Monatsberichte September – November 05

Begonnen hat das grosse Fest am 8. Oktober um 15 Uhr. Viel Prominenz war angesagt und grossteils auch anwesend.Die caboverdeanische Erziehungsministerin, der Bürgermeister von Tarrafal und viele weitere Grössen der Gemeinde. Aus Europa Beat Clerc und die Projektbetreuerin des ASB, Sophia Hubert. Sehr gefehlt haben Vertreterinnen der anderen europäischen Unterstützervereine. Mir persönlich hat es auch sehr leid getan, dass keiner meiner Verwandten, Bekannten oder Freunde den Weg nach Tarrafal gefunden haben. Ich frage mich schön langsam was ich erbauen und eröffnen muss, damit mich jemand besuchen kommt?! Aber natürlich habe ich vollstes Verständnis. Es ist uns Menschen nun mal zu eigen im Glauben (oder in der Hoffnung?) zu leben unentbehrlich zu sein!?Der offizielle Teil der Eröffnung hat mit dem gewaltsamen Entfernen eines Tuches begonnen dass irgendein Idiot über ein Schild gehängt hat.Auf diesem stand/steht geschrieben, dass es sich bei der Anlage um ein ‚Kinder und Jugendzentrum’ handelt und dass dieses am 8. Oktober 2005 eröffnet hat. Ausserdem erwähnt es die Geldgeber.Sodann hat sich die erwähnte Erziehungsministerin eine Schere geschnappt um so eine blöde Schnur zu zerschneiden die irgendein Idiot gespannt hat. Ich vermute ja stark dass es sich bei dem Tuchverhänger und Schnurspanner um das gleiche Scherzkeks gehandelt hat. Gott sei Dank hat er mit seinen dummen Scherzen nicht das ganze Fest vermasselt.Nein, Stopp! Diese Schilderung lässt ein ganz falsches Bild entstehen. Ich will diese Zeremonie in keiner Weise lächerlich machen. Im Gegenteil, ich bin ein grosser Liebhaber von symbolischen Handlungen und von deren Wirksamkeit überzeugt.Daher habe ich – gegen allerlei Widerstand – darauf bestanden dass João, eines der Strassenkinder Tarrafals, gemeinsam mit der Ministerin das Band durchschneidet! Es war ihm wahnsinnig peinlich und er hat sich überhaupt erst dazu bereiterklärt nachdem wir ihn für den Anlass neu eingekleidet haben. João ist jetzt auch einer der Schreinerlehrlinge.Auf Enthüllung und Zerschneidung folgten die grossen Ansprachen. Architekt, ‚chen’ und Ministerin haben erzählt was sie so toll an dem Projekt finden und wem Dank gebührt.Ein Teil der jetzt nicht unbedingt zu den Höhepunkten des Festes gezählt hat. Frank und ich haben in schlechtem creol viel zu kurz geredet, die Ministerin in fliesendem portugiesisch viel zu lang.Aufgelockert wurde die Sache nur von Mario Lucio, dem ‚Padrinho’ des Zentrums, der anstatt zu reden gesungen hat!‚Padrinho’ und ‚Madrinha’ das sind sozusagen die Paten des Zentrums. Etwas was hier eine sehr grosse Bedeutung hat und sehr ernst genommen wird. Eine Patin oder ein Pate, sei es bei der Taufe oder eben bei der Einweihung eines Zentrums ist sich seiner Verantwortung voll bewusst und nimmt diese auch wahr.Wir haben daher, strategisch sehr geschickt, die bereits erwähnte Filomena (Chefredakteurin der ‚A Semana’) und Mario Lucio zu den Paten des Zentrums ‚gemacht’. Nach den gar nicht so vielen Ansprachen kam es dann zum kulturellen Teil der Eröffnungsfeier und die Stimmung der Gäste war sehr bald schon einige Grad besser als noch bei dem offiziellen Teil.War aber auch kein Wunder bei dem Staraufgebot dass wir zu bieten hatten: Delta Cultura, Po de terra (die zwei besten Batucugruppen der Insel), auch eine Tanzgruppe aus Tarrafal hat ihren Beitrag geleistet …Bevor es dann zum Höhepunkt des Abends kam wurde noch der Fussballplatz eingeweiht. Es gab lange Diskussionen im Vorfeld welche Mannschaft diese Ehre haben sollte. Wir haben uns sogar überlegt für jede Altersklasse ein Spiel zu organisieren. Dann hätte die Eröffnungsfeier aber schon um 6 Uhr Früh anfangen müssen … so haben sich die Kleinsten durchgesetzt. Es gab ein Spiel gegen die U10 aus dem Nachbarort Chao Bom. Das Ergebnis dieses Spieles habe ich vergessen. Aber bei der U10 ist das auch noch nicht so wichtig. Schon gar nicht bei der Eröffnung.Beeindruckend und für die Kinder sicher ein Erlebnis war die Kulisse! So viele Zuschauer haben die Kleinen normalerweise nie! Natürlich gab bei dem Fest auch Speis und Trank. Speis kostenlos solange der Vorrat gereicht hat, Trank an der Zentrumsbar.Sodann kamen die wirklichen Stars des Abends zum Zug. Und es war phantastisch. Ein echtes Erlebnis. Ein absoluter Höhepunkt in meinem bisherigen Leben. Keine Frage! Die caboverdeanische Musik hat ja wirklich viel zu bieten. Und mit Mario Lucio, Vadu und Ferro Gaita haben wir 3 der derzeit besten Interpreten gehabt!So gerne ich die Musik von Mario Lucio und Vadu auch habe, ich habe trotzdem fast ausschliesslich Ferro Gaita entgegengefiebert.Es ist ja tatsächlich so, dass ich immer gesagt habe ‚wenn es mir denn gelingen sollte das Kinder- und Jugendzentrum Tarrafal zu bauen dann muss ‚Ferro Gaita’ bei der Eröffnung spielen’.Als es dann soweit war hat es mich tatsächlich gepackt! Zunächst habe ich noch ganz harmlos meiner Freude mit einem Tanz mit Marisa und Olga im oberen Stockwerk des Büros Ausdruck verliehen.Ich weiss gar nicht wer dann auf die glorreiche Idee gekommen ist den Tanz doch auf der Bühne fortzusetzen. In meiner Euphorie habe ich mich sogar dazu hinreissen lassen. Alle die mich kennen wissen, dass es nicht unbedingt mein grösstes Talent ist zu tanzen und dann auch noch vor so einem Publikum … aber die Freude, die Euphorie war in dem Augenblick wirklich grösser als Antitalent und Scham. So haben Marisa, Frank, Uli und ich einen Tanz auf die Bühne gezaubert, dass das Publikum in nicht enden wollende standing ovations verfallen ist.Ich glaube die Starmusiker von Ferro Gaita waren die Einzigen die uns nicht ganz unglaublich gut gefunden haben?! Aber sie haben trotzdem weitergespielt. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar!

Unser Tanz hat sich dann für die Dauer des Konzerts noch von der Bühne durch den gesamten Innenhof des Zentrums verlegt. Kreuz und quer durch die Zuschauer. Zwischendurch wurde ich immer wieder mal von einer Gruppe von Jugendlichen ‚gepackt’ und auf Händen getragen und geschmissen … wie ein siegreicher Fussballtrainer … und es ist mir in diesem Moment auch wie ein Sieg erschienen!

Aus ganz unerfindlichen tiefdunklen Gründen hat das Leben manchmal in solchen ausgelassenen Momenten saudumme Ideen um einem alles zu vermasseln.
Leider ist es mir bei dieser Eröffnung so ergangen.
Schweissgebadet und erschöpft sind wir ins Bürogebäude zurückgekehrt. In den ersten Stock wo eigentlich nur geladene Gäste sein sollten. In der ‚Ferro Gaita Euphorie’ hat aber niemand darauf geachtet und es haben eine ganze Horde Buben das Büro ‚gestürmt’. Wohl einer von ihnen hat die Gelegenheit genutzt und meine Videokamera gestohlen.
Es hat mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen! Ich habe mich auf die Veranda gesetzt, habe den abwandernden Zuschauern hinterhergeschaut und habe tatsächlich mit den Tränen zu kämpfen gehabt.
Ich weiss das klingt lächerlich. Man könnte meinen es habe sich ja ‚nur’ um eine Videokamera gehandelt. Ich kann es auch nicht genau erklären warum mir dieser Diebstahl so extrem ‚eingefahren’ ist. Bis heute kann mir der Gedanke an diese Kamera die Stimmung restlos vermiesen.
Mir ist im Leben schon sehr viel gestohlen worden. Auch mindestens so wertvolle Dinge, aber noch nie hatte ich dieses Gefühl … wenn dann Zorn … ich kann es wirklich nicht erklären.
Nicht damit, dass die Kamera ein Geschenk meines Bruders war, nicht damit dass ich noch soviel damit vorgehabt habe (die Kamera war tatsächlich immer fixer Bestandteil meiner Überlegungen wenn ich an die Zukunft des Projekts gedacht habe), nicht damit dass einer die Frechheit hat mich in einem derartig grossartigen Moment zu bestehlen …

Die Tage nach der Eröffnung war ich in einem ziemlich schwarzen Loch. So war es fast ein Geschenk des Himmels, dass gerade Sophia vom ASB da war. An ihr konnte ich ja schwer meinen Grant rauslassen. Macht keinen guten Eindruck!?
Und es tut mir von Herzen leid, dass es wie immer hauptsächlich Marisa, meine liebe Frau, war die die Abgründe und negativen Zukunftsprognosen des Projektleiterchens ertragen musste.
Ganz so extrem ist meine schlechte Stimmung seither natürlich nicht geblieben. Aber das Tief, sicher auch verursacht durch die viel zu viele Arbeit, habe ich noch nicht ‚überwunden’. So wirklich leicht geht mir derzeit kaum etwas von der Hand.
Ich weiss, dass ich mindestens eine Woche Urlaub bräuchte. Leider ist das derzeit aber nicht möglich. Ich bin unentbehrlich?!

Die Woche nach der Eröffnung war natürlich hauptsächlich von der Organisation der verschiedenen Ausbildungen geprägt. Wie da sind: Schreiner- und Schneiderinnen täglich von 8 bis 16 Uhr. Informatik täglich von 18 bis 20 Uhr. Englisch- und Deutschunterricht zweimal wöchentlich von 18 bis 20 Uhr. Fussballschule und Batukugruppe wie eh und je.

One thought on “Monatsberichte September – November 05

  1. In der Kürze (läge) die Würze. Es ist freilich nichts schwieriger, als sich selbst – auch schreiberisch – zu disziplinieren. Aber vielleicht wollen Sie als Langschreiber-chen die möglicherweise kurzentschlossenen Helferchen verschreckerchen?

    Trotzdem viel Glück für Ihr Vorhaben!

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