Monatsbericht Juni 2005

Endlich einmal ein Monat in dem uns keine Premierminister besucht haben … so hätten wir uns ganz auf den Bau konzentrieren können … wenn da nicht Erschöpfung, Handbruch der Projektleitertochter, Autozusammenbruch im abgelegensten Tal der Insel, Hochzeit der Tochter des Chefmaurers, notwendiger Urlaub des Architekten und der Projektdokumentatorin und noch ein paar andere unvorhergesehene Dinge passiert wären!
So hat dieser vergangene Monat eine Neuheit gebracht. Erstmals seit bestehen des Projekts – und das sind jetzt immerhin schon 2 ½ Jahre – bin ich mit dem Fortschritt so richtig unzufrieden. Wobei sich da natürlich die Frage stellt ob das an meiner allgemein nicht so ultrageilen Verfassung liegt oder der Realität entspricht?! Wobei das eine nicht gültige Frage ist weil man sich ja bekanntlich die Realität selbst macht. Wobei sich dann die Frage stellt warum manchmal trotz ultrageiler Verfassung und damit ultrageiler Realität trotzdem ultrablöde Sachen passieren?! Wobei sich die Frage stellt ob der Fortschritt im Juni unzufriedenstellend war weil ich mir zuviel Gedanken über ultra- und weniger ultrageile Sachen gemacht habe?!
Und ganz abschliessend zu diesem Thema: es stellt sich die Frage wie Projektleiter zu derartigen Gedankengängen kommen und diese dann auch noch in Monatsberichten veröffentlichen.

Ich arme Sau habe es also schwer gehabt im Juni:
Für allerspätestens Mitte Juni war ein Containertransport mit Baumaterial aus Europa hierher geplant. Das liebe Material weilt derweil immer noch in irgendwelchen gut sortierten Baumärkten in Deutschland.
Die Natursteinmaurer sollten ihre Mauerchen bis Mitte Juni fertiggestellt haben. Damit wir die Dächer draufnageln können. Die Maurer sind noch nicht fertig, von den Dächern ist eines fast fertig, bei drei anderen sind gesamt immerhin 36 Schrauben einbetoniert. Ich plane für dieses Wochenende einen Einschulungskurs für diese Schrauben: ‚wie kann ich mit meinem Gewinde Regenwasser auffangen‘ … Der liebe Regen kommt jetzt dann nämlich bald.
Unsere Fliesenproduktion ist wie verrückt gelaufen … täglich haben wir an die 150 Fliesen gemacht … aber unser erster selbständiger Brennversuch ist kläglich gescheitert. 900° muss der Ofen erreichen damit auch wirklich Terra Cotta ‚rauskommt‘. Von 3 Uhr am Nachmittag bis 1 Uhr Nachts haben wir wie die blöden winzige Äste in den Ofen gestopft, haben uns gewundert warum aus allen Ritzen schwarzer Rauch aus dem Ofen quillt (wollten die blöden Fliesen einen Papst wählen und konnten sich nicht einigen?) … ich glaube wir haben mit unseren Anstrengungen gerade mal 50° erreicht … gerne würde ich dem Kirchenoberhaupt die Schuld in die Schuhe schieben, aber ich muss das Desaster auf meine Kappe nehmen. Habe während dein Einräumen des Ofens zwar ordentlich Luft eingeatmet (wie es sich für einen guten Projektleiter eben gehört) habe dabei aber vergessen, dass das blöde Feuer auch Sauerstoff braucht. Und bei der Menge an Fliesen die ich in meiner Gier da reingeschichtet habe konnte kein Windhauch durch den Ofen ziehen.
Weiters wollten wir im Juni die Elektroplanung abschliessen und mit der Kabelschlauchverlegung beginnen. Die Schlauchrolle (das erinnert mich an Schaumrolle – die es hier nicht gibt …) liegt unangetastet im Eck, wir haben Stunden damit verbracht uns zu überlegen ob wir Ober- oder Unterputz verlegen sollen. Der Architekt sagt ‚ober‘ ich sage ‚unter‘ … beide haben wir ganz unglaublich überzeugende Argumente … die Lösung die wir jetzt gefunden haben: oben rum Oberputz, runter Unterputz, unten wieder Oberputz erscheint mir etwas ‚verkrampft demokratisch‘ …
Wir wissen auch noch nicht unter oder ober was für einem Verputz die Kabel laufen sollen. Lehm oder Zement? In seiner spärlichen Freizeit versucht der Architekt die Lehmputzversuche voranzutreiben. Überzeugt hat er mich noch lange nicht … und ganz viele CaboverdeanerInnen (darunter auch die Vereinspräsidentin Marisa) wird er nie überzeugen können. Und wenn der Verputz noch so glatt und hart wird … es ist und bleibt ‚Dreck an der Wand‘ … Möglicherweise wird uns diese Entscheidung aber vom lieben Geld abgenommen. Nämlich dann wenn keines mehr da ist und wir nur mehr die Wahl haben Lehm- oder gar kein Verputz.
Oberste Priorität hat für uns Anfang Juni ein Schattendach für die Fliesenproduktion gehabt. Damit die Fliesen beim Trocknen nicht reissen. Alle anderen Arbeiten mussten hintangestellt werden … volle Konzentration und Kraft auf das Schattendach … leider ist es mir nicht gelungen meine Bedenken vonwegen ’schnell ein Schattendach bauen‘ überzeugend rüberzubringen … zunächst wurden wir aufgehalten weil die Maurer und Nachwächter das von weit her geholte Zuckerrohr für die Deckung aufgegessen haben, dann haben Architekt Frank und Helfer Rene Holzlatten geknüpft was das Zeug hält und mir die Nachteile von ’negativem Denken‘ versucht beizubringen … die Fliesen trocknen Ende Juni immer noch in der Sonne und reissen nicht, das Schattendach hat seinen Namen bis heute nicht verdient … nur dessen Gerüst wirft ein klein wenig Schatten …
Nach all diesen Schilderungen wird wohl auch der letzte Leser Verständnis für den Architekten haben der am Monatsende beschlossen hat er muss die Insel wechseln und urlauben …
Für mich den geplagten Projektleiter waren all diese Schwierigkeiten aber noch Nichts gegen das was uns der letzte Monatstag beschert hat. An sich ein ganz normaler Wochentag. Die Baustelle ist aber stillgestanden weil die Tochter des Chefmaurers geheiratet hat. Grosses Fest. Vom Architekten bis zum Wasserträger waren natürlich alle eingeladen.
Auch ich wollte dorthin. Aber dann hat unser Delta Auto beschlossen in Fazenda (einem sehr abgelegenen Dorf eine Bucht von Tarrafal entfernt) seinen Geist aufzugeben. Der Fahrer hat mir diese grossartige Neuigkeit um 6 Uhr in der Früh überbracht. Kurz darauf ist die arme Idalena von einer Mauer gefallen und musste ins Spital nach Assomada (in Tarrafal gibt es keine Röntgengeräte und nur Ärzte die stark blutenden Frauen nach dem Verlust eines 3 Monate alten Embryos Aspirin verschreiben).
Während ich vergeblich versucht habe in Fazenda das Auto zum Laufen zu bringen hat Idalena in Assomada einen Gips verpasst bekommen. Sie hat sich die Hand gebrochen. Oder den Unterarm? Der blöde Gips geht bis über den Ellbogen und muss 3 Wochen bleiben … die Ärmste!
Am Abend dieses Tages der mir dauernd die Tante Jolesch und ihr ‚Gott behüte mich vor Allem was noch ein Glück gewesen ist‘ in Erinnerung gerufen hat, ist es mir doch noch gelungen das Auto zu reparieren (der blöde Benzinfilter hat ein Loch gehabt und musste getauscht werden … Ersatzteile nur in Assomada. Der Mechaniker in Tarrafal hätte es wohl mit Aspirin versucht?!).

So!
Es ist wirklich ganz irrsinnig toll diesen Monatsbericht als Plattform für mein Gejammer zu haben! Hier kann ich lamentieren was das Zeug hält ohne dass mir jemand dreinreden kann und mit blöden Geschwätz vonwegen ‚positivem Denken‘ meinen mitleiderregenden Zustand schönzufärben versucht. Es ist nun mal nicht positiv dass sich Oberputzdosen nur schwer mit Unterputzkabeln verbinden lassen. Oder dass Holzflachdächer Folien brauchen um dicht zu werden die es in Cabo Verde nicht gibt. Oder dass die Schwerkraft kleine Mädchen von Mauern fallen lässt. Was bitte soll daran positiv sein?
Ich werde mich auch standhaft weigern es als positiv zu betrachten wenn Ende Oktober in Tarrafal ein halbfertiges Kinder- und Jugendzentrum steht und die Projektleiterfamilie in Kuba untergetaucht ist.

Aber ich, der weise Projektleiter, weiss genau, dass ich in Monatsberichten nicht jammern darf. Das kommt blöd rüber. Kann Leser dazu anregen das Projekt als gescheitert und nicht mehr unterstützungswürdig anzusehen. Aber das ist ja nicht der Fall. Weil sich der Juni nämlich wiefolgt abgespielt hat:

Wir haben hier in Tarrafal auch im Juni wieder viel gelernt. Für unser Leben und für das Leben von Kinder- und Jugendzentren. Trotz Arbeit an 7 verschiedenen Fronten ist es uns gelungen einen zufriedenstellenden Baufortschritt zu erzielen. Die Mauern sind praktisch fertig. Das erste Haus (Dusch- Umkleideraum und WC’s) ist gedeckt, die Lehrlinge können also mit Sicherheit auch bei Regen duschen, kleiden und …
Die Dachdeckung ist zwar noch nicht dicht aber Gott sei Dank gibt es in Europa Folien mit denen wir das hinkriegen werden! So können wir gleich weiteres Baumaterial das es in Cabo Verde nicht gibt herschaffen. Und auch wenn es bis nach Eröffnung des Zentrums dauert bis das Material in Tarrafal eingetroffen ist, so mache ich mir deswegen keine Sorgen. Bis dahin ist die Regenzeit eh schon wieder vorbei!
Grossen Erfolg haben wir im Juni mit unserer Fliesenproduktion gehabt. Es arbeiten jetzt 4 sehr geschickte Frauen und Männer an der Herstellung. Sie produzieren viel schneller als wir es uns erwartet haben. Bis zu 150 Fliesen pro Tag. Bisschen blöd ist, dass es katholische Fliesen sind die darauf bestehen einen Papst zu wählen. Unser Brennversuch ist daher gescheitert. Macht nichts. Man lernt aus Erfahrung. Jeder einzelnen Fliese erzähle ich jetzt ausführlich von ‚unserem Ratzi‘.
Nach detaillierten Überlegungen und Abwägung sämtlicher Vor- und Nachteile konnten wir im Juni die Elektroplanung abschliessen. Ob Ober- oder Unterputz ist schlussendlich egal … Hauptsache es wird Licht.
Gut voran kommen die Lehmputzversuche von Frank. Er investiert viel Zeit und Liebe in dieses ‚Projekt im Projekt‘. Marisa steht ihm zur Seite: sie hat beschlossen alles in Zement verputzen zu lassen.
Besonders liebvoll haben wir uns im Juni um unsere Maurer und Nachtwächter gekümmert. Neben ihrem normalen Gehalt haben sie diesen Monat auch an unseren Dächern knabbern dürfen. Die Idee mit den Zuckerrohr-Schattendächern haben wir verworfen.
Ende des Monats sind der Architekt und die Projektdokumentatorin endlich zu ihrem wohlverdienten Urlaub gekommen. Sie haben sich als Urlaubsziel eine Insel ausgesucht auf der es keinen einzigen Naturstein gibt.
Mir ist jetzt die Möglichkeit geschenkt ganz alleine zu entscheiden wie lange die Schenkel der Eisenwinkel sein müssen damit sie den Dachbalken halten, ich kann die Lichtschalter und Steckdosen hinsetzen wo es mir gefällt, ich kann Handwerker herumkoordinieren und kontrollieren ohne störendes Architektenfachwissen, ich muss bei dem wunderschönen Fest (traditionelle Kleidung, Essen und Musik) das ‚Delta Cultura‘ veranstaltet hat nicht fotografieren weil die Urlaubenden meine Digitalkamera mitgenommen haben, ich darf den Monatsbericht ohne Photos verschicken weil sich diese auf dem Computer der Urlaubenden befinden …
Besonders positiv war der letzte Tag des Monats Juni. Ich durfte mehrmals nach Fazenda fahren. Ein wunderschönes Tal mit idyllischer Staub-Schotter-Steinstrasse. Ich habe dort gelernt wie man ohne geeignetes Werkzeug festgerostete durchlöcherte Benzinfilter austauscht und die Sorgen die ich mir während dieser Arbeit um meine Tochter gemacht habe die zur gleichen Zeit im Spital in Assomada war, haben sich als unnötig herausgestellt. Sie hat bei ihrem Sturz von einer Mauer grosses Glück gehabt. Hat sich nur die Hand gebrochen.

Das also liebe Leser, waren die zwei Versionen der Juniaktivitäten in Tarrafal. Welche Sichtweise die bessere ist, diese Entscheidung überlasse ich jedem Einzelnen …
Und ganz abgesehen ob positiv oder negativ: es gibt auch im Juni wieder Menschen denen ich meinen ganz besonderen Dank aussprechen will. Allen voran Rene. Der liebe Vöcklabrucker war hier, um uns 4 Wochen lang unter die Arme zu greifen. Nur bei mir ist ihm das nicht gelungen weil meine Arme vor Erschöpfung so schwer waren, dass er nicht d’runter gekommen ist … aber das ist schon wieder ein negativer Scherz … Rene hat auf alle Fälle geholfen wo er nur konnte: Fliesenproduktion, Schattendach, Holzdach … er hat sich in das Projekt eingelebt, die Hintergründe erkundet, die Schwierigkeiten analysiert und mir in vielen Gesprächen weitergeholfen. Seine Entscheidung Tarrafal früher zu verlassen als vorgesehen liegt einerseits daran, dass er eine schwangere Frau zu Hause hat die leider keinen Flug hierher bekommen hat und andererseits weil er die dringende Notwendigkeit der Spendenlukrierung in Europa erkannt hat. Er will sich in den nächsten Wochen dieser annehmen und eventuell im August wieder herkommen.
Auch gibt es inzwischen einen weiteren deutschen Architekten der uns selbstlos hilft! Peter war hier in Tarrafal, hat das Projekt kennengelernt und sich bereiterklärt für uns das notwendige Baumaterial in Deutschland zu besorgen. Ich möchte ihm auf diesem Wege für all die Zeit und das Geld (Telefonkosten!! Mindestens zweimal pro Woche ruft er uns an!) danken die er für uns investiert.
Besonders aktiv war im Juni der liebe Fu. Ihm und seiner Freundin Jenny verdankt Delta Cultura die neue Homepage! Auch arbeitet er an verschiedenen Spendenlukrierungsmöglichkeiten. Ich bin überzeugt sie werden Früchte tragen.
Und das Wichtigste an diesen und vielen weiteren Helfern: ich habe nie das Gefühl allein gelassen zu werden!!!! Und damit kann eigentlich nichts mehr schief gehen?!

Zum Abschluss eine weitere Sichtweise auf das Projekt und meine persönliche Befindlichkeit:
Würde es uns gelingen das Projekt von Anfang bis Ende ohne Schwierigkeiten, ohne Phasen der Erschöpfung und leichten Verzweifelns über die Bühne zu bringen, sollten wir uns augenblicklich für die Ämter des UNO-Generalsekretärs, des Präsidenten der Weltbank, der Caritas, des Roten Kreuzes, des Ministers für sämtliche Angelegenheiten und als Vorsitzende von Delta Cultura bewerben! Wir würden auch ganz bestimmt gewählt werden.

Ich freue mich schon auf einen positiven Julibericht in dem kein Wesen Päpste wählt, niemand unsere Dächer isst, berühmte Verpackungskünstler (verdammt mir fällt der Name von dem Typen nicht ein) unser Kinder- und Jugendzentrum mit hochmodernen Folien versorgt, die Leichtigkeit die das Leben haben kann aus allen Poren sprüht, niemand Urlaub braucht weil es so heiss ist dass kein Mensch arbeitet …

Bitte, ihr lieben Leser, vergesst unseren Spendenaufruf nicht damit wirklich alles sprüht.
Dank und liebe Grüsse,

das Projektleiterchen

One thought on “Monatsbericht Juni 2005

  1. Hallo Florian
    Warum soll es dir anders ergehen, in der Organisation, als bei uns in Calheta de Sau Miguel.
    Aber du hast dein Vorhaben voll im Griff und wir wuenschen dir gutes Gelingen bei deinen Projekten!!!!!

    Vielleicht sehen wir uns 2006
    Staedtefreundschaft Calheta/ Deutsch-Wagram
    Erich Buerger – Projektleiter Optik

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