Monatsbericht Februar 2006

Mir reicht es jetzt endgültig. Die Monate gehen ja immer schneller vorbei. Mir kann kein Mensch erzählen, dass er in so kurzer Zeit die Arbeit erledigen kann die jeden Monat so anfällt. Das ist vollkommen unmöglich.
In mir beginnt sich die Idee einer Petition an den Zeitvergängnis-Gott zu formen. Es ist nämlich ein Verhängnis mit der Vergängnis.
Weiters stellt sich mir diesbezüglich die Frage warum die Wissenschaft es nicht zu wissen schafft warum die Zeit mal schnell und mal langsam vergeht?! Das mit dem ‚subjektiven Empfinden’ ist ja nur eine Ausrede weil sie trotz intensiver Forschung nicht und nicht dahinterkommen. So wie sie uns glauben machen wollten irgendwas sei relativ. Sie wissen einfach nicht was sie reden. Sonst würden sie uns nämlich dazusagen ‚relativ was?’ es ist. Relativ blöd? Oder relativ unwichtig? …
Und was das mit dem Zentrum zu tun hat? Sehr viel! Weil so wie Einstein nicht zu Berühmtheit gelangt ist weil er behauptet hat alles sei relativ blöd, so gelangt auch das Zentrum nicht zu Berühmtheit nur weil das Projektleiterchen relativ blöde Einleitungen schreibt! Das wollte ich einfach einmal betont haben.

Und dann war da noch unsere Delta Cultura Generalversammlung. Leider konnten wir keinen General auftreiben also musste die Sitzung mit Marisa, Patriki, Kutchina, Tá, Kandang, Marisi, Shy, Nene, mir selbst und einigen weiteren DeltarianerInnen vorlieb nehmen.
Ziel dieser Sitzung war es, den Verein Delta Cultura aufzulösen, das Zentrum zu verkaufen und um Asyl in Kuba anzusuchen (nein, nicht in Guantanamo).
Die Ohnegeneralversammlung hat aber mit knapper Mehrheit abgelehnt. Eine Stimme hat am Ende den Ausschlag gegeben. Welcher Idiot die abgegeben hat weiss ich nicht.
Weiteres Ziel war es einen neuen Vorstand von Delta zu wählen neue Strukturen zu schaffen und Alles noch besser werden zu lassen.
Das wäre sicher auch gelungen, wenn die Sitzung nicht am Sonntagvormittag nach einem rauschenden Delta-Fest angesetzt gewesen wäre. So wurde die Konzentration von Katern und sonstigem Getier erheblich gestört.
Aber die Wahl wurde erfolgreich durchgezogen. Die grossen Abwesenden waren Beat unser Schweizer Cheftrainer und Olga unsere bisherige Schriftführerin. Aber die Generalversammlung war laut Statuten beschlussfähig. Die Anwesenden auch?!
Langer Rede kurzer Sinn: ich wurde mit überwältigender Mehrheit zum Kassier gewählt.
Es war sicher einer meiner grössten Erfolge!
Es stimmt vielleicht, dass ich über dieses Ereignis ein bisschen seriöser berichten sollte, aber es stimmt nicht. Ich bewerte Generalversammlungen und Wahlen zu irgendwelchen Funktionen nicht besonders hoch. Was nicht heissen soll, dass es für die anderen Beteiligten nicht sehr wohl wichtig war/ist. Wie gesagt bin ich ja nur Kassier von Delta und es ist nur meine Stimme die in diesem Bericht zu Wort kommt. Das sei betont!
Mir ist wichtig, dass mehr Leute bei der Verbesserung der bestehenden Aktivitäten und der Verwirklichung von neuen Ideen Verantwortung übernehmen. Und dabei ist es mir egal ob das die Präsidentin oder der Vizepräsident, das ordentliche Mitglied, das unordentliche Mitglied, gar kein Mitglied oder ein Kater ist. Das Einzige was ich diesbezüglich nicht will sind Katzenhaare in irgendwelchen Suppen die man auslöffeln muss?!
Delta hat also seit 12. Februar einen neuen Vorstand. Wobei wenig Änderungen stattgefunden haben. Marisa ist weiterhin Präsidentin (einstimmig gewählt). Neue Schriftführerin (‚Sekretária’ heisst das in Cabo Verde) ist Kutchinha. Sie ist prädestiniert eines Tages Delta zu übernehmen (derweil geht sie noch in die Schule) und ich freue mich über ihre Wahl.
Dann haben wir erstmals auch Vize-Verantwortliche gewählt. Mit dem Hintergedanken, dass dann vielleicht mehr Leute aktiv mitarbeiten. Vizepräsident ist Patriki. Er ist der erste Jugendliche Tarrafals der nur wegen dem Kinder- und Jugendzentrum (hauptsächlich wegen der Fussballschule) nicht nach Portugal gegangen ist (‚derweil’ nicht gegangen ist?). Sein Vater lebt dort und will unbedingt, dass er kommt. Aber er will sich die Entwicklung des Zentrums einmal ‚anschauen’, daran mitarbeiten. Er trainiert die U17, spielt in der ‚Kampfmannschaft’ und arbeitet täglich im Zentrum. Allerdings ohne fixes Gehalt. Delta bezahlt ihn wenn es die Finanzen erlauben. Innerhalb des BMZ/ASB finanzierten Teils des Zentrums ist leider kein Arbeitsplatz für ihn.
Vize-Schriftführerin ist Shy. Sie ist auch schon lange bei Delta dabei und auch zweite Assistentin des Projektleiterchens.
Vize-Kassier ist Tá. Den kenne ich kaum. Es heisst er sei schon vermehrt wegen Diebstahls gesessen … nein, so ein Blödsinn. Tá ist Spieler der Kampfmannschaft …
Soviel zu dieser Wahl. Vielmehr war bei dieser Versammlung tatsächlich nicht zu machen. Erstens hat sich das Wahlprozedere in die Länge gezogen und zweitens ist das mit dem Kater nicht gelogen. Aber der neue Vorstand wird sich regelmässig treffen und weiter an der Strukturverbesserung und an neuen Ideen arbeiten.

Auch wenn das jetzt nicht chronologisch ist so will ich doch gleich über die zweite Sitzung dieses Monats berichten. Sie hat am 24. Februar stattgefunden. Und zwar war es ein Treffen zwischen Delta und Regierungsverantwortlichen. Wir haben vor der Wahl (nicht der Delta- sondern der Nationalratswahl) dem höchsten Vertreter der Regierungspartei PAICV in Tarrafal, Arnaldo Andrade, unser Leid bezüglich nicht gehaltenen Versprechen geklagt und er hat versprochen nach der Wahl eine Sitzung einzuberufen um die Probleme des Zentrums zu lösen … und dieses Versprechen hat er tatsächlich gehalten … nachdem wir ihn ca. 35 mal angerufen haben …
Er selbst war aber am 24. Februar nicht anwesend. Sondern: der Delegierte des Erziehungsministeriums in Tarrafal, der Chef der Delegation für Alphabetisierung in Tarrafal, der Direktor des Gymnasiums von Tarrafal und andere mehr oder weniger wichtige Menschen. Alle aktive PAICV-Vertreter.
Begonnen hat die Sitzung 2 Stunden verspätet. Die anwesenden Deltamitglieder haben diese Wartezeit dafür genutzt das vorbereitete Coca Cola, Fanta, Salzgebäck, etc. restlos zu verputzen, sodass die Regierungsdelegation vor leeren Gläsern und Tellern ‚verhandeln’ musste …
Es war eine lange Zeit ‚verkrampfte’ Sitzung. Wir haben die Ansuchen und Versprechungen die wir von Seiten der Regierung seit Eröffnung des Zentrums haben angeführt und gebeten die Zeit der leeren Versprechungen mit dieser Sitzung zu beenden und Taten folgen zu lassen …
Es ist uns auch tatsächlich gelungen von allen Seiten ein Versprechen zur Beendigung der leeren Versprechungen zu bekommen. Es wurde eine in Zukunft enge Zusammenarbeit zwischen Delta und den diversen öffentlichen Stellen beschlossen. Alle haben hoch und heilig versprochen sich ab sofort an ihren Nasen (?) zu nehmen und auch im Falle einer Verstopfung dieses Organs, nicht locker zu lassen?!
Eh kein Wunder, wer kann schon so sympathischen Typen wie Präsidentin und Kassier/Projektleiterchen von Delta Cultura eine Bitte abschlagen …
Und ganz ernsthaft: es war dann im Endeffekt eine doch fruchtbringende Sitzung. Vorallem weil wir jetzt endlich ‚so richtige’ Ansprechpartner haben. Leute aus Tarrafal, die sozusagen für Delta die Kontakte zu Regierung etc. wahrnehmen.
Erste fixe Zusage: wir bekommen für die Arbeit die wir mit den Strassenkindern machen (täglich eine Stunde Schreib- und Leseunterricht) ein ‚Gehalt’ für den Lehrer. Das ‚läuft’ einfach so ab, dass die ‚Delegation für Alphabetisierung’ Delta Cultura monatlich einen Betrag überweist und wir damit ‚machen können was wir wollen’. Wir haben beschlossen dieses Geld Patriki zukommen zu lassen, der ja den täglichen Unterricht leitet.

Soviel zu den Februar – Erreignissen auf höchster diplomatischer Ebene. Begeben wir uns auf die Ebene die von weniger leeren Versprechungen und mehr Lebendigkeit geprägt ist … die Zentrumsalltagsebene … da fällt mir eine kleine Anekdote ein. Das Projektleiterchenbüro, sowie das der Assistentinnen und der Vereinsführung, befindet sich ja im ersten Stock des einzigen zweistöckigen Gebäudes des Zentrums. Wann immer die Zentrumsleitung Handlungsbedarf sieht werden Ausbilder, Lehrlinge oder sonstige Angestellte und Kursteilnehmer in dieses Büro zitiert. So hat dieser erste Stock jetzt von den Lehrlingen den ehrenhaften Namen ‚Gericht’ (‚tribunal’) bekommen. Wann immer wir jemanden ‚rufen lassen’ ertönt der Schrei ‚Lehrling so und so, vor Gericht!’ … ich erzähle das um zu beweisen was für eine ungemeine Autorität ich inzwischen hier besitze. Fast wäre es schon angebracht meine Funktion in ‚Oberrichterchen’ umzubenennen.


Selbstverständlich haben alle Ausbildungen auch im Februar ihre Fortsetzung erlebt. Tatsächlich hat sich inzwischen Alles so eingespielt, dass wir an Verbesserungen arbeiten können. Bekanntlich ist das ja erst möglich wenn der alltägliche Betrieb seine Regelmässigkeit gefunden hat, den Blick auf Details freigibt und Zeit zur Analyse dieser Details lässt … so ganz allgemein gesagt.
Verbesserungen sind natürlich immer noch in allen Bereichen möglich (Gott sei Dank sonst wird die Arbeit fad … ?!): in der Ausstattung, in den Unterrichtszeiten, im Umgang mit den nicht immer ‚einfachen’ Lehrlingen …
Gerade was das betrifft bin ich nicht wirklich zufrieden. Wer mich kennt weiss, dass ich kein Freund von Regeln und Gesetzen bin. Und ich mache hier auch die Erfahrung, dass die ‚Vermehrung von Regeln’ in keiner Weise eine Verbesserung des Lernverhaltens, der Anwesenheit etc. garantiert.
Viele der Kinder und Jugendlichen die im Zentrum eine Ausbildung geniessen, haben eben bisher mit sehr wenig Regeln gelebt. Sprich sie haben niemanden gehabt der ihnen irgendwas ‚befohlen’ hat. Darum sind sie ja auch nicht mehr in die Schule gegangen …
Diesen Kinder und Jugendlichen jetzt mit strengen Regeln zu begegnen würde nur dazu führen, dass sie einfach nicht mehr kommen. Und das wäre ja auch nicht Sinn und Zweck der Übung.
Leider ist es mir bisher nicht gelungen im Bereich der ‚Berufsberatung’ jemanden zu finden, der diese Ansicht teilt. Die Lehrer hier in Tarrafal die im Bereich Berufsberatung eine Ausbildung haben versteifen sich immer ganz extrem auf strenge Regeln und erzählen den Lehrlingen hauptsächlich warum man nicht rauchen soll, dass Drogen gefährlich sind und das man Aids bekommt wenn man Präservative vor dem Gebrauch durch die Nähmaschine lässt … das ist schon auch wichtig. Unbestreitbar. Aber da ich ja selbst ein Kind/Jugendlicher war, der den Drogen zu- und der Schule abgeneigt war, weiss ich sehr gut, dass es nicht unbedingt wirkt wenn ein Erwachsener einem Vorträge über die Nachteile des Drogenmissbrauchs hält und Strafen androht wenn man nicht brav und nett ist …
Wohl wäre es sinnvoller mit den Jugendlichen gemeinsam Regeln für Ausbildung und auch Benutzung sämtlicher Einrichtungen des Zentrums zu ‚erarbeiten’. Bin manchmal dazu verleitet diese ‚Arbeit’ selbst in die Hand zu nehmen, weiss aber, dass mir erstens die Zeit fehlt um noch eine Arbeit zu übernehmen die Kontinuität verlangt und ich zweitens kein Diplom habe, welches besagt, dass ich das machen kann und darf.
Im Hinblick auf öffentliche ‚Anerkennung’ des Zentrums und der Ausbildungen ist es aber notwendig jemanden zu haben der ein diesbezügliches Diplom hat!
Auch eine Psychologin wäre hilfreich. Sowohl den Ausbildern als auch den Lehrlingen könnte Sie/er in vieler Hinsicht helfen. Wir haben ja auch ein Gehalt für eine Psychologin die einmal in der Woche das Zentrum besucht, aber leider noch keine gefunden … Psychologinnen sind anscheinend Mangelware in Cabo Verde.

So und weil dieser Februar – Bericht jetzt schon so viel Verspätung hat will ich nur noch ein Thema erwähnen und den Rest für den Märzbericht lassen … der ist ja auch schon fast fällig … vonwegen ‚wie die Zeit vergeht’ …
Es geht um die Reise nach Europa. Wir wollten ja Ende Februar entscheiden ob wir denn nun fahren oder nicht. Aber wir waren in keiner Weise in der Lage diese Entscheidung tatsächlich zu treffen. Viel zuwenig Antworten auf unsere diversen Ansuchen … nur die Gemeinde Tarrafal hat fix die Übernahme für zwei Flugtickets zugesagt … das heisst, ich komme mit Marisa auf alle Fälle … jetzt suchen wir jemanden in Europa der für uns beide Batucoauftritte organisiert. Das wird sicher ein Riesenmedienspektakel. Ma und Flav aus Tarrafal. Das obenstehende Photo könnte sogleich für den Plakatdruck verwendet werden …
Aber natürlich reichen diese zwei Tickets nicht wirklich aus … mein Optimismus was die Finanzierung dieser Reise angeht ist auch ziemlich geschwunden. Aus dem einzigen Grund weil die Zeit so schnell vergeht. Mir fehlt die Möglichkeit mich intensiver darum zu kümmern.
So ist dazu einfach nicht mehr zu sagen, als dass die Entscheidung aufgeschoben ist und dass mit dem ‚dadurch nicht aufgehoben’ könnte man auch noch dazusagen … aber allzu viele so blöde Floskeln sollen nicht vorkommen darum lasse ich das lieber.

Ich hoffe inständigst, dass kein Leser bemerkt, dass ich die letzten zwei Seiten des Berichtes in einem unwahrscheinlichen Tempo heruntergefetzt habe … aber mit der Gewissheit, dass es besser ist gefetzten Text zu verschicken als gar keinen beruhige ich mein diesbezüglich doch etwas blödes Gefühl!
In diesem etwas dubiosen Sinne wünsche ich Allen eine visionsreiche Fastenzeit!
Liebe Grüsse,
das Projektleiterchen

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