meiner sonstigen Spielphilosophie – kein Gegentor zu bekommen. Diese haben sich nämlich in den letzten Spielen gehäuft … Dieses Ziel hätten wir auch fast erreicht (es wäre das erste Spiel in den 2 Jahren gewesen in dem wir kein Tor kassieren) wenn nicht ein paar Minuten vor Schluss der Linienrichter gleich 2 Spieler übersehen hätte die ca. 3 Meter im Abseits gestanden sind … aber er konnte sie ja auch gar nicht sehen. Er hat sich gerade an der Mittellinie mit einem Zuschauer geprügelt?!

Und fast vergessen zu erwähnen hätte ich die so erfolgreiche Gruppe für Öffentlichkeitsarbeit! Sie waren es schliesslich die das Fest organisiert haben, denen es gelungen ist ins Fernsehen zu kommen (habe ich im letzten Bericht erwähnt) und auch zwei Zeitungsartikel über das Projekt sind inzwischen erschienen.

So und das war er denn auch schon, der April.
Wie im letzten Bericht hänge ich auch diesem die Inventarliste an … eh, scho‘ wissen. Wir brauchen das Zeugs! Nur zur Erinnerung.

Und damit verabschiede ich mich in den Urlaub. Ab 19. Mai bin ich wieder in Tarrafal, aber jederzeit über Mail erreichbar.

Liebe Grüsse,

das Projektleiterchen

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