Monatsbericht Mai 2005

Und wieder ist das Kinder- und Jugendzentrum seiner Fertigstellung einen Monat entgegengerast! In einem Höllentempo … ich weiss gar nicht woher dieses Zentrum seine Energie für all die Fortschritte bezieht?!

Nachdem ich Anfang Mai 2 Wochen auf Urlaub war, mir sodann einen Virus eingefangen habe, versuche ich jetzt mit aller Kraft ‚den Weg zurück ins Projekt‘ zu finden … habe irgendwo die falsche Abzweigung genommen. Inzwischen weiss ich aber wo … der Weg zurück zu der Abzweigung ist allerdings viel zu weit. Ich baue gerade ein Verbindungsstück ‚rüber zum Projektweg‘ …
Eines der tragischen Opfer dieser – meiner Verirrungen – ist der Monatsbericht Mai. Damit aber trotzdem alle Interessierten informiert sind, habe ich mir eine ganz tolle Alternative ausgedacht … anstatt meinem Bericht kopiere ich einfach den des Architektenbauleiterlehmbauers, Frank Mössinger, und füge ihn hier ein.
Das sind zwei Knopfdrucke (oder Knopfdrücke? Knopfdrucks?) und die Sache ist erledigt … also hier ist er … Franks Monatsbericht:

Auch im Mai haben wir hier wieder viele neue Erfahrungen gemacht und viel für das Leben gelernt.Die Baustelle entwickelt sich weiter prächtig, und wir haben für zwei Wochen Besuch von zwei Keramikern aus Österreich bekommen, die uns das Herstellen von Terra-Cotta-Fliesen beigebracht haben.Genauso spannend war diesen Monat die Tatsache, dass Florian mit Marisa und einen Töchtern Natalina und Idalena zwei Wochen nach Wien gefahren sind und er diese Zeit zum Kopf freimachen und Energietanken nutzen wollte – eigentlich haben wir ihn in Zwangsurlaub geschickt, damit er mal abschalten kann. Schliesslich macht er seit zwei Jahren nichts anderes, als täglich dieses Projekt voran zu bringen.Uli und Ich hatten uns bereiterklärt für diese zwei Wochen in Florians Haus zu ziehen und darauf aufzupassen. Und natürlich auch, uns um die vier zurückgebliebenenKinder zu kümmern. Dazu muss Ich kurz erläutern, dass Marisa noch zwei Kinder hat, João Claudio (12) und Elton (7), und dann leben noch zwei Mädchen im Haus, die aufgenommen wurden. Soraya (14) und Marleny (16). So wurden Uli und Ich über Nacht zu Eltern von 4 Kindern. Da Ich ja selbst 5 Geschwister habe und ich meine Mutter immer beobachtet habe, wie sie das macht mit 6 Kindern, dachte Ich alles kein Problem – es sollten die längsten zwei Wochen werden, die Ich bis jetzt hier in Tarrafal bin …Zu den Aufgaben im Haus gehört es auch die Fussballkinder mit Sportmaterial auszurüsten und zum Training zu fahren. Die ersten stehen morgens ab 6.45 Uhr vor der Tür, womit sich das Wecker stellen erübrigt hatte für diese zwei Wochen. Die nächsten kommen um 8.30 Uhr, und Nachmittags das gleiche noch mal. Die Zeit dazwischen hat man dann eigentlich zum arbeiten, d.h. wenn nicht irgendwas dazwischen kommt, und die Wahrscheinlichkeit bei 4 Kindern ist doch recht groß, vor allem die pubertierenden Mädels hielten uns auf Trab.Zum Glück hat die Baustelle reibungslos funktioniert, und die Arbeiter haben nach ein paar Versuchen aufgegeben, mich um Geld oder sonstige Vorschüsse zu erleichtern, so dass alles seinen gewohnten Fortschritt nahm.Einziges Problem, dass hartnäckigen Einsatz erforderte, war wieder einmal die Wasserversorgung. Wir bekommen unser Wasser über einen großen LKW und den muss man bei der Gemeinde bestellen, und wenn man Glück hat, kommt er auch nach ein paar Tagen. Ausser einer der beiden ist kaputt und der andere hat keine Lust oder Zeit, dann wird es eng. Und das ist eigentlich ständig der Fall.Und wenn man mit dem Chef der Wasserversorgung mal ein ernstes Wort reden will, hat er immer ein wirkungsvolles Argument: Zuerst bekommt die Bevölkerung Wasser, dann die Baustellen. Da hat er ja Recht, aber komischer Weise kommt meistens kurz danach der LKW doch auf die Baustelle.Als Florian aus Wien zurück kam konnte er sich darüber freuen, wie weit alles vorangegangen ist, da in den zwei Wochen viele Mauern aus dem Boden gewachsen sind und sich das Bild der Baustelle täglich verändert.Und dann kamen Martin Kunze und Maria Kosareva unsere Lehmbauer, wie Ich sie immer nenne. Sie haben mich aber darauf hingewiesen, dass sie keine Lehmbauer sind, sondern studierte Keramiker mit eigener Fliesenmanufaktur!Auf jeden Fall sind sie gekommen, weil Florian irgendwann die spontane Idee hatte, seine eigenen Terra-Cotta-Fliesen herzustellen und Ich in meinem Jugendlichen Leichtsinn behauptet habe, dass es eigentlich mit dem Lehm den wir hier haben, kein Problem sein sollte. Was Ich nicht ahnen konnte war, dass Florian übers Internet gleich Nachforschungen anstellte und Martin und Maria kennen gelernt hat, die ihn in seinem „Fliesenwahn“ auch noch positiv bestärkten.Leider liegt es nicht in unserem Budget, solche Leute gleich einfliegen zu lassen, doch das schien Martin nichts auszumachen, und er schaffte es, sich die Flugkosten für ein gutes Projekt, bei seinen Freunden und Kunden selbst zu organisieren, so dass er tatsächlich eines Tages am Flughafen stand. (Das nur für alle, die auch eine tolle Idee haben und wissen wollen, wie man das dann anstellt…).Gleich am nächsten Tag fingen wir an, den Boden auf seine Eigenschaften und Tauglichkeit zu untersuchen und die ersten Experimente zu machen.Es wurde ein kleiner Ofen gebaut, um die Proben zu brennen, und bald hatten wir die ersten positiven Ergebnisse in der Hand !Das bedeutete, dass wir nun wirklich anfangen konnten, die erste Probefliese herzustellen. Dabei kommt es auf das richtige Mischungsverhältnis des Lehms an, damit beim Trocknen in der Sonne keine Risse entstehen. Nach dem Trocknen haben wir den Prototyp in den kleinen Brennofen gelegt und nach ein paar Stunden Brennen bei Temperaturen um die 1000 ° konnten wir die erste Fliese stolz präsentieren.

Die Arbeiter auf der Baustelle und andere Neugierige beobachteten unser Treiben mit Argwohn und großer Skepsis, und keiner glaubte an unseren Erfolg.
Jetzt ging es an die große Massenproduktion. Martin und Maria bauten einen großen Ofen, in dem nachher die gesamten Fliesen gebrannt werden sollen. Das große Problem war mal wieder, die Kinder und Jugendlichen für diese Arbeit zu gewinnen. Beim Anblick von Uli und Maria in der Lehmgrube, bis zu den Knien im Gatsch, werden sie sich schon ihren Teil gedacht haben und nach der Aufforderung doch bitte auch alle mitzustampfen, gab es doch ungläubige Blicke.
Immerhin haben wir Néné für die Arbeit mit dem Lehm begeistern können, so dass wir jetzt schon den ersten Kapverdianer haben, der in den nächsten Wochen die Fliesenproduktion am Laufen halten wird.
Uli und Néné haben also in ein paar Tagen ca. 150 Fliesen geformt, mit denen dann der Ofen bestückt wurde. Das war jetzt eigentlich der große Test überhaupt. Wir, d.h. Martin fing an, den Ofen zu befeuern, und wir anderen waren bis in die Nacht damit beschäftigt, das herumliegende Gestrüpp und Äste zum Verbrennen herbei zu schaffen.
Am nächsten Tag konnten wir den Ofen öffnen und das Ergebnis bewundern. Es hat alles geklappt, wir konnten die ersten Quadratmeter auf dem Boden verteilen und uns ein Bild machen, wie das später einmal aussehen kann. Die Begeisterung bei uns war riesengroß und auf einmal stieg auch das Interesse der Bauarbeiter und Neugierigen, da keiner mit der Möglichkeit gerechnet hatte, aus diesem Boden auch nur irgendwas Brauchbares zu machen. Ich glaube auch Martin und Maria waren sehr froh, dass alles geklappt hat, da sie ja gar nicht wussten auf was sie sich hier eingelassen haben.
Der Zeitpunkt der Fertigstellung der ersten Fliesen war genau richtig gewählt, da es sich ergab, dass der Premier-Minister J.-M. Neves ein paar Tage nach Tarrafal kam, um sich die Projekte der Gemeinde anzuschauen.
Diese Gelegenheit wollten wir natürlich nutzen, um ihn auch über unser Projekt zu informieren. Doch stellte sich heraus, dass es nicht einfach ist, als unpolitisches Projekt in den Terminkalender eines Premier-Ministers aufgenommen zu werden. Wir erhielten Unterstützung eines befreundeten (und politisch in der richtigen Partei engagierten) Bauunternehmers, der versuchte uns einzuschleusen -vergeblich. Irgendwie ist es Florian gelungen, durch hartnäckiges Nachhaken doch noch ein fünf-minütiges Gespräch mit dem Premier- Minister zu erreichen und so empfing er uns zwischen zwei Terminen und hörte sich unser Anliegen an.
Anscheinend hat Florian die richtigen Worte gewählt, um in dieser kurzen Zeit, den Minister dazu zu bringen, einen Besuch auf der Baustelle einzuschieben.
Wahrscheinlich lag es auch daran, dass Marisa und Ich stillschweigend daneben gesessen sind und im richtigen Moment das richtige Lächeln auf unsere Lippen gelegt haben.
So fuhren dann der Premier-Minister mit seinem Gefolge in mehreren Autos unserem Delta Cultura-Auto hinterher auf die Baustelle und wir hatten Gelegenheit ihm unsere
Baumethoden und Ziele zu erläutern, nicht ohne durchblicken zu lassen, dass wir, um die Nachhaltigkeit des Projekts zu sichern, auch auf die Hilfe der Regierung angewiesen sind. Diese Hilfe sicherte er uns auch ohne zu zögern freundlich zu, wir sollten uns direkt an ihn wenden. Wir werden sehen, was sich daraus ergeben wird.
Interessiert zeigte er sich dann auch bei der Präsentation unserer ersten Terra-Cotta Fliesen, und auch wenn er nicht jubelnd über den Platz gesprungen ist vor Freude, glaube Ich, ein anerkennendes Lächeln auf seinem Gesicht entdeckt zu haben.
Auf jeden Fall wird ihm die Baustelle und der Name Delta Cultura in Erinnerung geblieben sein, da sich unser Projekt optisch schon sehr von den anderen Beton- Baustellen abhebt.
Nach dieser kurzen Baustellenbesichtigung düste er mit seinem Gefolge zum nächsten Termin, und wir waren froh, diesen wichtigen ersten Schritt vollbracht zu haben. Jetzt liegt es an der Öffentlichkeitsgruppe und an weiteren Kontaktaufnahmen mit der Regierung, um an Unterstützung zu kommen. Aber das wichtigste war eben, das Projekt vorstellen und bekannt machen zu können.
Ausserdem haben wir diesen Monat zusammen mit unseren Keramikern Martin und Maria den Rabelados einen weiteren Besuch abgestattet, da wir uns vorstellen konnten, dass auch sie interessiert sind, an den Möglichkeiten mit Lehm zu arbeiten. Witzigerweise stellte sich heraus, dass sie auch gerade versuchen für ihre Strohhütten Fliesen herzustellen und so kamen ein paar Tage später die Lehmspezialisten aus dem Dorf auf unsere Baustelle und lernten unsere Methoden kennen.
Die Rabelados sind, wie schon berichtet, die Einwohner der Insel, die noch die alten Handwerkstechniken beherrschen, wie z.B. das Flechten und Herstellen von Palmendächern, und so vereinbarten wir eine gegenseitige Hilfestellung und Wissensaustausch, da wir unsere Dächer und Schattenzonen eben in dieser Palmentechnik herstellen wollen.
So ist dieser Monat wieder einmal viel zu schnell vergangen und Ich habe von all den Sachen, die machen wollte lange nicht alles erledigen können, doch habe Ich wieder viele Sachen machen und lernen dürfen, von denen Ich Anfang des Monats noch gar nichts wusste.
Alle, die mehr wissen wollen über unsere Lehmarbeiten und Herstellung von Fliesen, dürfen sich gerne melden.
Martin und Maria werden auch noch einen eigenen Bericht über ihre Erfahrungen schreiben, den wir dann auf der Homepage veröffentlichen.
Ich wünsche allen einen schönen Monat Juni …

… und auch ich, das Projektleiterchen schliesse mich diesen Wünschen an!

One thought on “Monatsbericht Mai 2005

  1. Lieber Florian!

    Habe dein Kommentare vor allem von Juli und Juni paarmal gelesen, den Mai überflog ich nur. Beeindruckend wie trotz aller Widrigkeiten die Sache vorangeht. Respekt, dass du dich im Juni nicht hadt niederwerfen lassen,als alles schief zu gehen drohte.
    Nochmals alles Gute für den Rest und eine schöner Eröffnung wünscht die Heinz

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