Monatsberichte September – November 05

Gelöst hat sich das Stromproblem bis heute nicht. Es ist uns aber gelungen für die Eröffnung einen provisorischen Stromanschluss zu bekommen (am Tag vor der Eröffnung wurde er verlegt, eine Stunde vor Eröffnung hat die Hälfte der Lampen und Steckdosen funktioniert!).
Gelungen ist dies Dank der Hilfe von Filomena, Chefredakteurin der Wochenzeitschrift ‚A Semana’. Sie und die Ex-Managerin von Mario Lucio, mit der wir seit dem legendären Baustellenfest in gutem Kontakt stehen, haben beweglichere Hebel gefunden als wir, waren auch sofort bereit die Geschichte vom ‚Zentrum und der Elektra’ in der Zeitung zu veröffentlichen und so haben wir zumindest ein Provisorium bekommen.
Warum das Provisorium provisorisch ist weiss ich nicht. Es hätte am 7. November auch entfernt werden sollen … aber der Strom fliest immer noch. Wie mir ein Angestellter der Elektra versichert hat auch deshalb weil die Elektra inzwischen mehr Angst vor mir hat als ich vor ihnen … ?!
Was die Strommacher auf alle Fälle wollen ist, dass das Zentrum seinen eigenen Transformator kauft. Das macht die Sache auch so teuer. Laut Kostenvoranschlag den ich nach 34 Telefonanrufen endlich bekommen habe kostet das Ding ca. 15.000 €. Und dann noch die Strommasten und das Kabel … dafür fehlt noch der Kostenvoranschlag.

Nach all den Aufregungen und Anstrengungen, dem vielen Hin- und Her und diesem unglaublichem Zeitaufwand nur um den blöden Strom ins Zentrum zu bekommen, stehe ich der Sache inzwischen etwas gelassener gegenüber. Ich bin einfach an den Punkt gekommen an dem ich gesagt habe ‚ich kann dieses Problem nicht lösen, ich will es auch nicht lösen weil ich nicht einsehe dass Delta Cultura 30.000 € zahlen muss’.
Das ist also wirklich nicht unsere Aufgabe und ich habe sie ganz eindeutig an die Zuständigen weitergegeben. Der Premierminister persönlich hat das Zentrum ein paar Wochen nach der Eröffnung besucht und ich habe diese Gelegenheit dazu genutzt ihm klipp und klar zu sagen, dass weder ich noch Delta noch das deutsche Ministerium in der Lage bzw. gewillt sind die Kosten für einen permanenten Stromanschluss zu tragen. Und sollte die Elektra den Strom abdrehen, dann gäbe es im Zentrum eben keine Ausbildungen mehr.
So habe ich jetzt eine Zusage der Regierung, dass sie die Kosten übernehmen werden … ich solle mit der Elektra verhandeln dass diese uns den provisorischen Anschluss so lange lassen wie benötigt und sobald ich alle Kostenvoranschläge habe muss ich diese an den Premierminister schicken … und bla bla bla … ob das dann wirklich so einfach wird das werden wir ja sehen.

So und damit genug von dieser leidigen Geschichte. Ich kann sie schon nicht mehr hören, geschweige den schreiben …
Auch weil diese Episode leider nicht die einzig Unerfreuliche ist, die mich seit September beharrlich begleitet. Da gab es zum Beispiel viel Streit und nervenzerfetzende Diskussionen mit diversen Kooperationspartnern, eine nach dem Besuch von Sophia (Projektbetreuerin des ASB) notwendig gewordene Umstellung der Buchhaltung, den fehlenden Telefonanschluss wegen dem ich derzeit ständig zwischen Büro und zu Hause hin- und herpendeln muss … und eine Projektleiterchenstimmung die auf Grund dieser Gegebenheiten auch wie verrückt pendelt.
Das stösst vielerorts auf Unverständnis:
Schliesslich haben wir ja doch so Einiges erreicht in den letzten Monaten. Das Zentrum ist erbaut, die Ausbildungen laufen, Strom fliest …
… aber das blöde Projektleiterchen will nicht und nicht in Hochstimmung kommen, weigert sich rührselig zu beglückwünschen, fällt um keine Hälse (ausgenommen portugiesische Direktörchenhälse), meckert mit halbverdorrten Schafen um die Wette und will nicht und nicht einsehen, dass man sich so also wirklich keine Freunde macht.
Ich kann dazu nur sagen: verdammt! Jetzt arbeite ich seit 3 Jahren daran endlich als der gute Florian dazustehen der sich aufopfernd um die armen Kinder in Afrika kümmert und was kommt dabei heraus? Ein kleiner projektleitungsunfähiger Hitler der seine Familie vernachlässigt, seine Frau mitten in der Nacht nach blöden Hunden fragt und europäische Geldgeber mit blöden Sprüchen in die Flucht schlägt.
So geht es also auch nicht … ich sollte einmal meinen Psychenkater fragen ob ich ein Problem mit meinem Image habe? Aber der ist ja auch mehr damit beschäftigt Mäuse zu kriegen und beantwortet derartige Fragen meist unzureichend.

Hilfe, ich schweife ab.

Also ganz ehrlich, ich kann schon verstehen, dass jemand der mich und das Projekt nicht kennt, nach der Lektüre dieser Monatsberichte so seine Bedenken bekommt ob Delta Cultura überhaupt förderungswürdig ist?!
So ist mir schon von verschiedenen Seiten ans Herz gelegt worden doch entweder gar nicht oder etwas sachlicher zu berichten … von anderen Seiten wiederum werde ich gebeten doch gleich das nächste Zentrum zu bauen damit die Monatsberichte nicht ausbleiben … ein Projektleiterchendilemma.
Natürlich will ich in keiner Weise Kooperationspartner abschrecken, Spender verkraulen oder durch heftiges Kopfschütteln herbeigeführtes Kopfweh verursachen.
‚Zu meiner Verteidigung’ sei gesagt, dass diese Berichte nie etwas anderes als die Wahrheit schildern. Wenn auch manchmal etwas drastisch-sarkastisch formuliert und natürlich immer aus meiner subjektiven Sicht … aber ich bin nun mal ein Subjekt und kein Objekt?!
Der/die/das Einzige der/die/das wirklich und vollkommen sachlich berichten kann ist die Sache selbst. Und diesbezüglich steht ‚Delta Cultura’ ja nicht so schlecht da. Mitte 2002 gab es da nur einen Projektleiter und sonst gar nichts. Durch dessen Mutation zum ‚chen’ steht heute ein Kinder- und Jugendzentrum in Tarrafal, der Fussballweltmeistertitel 2014 ist Cabo Verde so gut wie sicher …
Was ‚hinter’ dieser Sache steckt, was hinter den Natursteinmauern des Zentrums vor sich geht, die Anstrengungen, Siege und Niederlagen die das Projekt zu dem gemacht haben was es heute ist, darüber lässt sich wohl nur subjektiv berichten. Da hat jeder Erzähler die Möglichkeit Dinge zu verschweigen, hinzuzufügen, schönzufärben, schwarz-weiss zu malen …
Was ich mit diesen Berichten auf alle Fälle versuche ist, diese Hintergründe, seien sie erfreulich oder nicht, zu erzählen. Ich habe nichts zu verbergen.
… Und immer wenn ich besonders gescheit daherschreiben will kommt der grösste Blödsinn heraus …

Also erzähl ich lieber eine Sache.
Ich habe ja noch nicht einmal alle wichtigen Ereignisse des Septembers erzählt. Da waren ja noch die Ankunft des lieben Beat Clerc, auch die zwei Container mit der Ausstattung des Zentrums sind noch vor der Eröffnung angekommen.
Beat Clerc mit der Absicht sich für 3 Monate ein Bild des Projekts und des Lebens in Tarrafal zu machen um seine Entscheidung, ob sein zukünftiges Leben in Worb oder in Tarrafal stattfinden soll, treffsicherere treffen zu können.
Die Ausstattung des Zentrums hatte diese Entscheidungsschwierigkeiten nicht. Sie kam bereits mit der Absicht ihr restliches Leben in Tarrafal zu verbringen!
Zwei ganz grosse Dankeschön (Dankeschöns? Dankeschöne?) sind an dieser Stelle fällig:
Einmal an Beat Clerc und seine ‚bd sport activen’ für all das Material dass sie in der Schweiz gesammelt haben und für die Übernahme sämtlicher Transportkosten bis Tarrafal. Natürlich gilt der Dank auch all den Spendern des Materials!
Das zweite und genauso herzliche Dankeschön gilt all den Verantwortlichen des grossen Containers der uns aus Deutschland erreicht hat. All den Spendern und all den lieben Menschen die gesammelt, koordiniert und versendet haben.
Das gesamte Material ist inzwischen in Verwendung. Die Nähmaschinen nähen, die Computer computern, die Strumpfhosen strumpfen, die Stoffe stoffen, das Werkzeug werkt, die Scheren scheren, die Bleistifte stiften, die Overalls overallen, die Schuhe schuhen, die Notzizblöcke blöken …
Vieles haben wir an Bedürftige verteilen können. Das Schulmaterial, die warme Kleidung (die Batucumädchen haben sie in den Dörfern der umliegenden Berge verteilt) und auch viele, viele T-Shirts und Unterhosen sind heute in Tarrafal im Umlauf.

Die Ankunft der Container war sicherlich ein Höhepunkt des Septembers und hat uns (sogar mich kurzfristig!), trotz der Hektik die in den letzten Wochen vor der Eröffnung geherrscht hat, jubeln lassen und uns in Erinnerung gerufen warum wir das Alles machen …

Und dann war sie plötzlich da … die Eröffnung. Sie hat tatsächlich am 8. Oktober stattgefunden. Habe eigentlich in keiner Phase, bei keinen Schwierigkeiten die aufgetaucht sind (auch beim Stromproblem nicht), daran gezweifelt dass wir den Termin einhalten können. Meine bis zuletzt – sogar bis heute – grossen Zweifel haben nur die Sinnhaftigkeit betroffen.
Ich habe mich bis in der Nacht vor der Eröffnung gefragt ob ich überhaupt ein Zentrum dass keinen ordentlichen Stromanschluss, keinen Telefonanschluss und damals noch kein funktionierendes Wasser- und Abwassersystem gehabt hat, das in einigen wichtigen Details noch nicht fertig ist (Dächer undicht, keine Fensterläden die vor Einbruch schützen, etc.) überhaupt eröffnen will. Oder anders gefragt ob es zielführend ist. Und das Ziel war und ist es ja in dem Zentrum gute fundierte Ausbildungen anzubieten.
Ich glaube ich kann diese Frage heute so beantworten: für das Projekt, für die Kinder- und Jugendlichen die hier ihre Ausbildung bekommen war es ganz bestimmt richtig. Für mich persönlich war und ist es eine mittlere Katastrophe.
Viel von meiner Kraft habe ich in den letzten Wochen Bau verbraucht. Ich habe seit der Eröffnung noch kaum eine Verschnaufpause gehabt. Dabei verschnauf ich doch so gern. Inzwischen frage ich mich schon was ‚verschnaufen’ eigentlich ist? Ich kann mich gerade noch erinnern was schnaufen ist! Das versuche ich auch jeden Tag ganz regelmässig zu machen! Aber ver-schnaufen?
Vielleicht ist es eh ein Blödsinn zu verschnaufen. Schlucken zum Beispiel ist ja auch was fantastisches, aber ver-schlucken? Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass man in Pausen ver-schnaufen soll? Das ist ja erst wieder anstrengend.
Kurz gesagt: ich habe durch die Eröffnung des ‚Kinder- und Jugendzentrums’ etwas ganz Wesentliches gelernt: ich will mich in Zukunft in meinen Pausen weder verschlucken noch verhören, versehen, vertasten oder verschnaufen! Da lege ich lieber zusätzliche Verschluck- Verhör- Verseh- Vertast und Verschnaufpausen ein!
Aber ganz wirklich: seit der Eröffnung des Zentrums bin ich noch nicht einmal dazu gekommen mich mal so ganz ordentlich zu verschlucken. Schon am Tag nach der Eröffnung habe ich um 10 Uhr vormittags einen Termin gehabt … und so geht es seitdem dahin.
Daher also auch der fehlende Jubel und die Erleichterung über die ‚gelungene’ Eröffnung von der ich jetzt aber endlich berichten werde.

One thought on “Monatsberichte September – November 05

  1. In der Kürze (läge) die Würze. Es ist freilich nichts schwieriger, als sich selbst – auch schreiberisch – zu disziplinieren. Aber vielleicht wollen Sie als Langschreiber-chen die möglicherweise kurzentschlossenen Helferchen verschreckerchen?

    Trotzdem viel Glück für Ihr Vorhaben!

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