Monatsbericht August 2005

Der August ist vorbei und ich habe das Gefühl den gesamten Monat nur gebaut, Projekt geleitet und geschlafen zu haben. Ich vermute stark das kommt daher, dass ich den gesamten August nur gebaut, Projekt geleitet und geschlafen habe.
Seit Wochen schon freue ich mich auf diesen Bericht damit ich endlich mal was anderes machen kann.

Schliesslich sind so Arbeiten wie Fliesen kleben bestens dazu geeignet seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Pro geklebter Fliese habe ich immer Einen … Gedanken. Gesamt habe ich bisher 50 m2 verfliest. Jeder Quadratmeter (bitte das ‚Qua’ besonders beachten) hat 25 Fliesen. Macht genau 1250 Fliesen und Gedanken … die ich jetzt alle zu Papier bringen will … die Gedanken … die Fliesen kleben ja schon fest.

Also bei der ersten Fliese war der dazugehörige Gedanke noch banal. Irgendwas mit ‚Fliesenfugen sollten alle gleichbreit sein …’ oder so ähnlich. Nicht wert in einem Entwicklungszusammenarbeitsprojektsmonatsbericht erwähnt zu werden.
Bei der zweiten Fliese (die Fuge war gleich breit weil es die einzige war) haben meine Gedanken dann so richtig angefangen. Ich habe das fertige Zentrum vor mir gesehen – mit all seinen gleichmässigen Fugen, zementverputzten Wänden, Holzdächern … und es war gut so.
Bei der dritten Fliese war die Fuge ungleich ihrer Vorgängerin, Frank der Architekt kam kreidebleich hereingestürzt und hat ganz wirr von Zement geredet der im Gegensatz zu Lehm nicht atmen kann, Regen hat eingesetzt, schelmisch grinsende Regentropfen haben die Löcher in unserer Spezialfolie auf den Dächern gefunden … mein Drittfliesgedanke: ‚welcher Vollidiot hat mir eigentlich eingeredet ich könne ein Kinder- und Jugendzentrum bauen und leiten?’
Es lässt sich aus dieser Schilderung – mit ganz eindeutig ansteigender Spannung – schon ersehen: meine Gedanken von Fliese 4 bis 278 sind wirklich nicht veröffentlichbar. Die würden so manchen Leser vor den Kopf stossen … ich weiss, das passiert zwar immer wieder mal in diesen Monatsberichten – die Kopfstösse – aber so ganz will ich mein mühsam erarbeitetes Image des ‚guten Florian’ ja doch nicht zerstören. Weil auch ich will geliebt werden. So wie jeder andere Fliesenleger auch … ich bin ja kein Architekt … die einzige Gattung Mensch der es anscheinend ganz egal sein dürfte was die Anderen von ihnen denken?!
Aber das war ein Vorgriff auf Fliesengedanken 318. Und hat ausserdem absolut nichts mit unserem Lieblingsarchitekt Frank zu tun. Er ist im Gegenteil ein besonders liebesbedürftiger Architekt der immer auf Harmonie bedacht ist und nie ein böses Wort verliert. Im August war er ernsthaft böse auf mich weil ich gesagt habe der Zolldirektor sei ein Arschloch (vor Baubeginn habe ich nie derartige Kraftausdrücke verwendet). In einer – von der eigentlichen Arbeit des Abflusszusammensteckens ablenkenden – Diskussion hat Frank mir auseinandergesetzt warum es in Wirklichkeit gar keine Arschlöcher gibt …

Etwas umständlich ist es mir jetzt endlich gelungen zu berichten, dass die Fliesen teilweise geklebt sind (im oberen WC ist die vorletzte waagrechte Fuge viel breiter als alle anderen), die Abflüsse schon mal zusammengesteckt waren (inzwischen fliegen die Einzelteile auf der gesamten Baustelle herum), dass es uns trotz toller Extraspezialfolie noch nicht gelungen ist die Holzdächer dicht zu bekommen und das praktisch alle Räume verputzt sind. Mit Zement. Eine einzige Wand ist dem Frank noch geblieben. Dort hat er in weiser Voraussicht schon vor Monaten ein paar Eimer Lehm drangeworfen … die fleissigen Handwerker haben in ihrem Eifer zwar schon versucht den Dreck wieder von der Wand zu bekommen, Frank hat sie aber noch rechtzeitig ‚erwischt’ … wir haben nämlich beschlossen mit dieser einen Wand (in der Schreinerwerkstatt) ein Exempel zu statuieren. Sie wird in Lehm gehalten und ihr Leben lang atmen … die umliegenden Zementwände werden in ihrem erfolglosen Ringen nach Luft Risse bekommen …

Und diese kleine Leerzeile da oben wirkt zwar sehr unscheinbar … es hat mich aber 5 Tage gebraucht sie einzufügen. Soll heissen, ich bin die letzten Tage nicht und nicht zum Schreiben gekommen.
Es waren äusserst mühsame Tage. Kraft- und Motivations raubende Tage. Hauptgrund sind unsere, zwar irrsinnig schönen, aber undichten Flachdächer. Eine bisschen eine saudumme Sache … mit einfachen, sprich kostengünstigen Mitteln nicht dicht zu bekommen. Und etwas anderes als kostengünstig erlauben unsere Finanzen nicht. Gott sei Dank ist mir im letzten Moment die Lösung eingeschossen und ich habe heute bereits alles in die Wege geleitet …
Wir bauen kein Kinder- und Jugendzentrum, wir bauen eine öffentliche Duschanstalt! Wer braucht schon Ausbildung?! Sauber müssen die Menschen sein!
Der Bürgermeister war begeistert von der Idee und hat versprochen sich bei der Eröffnung als erster zu duschen! Er hat sich die Schneiderwerkstatt für dieses sicherlich einmalige Event ausgesucht! Jetzt hoffen wir nur noch, dass es am 8. Oktober regnet!
Ganz besonders dankbar bin ich dem lieben Gott, dass er uns unter den vielen deutschen Architekten die er uns geschickt hat, auch den Peter Fink hat sein lassen. Diesem begnadeten Menschen ist es nach monatelangem Studium der Materie gelungen uns eine Unterspannfolie für Stahldächer zu schicken die für Holzflachdächer wie die unseren vollkommen ungeeignet ist. Und damit es uns auch unter grössten Anstrengungen nicht gelingen kann mit dieser Folie auch nur ein Dach dicht zu bekommen hat er uns auch noch das schmalste aller Klebebänder geschickt das er hat auftreiben können.
Ich kann gar nicht ausdrücken wie unglaublich dankbar ich diesem Menschen für all seine Mühe bin! Er hat natürlich den Rest seines Lebens freiduschen bei uns zu Gute. Sei es im Unterrichtsraum oder in der Kantine …

Leider ist die Geschichte aber nicht wirklich lustig. Vor allem weil sie vielen von uns die Stimmung versaut und Motivationsschwierigkeiten. Es gibt jetzt nämlich tatsächlich keine Lösung diese Dächer ‚auf die schnelle’ dicht zu bekommen … es bleibt mir nur die nüchterne Erkenntnis dass ich in diesem Fall einfach falsch entschieden habe.
Einer meiner vielen lieben Brüder hat mir noch vor Baubeginn geraten nur so zu bauen wie es die heimischen Handwerker kennen und können … aber Florian, der tolle Projektleiter, hat es ja besser wissen müssen!
Nicht dass ich jetzt an meinen Selbstvorwürfen zerbreche, aber ich würde mich gerne in alle meine irgendwie erreichbaren Backen beissen.
Ich widerstehe diesem Verlangen bisher standhaft und versuche halt so gut es geht mich den anderen Aufgaben zu widmen. Derweil noch unfähig eine Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen. Eröffnung verschieben? Ausbildungsbeginn Anfang Oktober? Im Regen? Wohin mit all den Sachen die im Container sind der hoffentlich Mitte September ankommt? Unter Folienloch Nummer 7 oder 256?
Viel Zeit habe ich zwar nicht das zu entscheiden, aber es fehlt mir noch irgendwas um mich dazu fähig zu fühlen.
Aber kommen wir zu dem Guten dass sich auch in Folienlöchern, Regenwasserlacken in Schreinerwerkstätten und in unregelmässigen Fugen finden lässt. All diese Sachen – oder war es doch etwas anderes?! – haben mich endlich zurück zu dem Projekt geführt! In den vergangenen Monaten habe ich ja schon geglaubt ich sei Zentrumsbauer. Das geht auch wunderschön aus meinen vorangegangenen Monatsberichten hervor. Es geht da ja um nichts anderes mehr als um den Bau. Ich habe etwas den Blick auf das Wesentliche verloren. Nämlich die Ausbildungen und Aktivitäten die wir in diesem Zentrum anbieten werden. Um diese geht es schliesslich. Und nicht darum wie breit Fugen sein müssen, welche Farbe am besten zu meinem Schreibtisch passt oder wer am besten atmen kann.
Ich habe im August eine immer grösser werdende Vorfreude auf den bevorstehenden Betrieb des Zentrums in mir aufkommen gespürt. Das hat mir Kraft gegeben den Bau voranzutreiben und zu Ende zu bringen… bis dieses blöde Wasser von den Dächern getropft ist … oder sind die Dächer blöd und nicht das Wasser? Oder der Projektleiter?
Ich bin mir aber sicher, dass diese Freude wiederkommen wird. Nur bin ich mir nicht mehr sicher ob wir alles termingerecht hinbekommen.

Ihr lieben Leser werdet schon bemerkt haben, dass ich mich in einer emotional ungemein schwierigen Situation befinde … auf meine Freude tropft Wasser, Verirrungen auf dem Weg zum Kinder- und Jugendzentrum werden sichtbar, das Projektleiterchen muss Fehler eingestehen, Backen lassen sich nicht beissen …

So aber jetzt wirklich genug der Jammerei.

Bevor nämlich Foliendilemma angefangen hat sind ja noch ganz viele andere Sachen am Bau passiert. Die Elektroarbeiten haben angefangen, das Verlegen der Terra-Cotta-Fliesen hat dank Eva seinen Anfang gefunden und alle anderen Arbeiten sind zwar bisschen langsam aber doch stetig vorangekommen.Wobei mich das ‚langsam’ an einen meiner ‚Fliesengedanken’ erinnert: wer hat wohl das Gerücht in die Welt gesetzt, dass Caboverdeaner faul und träge seien? Ich höre dass immer wieder von verschiedensten Leuten. Sowohl von Europäern als auch von Caboverdeanern … meine Erfahrungen der vergangenen Monate am Bau haben genau das Gegenteil gezeigt. Da arbeiten ganz viele Menschen für sehr wenig Geld 8 Stunden pro Tag, 6 Tage die Woche. Auch während der grössten Mittagshitze.Und wenn ich deren Leistung sodann mit denen der vielen europäischen Helfer die wir inzwischen hier gehabt haben vergleiche … Marisa findet inzwischen ‚Europäer sind faul und träge’ …Möchte mir dieser kleinen Zwischenmeldung aber in keiner Weise irgendwem auf die Füsse treten. Es ist nur ein kleiner Beitrag zu der leider weitverbreiteten Meinung wir Europäer müssten den Afrikanern ‚richtiges Arbeiten’ beibringen. Ich weiss inzwischen, dass dies nur Menschen glauben können die irgendeinem europäischen Lokalwahn verfallen sind, der sie glauben macht einer weiterentwickelten Gattung Mensch anzugehören … leider weist aber einiges darauf hin, dass wir zwar wickelter sind aber nicht ‚ent’ sondern ‚ver’.Womit sich wieder einmal alle fragen dürfen was das mit dem Bau des Kinder- und Jugendzentrums zu tun hat?! … Möchte zu meiner Verteidigung nur sagen, dass es sich ja schliesslich um einen Fliesenklebgedanken des Projektleiterchens handelt … Das letzte Foto in dieser Reihe zeigt übrigens Nene beim befeuern unseres Brennofens. Eine Tätigkeit die mindestens 8 Stunden durchgehende Arbeit verlangt. Nene macht das bis zu 3 mal wöchentlich. Neben seiner täglichen Aufgabe des Fliesenherstellens. Neben seinem 2 mal wöchentlichem Training mit der U10. Neben seiner Tätigkeit als Nachtwächter in unserer Bar. Er bekommt dafür 150 € im Monat. So ungefähr 3 Tage nach Erhalt seines Lohns hat er für den Rest des Monats kein Geld mehr in der Tasche. Auch nicht um ‚mal auf ein Bier zu gehen …

Und damit findet ein etwas ‚unangenehmer’ Monatsbericht sein Ende. Möchte abschliessend aber nochmals darauf hinweisen, dass es trotz aller Jammerei kein wirklich schlechter Monat war. Der Bericht hat nur das Pech gehabt gerade zu einer Zeit fällig zu werden in der sich die Probleme etwas gehäuft haben.
Bin mir sicher der nächste Bericht wird ganz unglaubliches von dichten Dächern und fertigen Kinder- und Jugendzentren zu berichten wissen … unsere Schutzengel werden schon noch rechtzeitig aktiv werden.
Möchte auch keine Sorge verbreiten, dass wir die Eröffnung verschieben. Es müsste schon sehr blöd hergehen wenn ich diese Entscheidung treffen muss. Es muss ja nicht alles fix und fertig sein bis dahin. Und ab spätestens Anfang kommender Woche plane ich Nachtschichten auf der Baustelle ein. Gemeinsam mit faulen und trägen Caboverdeanern die sich schon als freiwillige Helfer gemeldet haben.

Nicht vergessen will ich unseren aller Dank an alle die uns auch im August unterstützt haben! Ganz viele liebe Menschen tragen ganz viel dazu bei dass wir am 8. Oktober mit Ferro Gaita feiern können! Und wer sich das entgehen lässt ist selber schuld.

Deus ku njos,
Das Projektleiterchen

2 thoughts on “Monatsbericht August 2005

  1. Gratuliere dem Projektleiter wie er sich trotzn Widrigkeiten (Fliesen, Regen)sich nicht unterkriegen lässt und langsam aber stetig die Arbeit dem Abschluß entgegenführt. Mainen besten Wünsche für den Rest der Arbeit

  2. Ahhh. Immer wieder ein Vergnügen, diese Monatsberichte von Dir, Flo.

    Bedauere schon jetzt zu tiefst zur Eröffnung nicht da sein zu können und werde in den kommenden Wochen wahrscheinlich zunehmendes Fernweh nach Cabo Verde spüren… Ich muss einfach wieder vorbeikommen! Egal wann, egal wie… Scheiss auf die Kohle!

    Ich wünsche Euch jedenfalls ganz wenig Regen, dichte Folien und gleichgrosse Fliesen.

    Da fällt mir noch ein: könnt Ihr noch Schreiner gebrauchen? Ich hätte da einen…

    Liebe Grüsse an alle, deus ku nhos,

    Fu

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