Monatsbericht Juli 2005

Mir zittern die Finger, Panikgefühle steigen in mir auf, nix lässt sich aus meinen Handgelenken schütteln, mit links geht gar nichts mehr … dabei gäbe es von so vielen heiteren Episoden aus dem Juli zu erzählen.
‚Aber was ist denn eigentlich passiert?‘ wird sich jetzt kein Mensch fragen weil alle wissen dass ich wieder mal masslos übertreibe.
Ich beantworte diese nie gestellt Frage trotzdem! Einfach weil es genau diese ’nicht gestellten Fragen‘ sind die so ungemein zur Entwicklung der Menschheit beitragen könnten. Was hilft es schon wenn wir uns fragen ‚Wie spät ist es?‘ oder ‚Ist das Essen schon fertig?‘, ‚Wieso kommst du heute so spät von der Arbeit nach Hause?‘, ‚Hast du dir schon die Zähne geputzt?‘, ‚Was hat das Alles mit einem Monatsbericht über ein Kinder- und Jugendzentrum in Tarrafal zu tun?‘ … alles Fragen die uns in keiner Weise weiterbringen. Lieber sollten wir uns fragen ‚Was haben wir uns noch nie gefragt?‘ … wenn wir dann auch noch aufpassen mit vorschnellen Antworten kann eigentlich nichts mehr passieren …

… und ob es jemand glaubt oder nicht: während meiner philosophischen Stunde über gefragte Fragen hat sich mein lieber Computer anscheinend auch gefragt was das Alles eigentlich soll und hat sich von seinem Rechengeist verabschiedet! Zwei Tage lang haben alle Delta Cultura Mitglieder versucht ihn wieder zum Leben zu erwecken. Erfolglos! Er fristet jetzt ein noch trostloseres Dasein in der Ecke da hinten. Unter meinem Schreibtisch reagiert ein neuer Rechner. Der letzte den es in ganz Tarrafal gegeben hat.
War kein unbedingt guter Moment den sich der Rechner für seine Geistaufgabe ausgesucht hat, aber so sind sie nun mal … die die glauben sich alles ausrechnen zu können!!??

Der Gedankengang der mir vor Tagen die Finger hat zittern lassen, damals als ich diesen Monatsbericht angefangen habe, dieser Gedankengang ist wie weggelöscht. Habe doch tatsächlich ganz vergessen warum ich so panisch war. Kann also nicht so schlimm gewesen sein. Ist halt bisschen blöd wenn sich jemand schon auf die Auflösung dieser seltsamen Einleitung gefreut hat … es gibt sie nämlich nicht!?

Der Juli! Ist vergangen! Und ich habe ihn damit verbracht den Schaden den der Juni-Monatsbericht angerichtet hat … auszubügeln? … oder wie sagt man da? Bügeln ist wohl der falsche Ausdruck. Wer bügelt schon wenn irgendwas Blödes passiert? Obwohl … vielleicht hilft es?! Sprichwörter und so Sachen haben ja immer ein Körnchen Wahrheit. Wenn denn das nächste Mal kein Wasser auf der Baustelle ist weil der Tankwagen der Gemeinde nicht und nicht daherkommt, werde ich nach Hause eilen und meine Hemden bügeln … mehr dazu im August-Monatsbericht!
Also der Schaden des Juni-Monatsberichts. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich vielleicht manchmal etwas übertrieben ironisch, sarkastisch, phantastisch, schreibe … aber ich will damit niemanden vor den Kopf stossen, beleidigen, irritieren oder gar hintenrum schlecht machen. Ausserdem gibt es niemanden den ich beleidigen, irritieren oder hinten schlecht machen müsste. Vorne sind wir alle irgendwie schlecht, da erübrigt sich die Diskussion sowieso?!
Ich bin auch in keiner Weise böse wenn jemand aus dem Verteiler dieser Berichte gestrichen werden will. Weil ich werde mir die Freiheit dieser Monatsberichte erst nehmen lassen wenn einer meiner grossen Brüder kommt und allen die mich ärgern eines in die Fresse haut! … Was wiedereinmal überhaupt nichts mit irgendwas zutun hat?!

Also: seid beruhigt liebe Leser. Es ist Alles nicht so schlecht wie es der Juni befürchten hat lassen. Es fehlt uns jetzt nur mehr ein Dach (von gesamt 8!) über dem Kopf (von gesamt 157?). Der Container mit Baumaterial ist jetzt schon lange auf dem Weg hierher! So lange dass wir uns langsam fragen in welchem Teil der Erde sich gerade jemand über 6 Meter lange Fichtenbalken freut?! … es geht schon wieder los?!

Wie an diesen Photos unschwer zu erkennen ist, gibt es überhaupt keinen Grund sich zu beklagen! Der Bau des Zentrums macht erfreuliche Fortschritte! Die Dächer sind bis auf eine ‚Hütte’ (auf dem Photo ganz rechts) fertig. Es fehlt noch die Folie die wir aus Europa herbringen müssen. Neuer Termin für die Containerankunft ist 16. August. Natürlich lässt es ich nicht mit Garantie sagen, dass wir bis Ende September fertig werden. Wer weiss was für Teufelchen uns noch versuchen werden in die Suppe zu spucken … ich verzichte daher seit Monaten auf Suppe und habe mich auf’s Bügeln verlegt. Viel schneller als gedacht ging das verputzen.
Es sind praktisch schon alle Räume verputzt. Es fehlen noch die Ecken und das ‚Anputzen’ an die Fenster- und Türstöcke. Und es ist nach langem Hin- und Herüberlegen doch Zementverputz geworden! Der Lehm muss weiter am Boden rumliegen und auf höhere Aufgaben warten.Ich bin nicht wirklich froh über diese Entscheidung?! Obwohl ich sie ja selbst getroffen habe. Aber wer ist schon über alle selbst getroffenen Entscheidungen froh?! Manchmal muss man halt entscheiden und der Frohheit sagen sie soll Urlaub auf den Malediven machen. Warum gerade die Malediven darüber scheiden sich die Geister.Wer auf alle Fälle wirklich nichts dafür kann ist Frank! Der liebe Mann hat mir bis zum Schluss die Vorteile von Lehmverputz näher zubringen versucht. Mir sind diese auch restlos bewusst und ich werde mein Haus, sollte ich jemals eines bauen, sicher nicht mit Zement verputzen … ABER: wir leben in einer Zeit in der Härte gefragt ist. Die Weichen, die die sich im Falle eines Risses einfach wieder glattschmieren lassen … diese atmungsaktiven Typen, sind heutzutage einfach nicht mehr gefragt. Sauerstoff ist out! ‚Glatt’ zwar noch nicht, aber dafür ‚schmieren’. Warum, das weiss ich auch nicht. Muss allerdings gestehen, dass all diese In-Out Bespiele in meinen Überlegungen keine Rolle gespielt haben. Einziger Grund warum es Zement und nicht Lehm geworden ist: die Menschen hier finden das blöd. ‚Dreck an der Wand’. Und daran würde auch die Tatsache nichts ändern, dass sie – wenn verputzt ist – keinen Unterschied mehr sehen würden. Sie lehnen es grossteils ab. Und schliesslich bauen wir das Zentrum für die Leute hier! Nicht abgeschrieben habe ich allerdings die Arbeit mit Lehm. Neben der Fliesenproduktion die sehr erfolgreich läuft will ich unbedingt nach Fertigstellung weiter mit Lehm experimentieren … eine dieser vielen Ideen die so durch meinen Kopf geistern die aber allesamt derweil Geister bleiben müssen. Zunächst einmal ist Baufertigstellung gefragt.

Soviel zur Baustelle. Natürlich gäbe es noch viel zu erzählen, aber durch meine ständigen ‚Ausflüge’ in die Tiefen der menschlichen Seelen wird das Alles zu langwierig.
Ausserdem kommen wir jetzt langsam zu einem Punkt an dem das Nichterscheinen so vieler Freunde, Verwandter und Bekannter in Tarrafal nicht mehr lustig ist. Und ich frage mich ob das etwa auch an dieser ausgezeichneten Berichterstattung liegt?! Alle sind so gut informiert, dass sie es gar nicht mehr als notwendig empfinden sich das auch einmal anzuschauen. Aber so kann es nicht weitergehen!
Und daher: am 8. Oktober ist Eröffnung! Und wer da nicht kommt den mögen die Kanarienvögel ärgern.
Zur Eröffnung wird ‚Ferro Gaita’ spielen. Die coolste Musikgruppe Cabo Verdes! Funana … wem das was sagt! Und natürlich die ‚Batucadeiras Delta Cultura’! Ehefrau und Tochter des Projektleiterchens werden singen und tanzen …
Frank wird in fliesendem Kreol über die Entstehung des Zentrums erzählen. Ich werde eine Dankesrede halten die alle bisherigen Monatsberichte in den Schatten stellt! Der Bürgermeister wird erwähnen wie froh er ist dass Delta Cultura keine politische Organisation ist?!
Und ich meine das ernst! Ich hoffe doch auf den einen oder anderen Besuch! Daher auch mein Vorschlag: es liesse sich da sicherlich eine Gruppenreise organisieren. Das reduziert die Reisekosten. Habe diesbezüglich bei einem befreundeten Reisebüro angefragt. Also genaugenommen ist nicht das Büro mein Freund sondern die Leute die es betreiben, aber das nur so am Rande.
Wer denn also plant herzukommen möge mir das doch mitteilen. Dazu ein Detail: wer plant mir der TACV zu fliegen muss zwei Wochen einplanen. Denn die fliegen immer Samstags. Und das Fest findet an einem Samstag statt!
Ich harre also der ‚Anmeldungen’!

Gänzlich vernachlässigt habe ich in den letzten Berichten die Fussballschule und die Batucadeiras. Das liegt daran, dass es mir trotz der allerbesten Vorsätze nicht gelungen ist das Zentrum so nebenbei zu bauen … wollte eigentlich immer nur in der Früh kurz auf die Baustelle und den Rest des Tages bisschen trainieren, singen und schwimmen gehen … war und ist aber leider nicht möglich. Zum singen komme ich gar nicht mehr, schwimmen nur äusserst gelegentlich (täglich mittags von 12 bis 15 Uhr?!) …
Die Fussballschule ist bis Ende Juli recht ‚normal’ gelaufen. So ganz ohne mein Zutun! Das beruhigt doch sehr. Die U15 die ich bis Ende Mai trainiert habe hat in den vergangenen zwei Monaten Nene trainiert. Er hat auch ein paar Spiele organisiert.
Die U12 haben mit Jetrú sowieso einen sehr verlässlichen Trainer. Genauso verlässlich wie der Fahrer den Delta Cultura angestellt hat. In der Früh um 7 stehen die Beiden vor unserer Tür, die Kinder holen sich die Bälle und Schuhe und gehen trainieren. Derweil noch nicht auf dem zentrumseigenen Platz … der ist noch nicht p(l)aniert.
Jetzt im August ist trainingsfrei. Und ab September geht es dann wieder richtig und regelmässig und besser als je zuvor weiter. Bis dahin erwarten wir ja auch Beat hier in Tarrafal! … Meine Ideen zum Ausbau der Fussballschule werde ich dann hoffentlich gemeinsam mit ihm verwirklichen!
Etwas zäh ging das Training der U17 von Statten. Wobei sich die Frage stellt wie man ‚von Statten’ schreibt und wo das überhaupt ist?
Eigentlich hat das Problem mit dieser Altersklasse mit dem Umzug von Zé (Marisas Bruder) von Tarrafal nach Portugal begonnen. Er war ein wirklich guter Trainer. Es haben auch einige Spieler aufgehört als er gegangen ist. Das wäre aber nicht das Problem. Vielmehr ist es das unregelmässige trainieren … jedes zweite Training erscheinen nur zwei oder drei Spieler. Und wie soll man denen die Viererkette beibringen?
Auch der caboverdeanische Fussballverband trägt seinen Teil dazu bei die Spieler zu demotivieren. Die U17 hat dieses Jahr erstmals an der regionalen Meisterschaft teilgenommen. Zweite Division. Das Problem dabei: wir bekommen jede Woche einen neuen Spielplan. Weil irgendwo auf der Insel ein kleines Fest stattfindet und daher irgendeine Mannschaft (oder sind es die Schiedsrichter) keine Zeit hat … Vor zwei Wochen ist es mir endlich einmal gelungen die Mannschaft halbwegs ordentlich auf ein Spiel vorzubereiten. Am Spieltag kam die Absage. Die Meisterschaft ruhe für zwei Wochen … ich nehme an weil die Nichte des Bruders der Frau aus erster Ehe des Verbandspräsidenten getauft wurde … nicht das ich irgendwas gegen Taufen habe, aber wenn dann ‚meine’ Spieler die Lust verlieren und 2 Wochen überhaupt nicht mehr trainieren, dann … ich muss mal den Papst fragen was er dazu sagt!?

So gilt auch für die U17. Mit Fertigstellung des Zentrums wird das Alles besser! Ich habe mein Ziel ‚Cabo Verde Fussballweltmeister 2014’ in keiner Weise vergessen. Nur kurzfristig hintangestellt. So wie ich Einiges hintangestellt habe. Inzwischen ist hinter mir gar kein Platz mehr …
Ich habe zwar durchaus ein schlechtes Gewissen wegen der Sachen hinter mir, aber Juli und August sind hier die besten Monate so regelmässige Dinge wie Fussballtraining zu vernachlässigen. Es ist Regenzeit. Die Kinder müssen viel bei der Aussaat helfen und schon in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass es (vor allem im August) wenig Sinn macht zu trainieren.

Auch die Batucadeiras sind von der Saat betroffen! Die wöchentlichen Übungsstunden sind bis Anfang September auf Eis gelegt … leider nicht auf Zitroneneis von Bortolotti … aber trotz Eiszeit haben die Mädchen regelmässig Auftritte. Anfang Juli bei einem grossen Festival am Strand (auch Ferro Gaita haben gespielt) und bei ein paar kleineren Festen. Der nächste logische Schritt für diese Gruppe wäre ganz eindeutig eine CD-Produktion … noch etwas was wir realisieren werden wenn das Zentrum einmal fertiggestellt ist.

Und damit bleiben mir nur mehr zwei Monatsberichte über den Baufortschritt … dann ist das Ding fertig! Soll es fertig sein!? Meine Meinung dazu: zu Beginn des Monatsberichts war ich überzeugt es geht sich nie aus. Während dem Schreiben hat sich diese Meinung verändert. Jetzt bin ich schwer überzeugt dass sich alles ausgeht … und so geht es mir jeden Tag. Manchmal glaube ich sogar früher fertig zu werden, manchmal (blöder Weise immer kurz vorm Einschlafen) denke ich das geht sich nie und nimmer aus. Welche dieser zwei Theorien der Realität näher kommt wird sich in weniger als zwei Monaten zeigen … weniger als zwei Monate?! Nein, das geht sich nie aus … Also Frank sagt, wir schaffen das! Marisa enthält sich der Meinung und der Container ohne den wir die Dächer nicht fertig machen und keinen Strom verlegen können lächelt sich in Portugal ins Fäustchen … hätte ich was zu sagen, ich würde Container ohne Fäustchen bauen …

So das war’s denn auch schon wieder. Diesmal etwas eilig geschrieben, aber ein kurzer Überblick ist hoffentlich gegeben.
Abschliessend möchte ich nochmals die Eröffnung am 8. Oktober erwähnen! Wir alle hoffen auf zahlreichen Besuch. Wir haben extra einen Termin ausgesucht an dem nirgendwo auf dieser schönen Welt ein anderes Zentrum welcher Art auch immer eröffnet wird. Es gibt also keine Ausrede!

Einen schönen Sommer wünschen wir Euch allen.

Das Projektleiterchen

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