Monatsberichte September – November 05

Zu den einzelnen Ausbildungen und Angeboten:
Schreinerausbildung:
Da haben wir grosses Glück mit dem Ausbilder gehabt. Es ist ja generell so, dass wir keine grossartigen Gehälter zahlen können und es daher recht schwierig war ‚entsprechende’ Ausbilder zu finden. Für die Schreinerlehrlinge haben wir mit Paulo aber einen sehr geeigneten Mann gefunden. Ein zurückhaltender, ruhiger Typ, der eine offensichtlich sehr gute Ausbildung in einem Projekt in Praia bekommen hat (ein Projekt, dass es inzwischen nicht mehr gibt).
Seine Aufgabe ist ja nicht leicht. Die fünfzehn Lehrlinge die er hat sind in Alter und Ausbildungsstand sehr unterschiedlich. Ausserdem fast durchwegs die sogenannten Strassenkinder … bekanntlich gehören die meist nicht zu der Gattung Mensch die sich gerne belehren lässt?! Aber Paulo macht das wirklich sehr gut. Sie respektieren ihn auch ganz offensichtlich … und das ist zunächst einmal das wichtigste. Sonst kommen sie ja einfach nicht mehr. Bis auf einen, der auffallend oft krank ist seit er Schreinerausbildung bekommt haben die Lehrlinge bisher keine Fehlstunden.
Schwierigkeiten macht eben auch der unterschiedliche Ausbildungsstand der Lehrlinge. Da gibt es zwei die weder schreiben noch lesen können und vier die es nur sehr schlecht können. Der Rest hat die Schulpflicht (bis 15 Jahre) absolviert und das entsprechende Wissen.
Paulo hatte am Anfang seine Bedenken ob das gehen würde. Gerade in den ersten Wochen besteht die Ausbildung ja hauptsächlich aus Theorie. Meine inständige Bitte es einmal zu versuchen hat er beherzigt und heute will er keinen seiner Lehrlinge mehr ‚hergeben’.
Ich befinde mich, was die Problematik des unterschiedlichen Schulniveaus betrifft in einer kleinen Zwickmühle. Da gibt es so drei mehr oder weniger unterschiedliche ‚Vorgaben’ was die Ausbildung betrifft.
Zunächst das was im Ansuchen an das deutsche Ministerium steht: ‚Ausbildung für die Ärmsten’ aber ‚Professionelle Ausbildung’ nicht ‚Grundbildung’.
Dann das was die caboverdeanische Regierung an Richtlinien für ‚professionelle Ausbildung’ ausgegeben hat. Und wir wollen ja, dass die Lehrlinge am Ende ein offizielles Diplom bekommen, müssen uns also daran halten. Und diese Richtlinien ‚verlangen’ auch eine gewisse Schulbildung für eine Ausbildung der Stufe 5 (höchste Stufe). Wobei wir die zweite Richtlinie, nämlich 2400 Ausbildungsstunden für diese Stufe, mehr als erfüllen.
Schliesslich gibt es da dann noch meine Richtlinien. Ich habe mir nämlich ganz still und heimlich auch ein Gesetzbuch angelegt … obwohl ich das gar nicht darf. ‚chens’ sind ja nicht dazu da um zu gesetzbüchern sondern um zu leitern.
Trotzdem ich habe natürlich so meine Vorstellungen der Ausbildungen die hier angeboten werden. Und es war und ist immer mein grösstes Ziel gewesen mit den Strassenkindern zu arbeiten. Beziehungsweise nicht mit ihnen zu ‚arbeiten’ sondern ihnen helfen ihre Talente zu finden und zu fördern. Die bestimmt nicht ausschliesslich darin liegen in Tarrafal Autos zu waschen.

Das also sind die drei Vorgaben. Wobei ich meine Aufgabe darin sehe die drei in EINER Ausbildung zu vereinen. Und das sollte mir eigentlich auch gelingen. Es muss mir gelingen, weil ich ja keine der drei Vorgaben fallen lassen darf. Vorgaben darf man nie fallen lassen, sie sind dazu da, gehalten zu werden! Schliesslich sind sie enge Verwandte der Richtlinien und Gesetze. Und die verursachen immer eine riesige Sauerei wenn sie nicht gehalten werden … wenn man sie fallen lässt, sie von der Schwerkraft gepackt werden und am Boden zerschellen. Bis heute wurde das Putzmittel noch nicht erfunden mit dem man nicht gehaltene, zerbrochene Gesetze aufwischen kann … am besten geht’s noch mit Schmierseife …
Aber zurück zu den Strassenkindern. Da weder das deutsche noch das caboverdeanische Ministerium Gesetze erlässt die sich GEGEN Menschen richten sondern stets nur solche die FÜR die Menschen sind (das wäre ja eine komische Welt wenn sie das tun würden?!) bin ich mir denn also sicher, dass das Ausbildungszwickmühlenproblem eine Lösung hat.
Der gute Geist des Zentrums hat diesbezüglich auch schon eingegriffen. Er hat uns Sarah aus Deutschland geschickt. Sie ist Mitte November hier angekommen und wird bis Ende April bleiben. Ihre erste Aufgabe hat sie bereits mit viel Engagement in Angriff genommen … den Lehrlingen die nicht schreiben und lesen können dieses beizubringen. Eine Stunde täglich kann Paulo die zwei Lehrlinge ‚entbehren’ und sie in die Obhut von Sarah geben.
Inzwischen hat sich schon noch ein Strassenkind dem täglichen Schreib- und Leseunterricht angeschlossen. Es werden sich auch bestimmt noch weitere finden. Schwierig ist es immer nur sie dazu zu bringen regelmässig zu kommen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Kinder und Jugendlichen die einmal hier angefangen haben auch weiterhin kommen. Wenn sie merken, dass wir hier zwar Ausbildungen anbieten aber doch keine ‚Schule’ sind. Es weht im Zentrum ja doch ein anderer Wind als in den öffentlichen Schulen. Wobei das Potenzial dieses Zentrumwindes noch lange nicht ausgeschöpft ist … Wenn wir ganz konzentriert arbeiten und Alle zusammenhelfen wer weiss ob es uns nicht gelingt den Wind zu einem Wirbelsturm werden zu lassen der die Sauereien die die fallengelassenen Gesetze verursachen hinwegwirbelt … dann könnten wir aufhören Putzmittel zu erfinden!
Ein grosse Vorhaben … wobei ich mich derweil noch darauf konzentriere ein paar Kinder und Jugendlichen in Tarrafal eine gute Ausbildung zukommen zu lassen.

Schneiderausbildung:
In diesem Bereich haben wir zwar keine schlechte Ausbilderin aber wie ich meine eine die nicht das Wissen hat um eineinhalb Jahre lang eine sinnvolle Ausbildung anzubieten.
Aber auch sie ist eine sehr liebe Person die von den Lehrlingen (ich weiss jetzt nicht wie man zu weiblichen Lehrlingen sagt? … ) respektiert und angenommen wird.
Ganz anders als bei den Buben hat sich die Suche nach den auszubildenden Mädchen gestaltet. Und ich bin mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden. Da besteht noch Handlungsbedarf. Zwar haben wir natürlich die 10 Ausbildungsplätze besetzt, aber ob das denn wirklich die sind die es am nötigsten brauchen bezweifle ich. Das beweist auch die folgende Episode:
Die Lehrlinge bekommen im Zentrum ja ein Mittagessen. Und da hat es bei den Schneiderinnen doch tatsächlich zwei gegeben denen das nicht gut genug war und die täglich in der Mittagspause zum nächsten ‚Restaurant’ gegangen sind um dort zu essen.
Habe mich nicht gerade gefreut als ich das erfahren habe … musste sodann eine kleine Ansprache in der Schneiderei halten. Habe erklärt dass wir zuwenig Geld haben um das Zentrum zu finanzieren und dass ich alle die die Möglichkeit hätten täglich 200 Escudos für ein Essen auszugeben herzlichst bitte dieses doch dem Zentrum zu spenden und das angebotene Essen anzunehmen. Seitdem sind in der Mittagspause alle anwesend. Spenden sind aber noch keine eingegangen.
Das Problem bei der Suche nach den Mädchen und Frauen die die Ausbildung ‚am notwendigsten’ hätten ist deshalb nicht so leicht wie bei den Buben weil die Mädchen nicht auf der Strasse oder am Strand anzutreffen sind. Auch wenn sie nicht in die Schule gehen und keine Arbeit haben. Sie sind zu Hause und helfen im Haushalt, ziehen ihre kleinen Geschwister gross weil die Mutter arbeitet oder sauft oder hurt oder in Portugal ist …
Wie bei den Buben, die mit Tätigkeiten wie Autowaschen oder Touristen anbetteln täglich Geld nach Hause bringen, wollen die Erziehungsberechtigten oft gar nicht dass das Kind eine Ausbildung macht die den ganzen Tag dauert.
Ein weiterer Bereich in dem Aufklärungsarbeit gemacht werden kann …
So haben wir im Schneiderinnenbereich also anders gelagerte Schwierigkeiten. Aber auch keine unlösbaren.
Was die Ausbilderin betrifft zeichnet sich auch bereits eine Lösung ab. Das caboverdeanische Erziehungsministerium hat uns bei der Eröffnung ja ganz hochoffiziell eine Kooperation angeboten. Die Ministerin persönlich hat es vor laufender Kamera angesprochen: das Ministerium bezahlt uns für den Bereich der professionellen Ausbildung einen Koordinator. Dieser wird zuständig sein für Ausbildungspläne, für deren Einhaltung, für die Kooperation mit dem Ministerium und anderen öffentlichen Stellen und wird dafür sorgen, dass die Lehrlinge ein offiziell anerkanntes Diplom bekommen.
Ich habe diesen ‚Koordinator’ zunächst abgelehnt. Habe der Ministerin ins Gesicht gesagt, dass ich ihre blöde Unterstützung nicht wolle und sie solle sich in ihr hässliches Ministerium schleichen?! … nein, stimmt natürlich nicht. Ich wollte ja einen guten Eindruck machen.
Was ich aber sehr wohl angesprochen habe ist, dass wir über einen Koordinator natürlich sehr froh wären wir aber auch das Problem hätten zuwenig Geld für qualifizierte Ausbilder zu haben und ich es daher besser fände das Ministerium bezahle Ausbilder anstatt einen Koordinator.
Durch diese geschickte diplomatische Vorgehensweise habe ich jetzt die Zusage für einen Koordinator UND weitere Ausbilder. Das habe ich fein hinbekommen, gelle?!
Blöd ist jetzt nur, dass wir diesen Koordinator nicht finden. In Tarrafal gibt es einige sehr interessierte Leute, die aber alle schon einen Job haben. Durchwegs Professoren am Gymnasium. Und da das Ministerium ein recht gutes Gehalt bezahlt (wesentlich mehr als ich als Projektleiter bekomme!) bestehe ich darauf, dass der/diejenige den Job Fulltime macht. Und nicht so wie sich die bisherigen Kandidaten das wünschen, nebenbei … es ist aber keiner bereit den Job im Gymnasium aufzugeben und im Zentrum zu arbeiten. Weil das Gehalt doch niedriger als das eines Professors ist …
Wir haben jetzt eine Kandidatin die aber leider nicht ganz den Anforderungen des Ministeriums entspricht weil sie noch keine Erfahrung in dem Bereich hat. Sie hat in Portugal studiert und ist noch nicht lange wieder in Cabo Verde.
Ich hoffe sehr das Ministerium möglichst bald von dieser Kandidatin überzeugen zu können. Ich glaube sie würde gut zu uns passen.

Informatik:
Da läuft alles plangemäss und problemlos. Wir haben eine ganz reizende Kubanerin als Ausbilderin die tagsüber im Gymnasium unterrichtet und jeden Abend (Montag bis Freitag) 20 Jugendliche im Zentrum. Und sie bekommt wirklich nicht viel Geld dafür. Beklagt sich aber nie und hilft wo es nur geht. Hat zunächst alle Computer installiert, das portugiesische Windows aufgesetzt und ist jetzt ‚nebenbei’ dabei das Netzwerk zu installieren.
Die Jugendlichen die den Kurs besuchen (10 Buben und 10 Mädchen) sind fast durchwegs ‚Schulabgänger’. Also solche die vergangenes Jahr das Gymnasium abgeschlossen haben und jetzt nichts zu tun haben. Der Andrang auf diesen Kurs war sicherlich der grösste. Da könnten wir noch 10 solche Kurse anbieten …

Sprache:
Da haben wir Gott sei Dank einen unglaublich fantastischen Lehrer für den Deutschunterricht gefunden. Ein zuvorkommender, wunderhübscher Kerl, spricht fliesend Deutsch, kommt immer geschniegelt und super vorbereitet in den Unterricht, ist bescheiden bis zum geht nicht mehr … eine Ausnahmeerscheinung. Ein Wunder der Natur. Ein ‚chen’ … ja, ja natürlich bin das ich! … Das haben sicher alle Leser sofort erraten als ich ‚Wunder der Natur’ geschrieben habe! Oder fällt irgendwem sonst noch eines ein?
Ich habe in meiner Klasse 15 Buben und Mädchen und alle können schon ‚ich bin schön, ich bin dünn, ich bin nicht kompliziert’ sagen. Es war das erste was ich ihnen beigebracht habe … warum weiss ich nicht mehr, aber ich habe mir sicher was dabei gedacht.
Für den Englischunterricht haben wir eine Amerikanerin die vom ‚Peace Corps’, der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation, nach Tarrafal geschickt wurde. Sie unterrichtet am Gymnasium. Ich wollte sie hauptsächlich deshalb weil die Kinder hier ja alle in der Schule Englisch lernen, es aber nicht sprechen. Was eben daran liegt, dass es auch die Lehrer grossteils nicht wirklich fliesend sprechen. Die Amerikanerin die wie eine Chinesin ausschaut spricht auf alle Fälle fliesend und findet das Projekt auch ganz ‚incredible’.
Ein schöner Nebeneffekt ist, dass sie neben ihrem Professorengehalt kein Geld verdienen darf. Das verbietet das ‚Peace Corps’. So spare Geld und kann das eventuell in einen zusätzlichen Englischkurs für Anfänger investieren. Das muss ich noch mit dem ASB klären.

Fussballschule:
Die hat in den letzten Monaten natürlich gelitten. Bis Anfang September Beat gekommen ist. Seit dem geht es wieder aufwärts. Kommt mehr Organisation und mehr Inhalt in die Trainings. Auch ist es Beat ganz ausgezeichnet gelungen die Mädchengruppe wieder zum Leben zu erwecken. Nachdem ich die Gruppe aus Zeitmangel aber hauptsächlich wegen mangelnder Disziplin bei der regelmässigen Teilnahme Ende Juni eingestellt habe, hat Beat eine Woche nach Wideraufnahme eine Gruppe von über 30 Mädchen mobilisiert die seitdem regelmässig trainieren. Auch ein erstes Turnier hat Beat auf dem Zentrumsfussballplatz organisiert.
An dieser Stelle eine Kurzerzählungsanalyse von Beat dem Trainer aus der Schweiz. Er wird jetzt vielleicht bisschen erschrecken und sich fürchten vor dem was ich jetzt wieder verzapfe … bin mir nicht ganz hundertprozentig sicher ob er meinen Humor zur Gänze teilt?? Aber keine Angst Beat ich schreib ganz brav und sachlich.
Beat war jetzt 3 Monate hier in bei uns in Tarrafal (gestern ist er zurück in die Schweiz). Er hat den letzten Monat Bau, die Eröffnung, den ersten Monat Ausbildung und alle diesbezüglichen Hinter- und Vordergründe hautnah miterlebt. Darum ist er ja auch gekommen. Er wollte sich ein genaueres Bild von dem Projekt und dem Leben in Tarrafal machen. Um seine Entscheidung ob ganz nach Tarrafal zu ziehen oder weiterhin zu ‚pendeln’ treffen zu können.
Mit grosser Freude und Anerkennung für seinen Mut möchte ich das Ergebnis seiner Entscheidungsfindung gleich kundtun: Beat ist seit gestern neuer technischer Leiter der ‚Fussballschule Tarrafal’!! Bis Ende des Jahres von der Schweiz aus, ab Anfang 2006 vor Ort! ‚Weltmeister Cabo Verde 2014’ ist gesichert! Reservierungen für die Weltmeisterfeier werden entgegengenommen!
Ich weiss natürlich, dass sich Beat diese Entscheidung nicht leicht gemacht hat. Auch wenn er noch nicht alt ist, so ist es aber in seinem Alter etwas ganz anderes das Leben in Europa stehen und liegen zu lassen und hierher zu kommen. Weil das Leben hier ist anders. Ziemlich anders.
Ausserdem geht Beat auch ein finanzielles Risiko. Weil Gehalt kann ihm Delta Cultura derweil keines zahlen.
Ich habe in den Monaten in denen er hier war eigentlich nicht damit gerechnet dass er sich dazu entschliesst zu kommen. Da waren die unterschiedlichen Ansichten und die, zwar nicht heftigen aber doch vorhandenen, Streitereien zwischen ‚Delta Cultura’ und ‚Vista Verde’, die Beat ganz bestimmt verunsichert haben. Er ist da immer irgendwie dazwischen gestanden. Und das ist bekanntlich nie angenehm. Anfangs hat er sich auch ‚verpflichtet’ gefühlt zu vermitteln, bald schon hat er aber gemerkt dass das Projektleiterchen stur ist und von seinen Ansichten nicht abweichen will … trotzdem hat er sich entschlossen zu kommen. Nachdem wir eine ganz klare Aufgabenteilung (auch schriftlich) festgehalten haben.
Beat geht uns allen schon jetzt, einen Tag nach seiner Abreise, ab und wir freuen uns auf seine hoffentlich sehr baldige Rückkehr!

One thought on “Monatsberichte September – November 05

  1. In der Kürze (läge) die Würze. Es ist freilich nichts schwieriger, als sich selbst – auch schreiberisch – zu disziplinieren. Aber vielleicht wollen Sie als Langschreiber-chen die möglicherweise kurzentschlossenen Helferchen verschreckerchen?

    Trotzdem viel Glück für Ihr Vorhaben!

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