Monatsberichte September – November 05

Der September ist vergangen, der blöde Oktober auch … obwohl ich gar keinen Septemberbericht geschrieben habe. Der hat sich wohl gedacht ‚ach was soll’s, ich vergehe jetzt weil bis der Florian sein komisches Zentrum da im Griff hat, bin ich längst wieder da!’ … ?
Auch der November hat sich nicht lumpen lassen und schreitet voran als gäbe es keine Monatsberichte aus Tarrafal.

Ganz schockiert bin ich ob der vielen Mails die ich wegen dem Ausbleiben der Monatsberichte bekommen habe … Da glauben doch tatsächlich Einige ich hätte sie aus dem Verteiler geschmissen, andere sind überzeugt das Projekt ist endgültig gescheitert … nein, nein. Nichts von dem ist wahr. Erstens fliegt bei mir prinzipiell niemanden aus irgendwelchen Verteilern, da verteile ich eher noch Schmeissfliegen und zweitens scheitert Vieles im Leben, aber doch nicht Projektleiterchen!? Nicht umsonst habe ich ja den Beruf des Projektleiters an den Nagel gehängt und mich zum Leiterchen umfunktioniert. Dieses ‚chen’ schützt nämlich ganz ungeheuerlich vor Scheiterungen … wie das genau geht erkläre ich ein andermal. Es sei nur verraten, dass es sehr viel mit Demut zu tun hat! … Und überhaupt wäre die Welt viel besser wenn es mehr ‚chen’ gäbe. Das Bankdirektörchen würde mit seinem Zinsblödsinn aufhören. Das Bundeskänzlerchen fände Zugang zu Ehrlichkeit. Andere würden sich, anstatt zu bushen, hinter Büschchen verstecken …

Aber ich sollte anfangen zu berichten.

Als der September Anfang September angefangen hat (wobei man sich darüber streiten könnte wann genau die Monate anfangen?!) war das Zentrum noch eine Baustelle … und schon kommt mir diese Zeit lange vergangen vor. Die Zeit als ich um 6 Uhr aufgestanden bin, schnell ein paar Mails geschrieben habe vonwegen ‚ich habe jetzt keine Zeit zu antworten weil ich bauen muss’ und mich auf die Baustelle gequält habe um dort zu koordinieren, zu installieren, zu schimpfieren zu antreibieren … bis mich gar niemand mehr gern gehabt hat.
Die Ehefrau nicht weil ich von früh bis spät auf der Baustelle war und wenn ich dann endlich nach Hause gekommen bin war sie todunglücklich wenn ich sie aufgeweckt habe um ihr mitzuteilen ich halte das alles nicht mehr aus und ich wolle jetzt endlich wissen welcher dumme Hund mir eingeredet habe ich könne Zentren bauen …
Der Architekt hat mich überhaupt schon lange vor September für projektleitungsunfähig erklärt und seiner Frau der Projektdokumentatorin beigepflichtet die überzeugt war/ist ich sei ein kleiner Hitler …

Aber abgesehen von ‚Projektleiter gern haben oder nicht’ es ging Anfang September hauptsächlich darum das Kinder- und Jugendzentrum fertig zu bauen. Schliesslich sollte ja am 8. Oktober Eröffnung sein.Irgendwie war ich immer der Meinung, dass spätestens ein paar Wochen vor Eröffnung alle ganz kräftig am Fertigstellungsstrang ziehen werden. Daher auch mein Anfang September noch durchaus optimistischer Optimismus das Ziel zu erreichen. Spätestens ab Mitte September war mein Optimismus allerdings eher pessimistisch.

Hauptsächlich weil ich vergeblich darauf gewartet habe, dass alle – von Projekt- über Bauleitung bis zum letzten Bauarbeiter – nochmals die letzten Kräfte mobilisieren und das Ding fertig bauen …Viel habe ich von allen Seiten gehört, dass gegen Ende eines derartigen Projektes der Stress enorm wird, dass Wochenende und Feierabende entfallen … aber bis zum Schluss waren es an Sonntagen und Abends ab 18 Uhr ausschliesslich Marisa und ich die auf der Baustelle anzutreffen waren … nein, am Wochenende immer auch Elton, Natalina und Idalena … wobei vor allem Ida ganz vorzüglich geholfen hat. Auch wenn sie während der Arbeit ständig Schuhe an und ausziehen musste. Keine Ahnung warum?! Also ich konnte diesen Drang eigentlich die gesamte Bauzeit hindurch unterdrücken?! Aber sie ist halt noch klein …Tatsächlich ist es aber so, dass ich an diesen letzten Monat Bau wirklich nicht gerne zurückdenke. Sicher auch ein Grund warum ich den Bericht so verspätet verfasse.

Je weiter der Monat fortgeschritten ist umso mehr Abstriche mussten wir von dem Ziel ‚Baufertigstellung’ machen. Und es war mir immer klar, dass es ganz mühsam werden wird wenn wir am 8. Oktober eröffnen, die Ausbildungen anfangen und wir noch ‚so nebenbei’ den Bau fertig stellen müssen.Der gescheite Florian hat mit dieser Sorge leider auch vollkommen recht gehabt. Der Oktober war ein mühsamer, ‚stotternder’ Monat … und der November verspricht auch keine Verbesserung.

Mir bleibt tatsächlich nur noch die Hoffnung auf das Christkind. Allerdings kommt das jetzt auch schon 2005 Jahre lang irrsinnig regelmässig ohne dass sich Kinderzentren problemlos bauen lassen. So wirklich restlos mühsam ist der September geworden als der Herr Direktor der Elektra den Plan des Kinder- und Jugendzentrums betreten hat. Nachdem ich seit Anfang Jänner vergeblich versucht habe den lieben Mann dazu zu bringen doch mal die Baustelle zu besuchen um sich ein Bild der Situation machen zu können, hat er eine Woche vor Eröffnung endlich Zeit gefunden mir seine grandiosen Ideen kundzutun.

Delta Cultura müsse lächerliche 30.000 € hinblättern und schon wäre die portugiesische Ausbeuterfirma bereit dem Zentrum einen permanenten Stromanschluss zu beschaffen. Unmöglich sei es allerdings bis zur Eröffnung am 8. Oktober Strom zu liefern.Ach, was habe ich mich gefreut. Das waren genau die Nachrichten die ich mir eine Woche vor Eröffnung erhofft hatte. In stürmischer Leidenschaft bin ich dem Herrn Direktor um den Hals gefallen, hätte ihn auch sofort abgebusselt wenn ich mir nicht schon lange geschworen hätte Portugiesen ganz prinzipiell nie mehr zu busseln. Natürlich war ich nicht wirklich in der Lage dem Herrn Direktor seine Vorgaben widerspruchslos zu akzeptieren. Natürlich hat es ‚Delta Cultura’ nie in Betracht gezogen für den Stromanschluss tatsächlich 30.000 € zu bezahlen. Wie denn auch? Für solche Blödheiten ist wirklich kein Geld da. Natürlich hat sich ‚Delta Cultura’ auf die Suche nach Hebeln begeben.

Wir haben auch Einige gefunden, aber kaum einer lies sich in Bewegung setzen. Der Bürgermeister, der uns bei der Landvergabe noch grossartig erklärt hat das Zentrum werde bis Baufertigstellung Telefon- Wasser- und Stromanschluss haben, hat auf unseren Hinweis, dass wir weder Telefon- noch Wasser- noch Stromanschluss haben mit einem besorgten Gesicht und dem Ausbruch einer kleinen Schweissperle reagiert. Aber als Meister im Delegieren hat er sofort einen Ausweg gefunden. ‚Delta Cultura’ müsse das halt irgendwie bezahlen! … Schon wieder ist mir das Busserlunterdrücken verdammt schwer gefallen!?

Um die Stromsituation in Cabo Verde genau zu verstehen ist ein zweijähriges Studium der Korruptionswissenschaften notwendig. Ich fange also erst gar nicht an das zu erklären. Ausserdem verstehe ich es selber nicht ganz … (das muss ich ja jetzt sagen, sonst glaubt noch jemand ich hätte Korruption studiert?!)

One thought on “Monatsberichte September – November 05

  1. In der Kürze (läge) die Würze. Es ist freilich nichts schwieriger, als sich selbst – auch schreiberisch – zu disziplinieren. Aber vielleicht wollen Sie als Langschreiber-chen die möglicherweise kurzentschlossenen Helferchen verschreckerchen?

    Trotzdem viel Glück für Ihr Vorhaben!

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