Monatsbericht Mai/Juni 2006

Sonnige Monate liegen hinter dem Kinder- und Jugendzentrum. Wobei das nicht wahnsinnig besonders ist. Der April davor war genauso sonnig wie davor der März, der Februar, der Jänner, der Dezember, der November, der Oktober, der September, der August, der Juli, der Juni, der Mai …
Und die Aussicht von meinem Büro ist auch ganz phantastisch! Wer will darf ruhig ein bisschen neidig sein?! Ich weiss ja, dass ich mir das ‚gut gerichtet’ habe: sonniges Land, toller Arbeitsplatz, mein eigener Chef … und noch dazu kann ich immer sagen ich tue ja so unglaublich Gutes für die Menschen von Tarrafal!Und wenn es mir mal nicht so gut geht kann ich mit stolz geschwellter Brust durchs Dorf laufen, mir von den Kindern zujubeln lassen und so mein Selbstwertgefühl ins unermessliche steigern.
Im sozialen Bereich zu arbeiten ist ja wirklich sehr dankbar! Man kann sich jeglicher Kritik mit dem Hinweis auf ‚das Gute das man tut’ entziehen. So darf mir gerne jeder vorwerfen ich sei ein unerträgliches Projektleiterchen, ein vom Wahnsinn Getriebener, ein in Europa kläglich Gescheiterter, ein psychotischer Schreiberling der mit seinen Monatsberichten dem Projekt ganz unglaublichen Schaden zufügt … alles kein Problem!!!!! Ich kann stets mit erhobenem Haupte darauf hinweisen, dass ich mit meiner Unerträglichkeit, meinem Wahnsinn, meinem Scheitern, meinem psychotischen Geschreibe innerhalb von 3 Jahren mit einem ‚Startkapital’ von 6 Fussbällen ein Kinder- und Jugendzentrum mit 25 Ausbildungsplätzen, Computer- und Sprachkursangeboten, eine Fussballschule für 150 Buben und Mädchen und eine Batucogruppe aufgebaut habe … dass es nicht ich alleine war der dies erreicht hat muss ich ja nicht dazusagen …
Und tatsächlich sehe und erlebe ich in dieser auf den ersten Blick unsinnigen Blödelei eine unangenehme Realität.
Im ‚Grossen’ gesehen: wie kann man die Caritas, oder die UNICEF, oder wenn auch immer kritisieren, wenn sie doch SO VIEL Gutes tun?! Mir geht es aber trotzdem auf die Nerven wenn sie in Ihren supertollen Landrovers mit Chauffeur Cabo Verde bereisen, in den besten Hotels wohnen, ein schönes Gehalt haben und Gutes tun … gerade kürzlich habe ich mit einem Schweizer, der hier war um uns bei der Montage der Dächer zu helfen, und der sich geweigert hat in dem von uns angebotenen Zimmer, mit Matratze am Boden, zu wohnen und auf das beste Hotel in Tarrafal bestanden hat, darüber gesprochen. Er hat viele Projekte der Schweizer Entwicklungshilfe in Afrika betreut. Auch in so extrem armen Ländern wie Eritrea. Aber er hat gemeint auch dort werden die Entwicklungshelfer mit Chauffeur am Flughafen abgeholt, wohnen in den guten Hotels … möglichst europäischer Standard halt. Dass daneben ‚die Kinder wie die Fliegen sterben’ ist todtraurig, ‚aber was soll man machen?’
Das es auch anders geht hat mir die liebe Sophia Hubert vom ASB bewiesen. Bei ihrem Besuch des Zentrums hat die Wohnung mit der Matratze am Boden ausgereicht. Obwohl es ihr Budget erlaubt hätte ins Hotel zu gehen!!!
Also ich bleibe dabei: die Entwicklungshilfe ist eine riesengrosse Lüge! Ein Wirtschaftszweig. Und das ist eine Verallgemeinerung. Natürlich! Aber meine Argumentation mit dem Hinweis auf diese Verallgemeinerung abzutun, damit wird man der Sache auch nicht gerecht …
Leider brauche ich mit meiner Kritik aber gar nicht so weit auszuholen und die ‚anonymen’ Organisationen anzugreifen. Ich kann bei mir selbst anfangen. Bekanntlich habe ich ja ein Kinder- und Jugendzentrum mit undichten Dächern gebaut. Ein Fehler, eine Nachlässigkeit, ein Besserwissen, das dem Projekt ganz extrem schadet.
Ich könnte die Sache jetzt natürlich schön reden um mein Gewissen zu beruhigen. So auf die Art: ‚wenigstens weiss man nach so einer schwierigen Phase mit welchen Partnern man nicht nur bei Schönwetter rechnen kann’ oder ‚eigentlich trägt die Hauptschuld der Architekt der die falsche Folie geschickt hat sowie der Architekt des Zentrums der beschlossen hat seine Verantwortung links liegen zu lassen weil der Chef so blöde Monatsberichte schreibt’ … aber all diese Floskeln helfen nicht. Weder mir und schon gar nicht dem Kinder- und Jugendzentrum!!
Da hilft nur noch: ich bin’s doch, das Projektleiterchen das dauernd Gutes für die Menschen in Tarrafal tut!
Soviel zu unserem(?) kleinen Ausflug ‚ins Gute’. Kommen wir zum ‚Bösen’. Bekanntlich weilt es ja unter uns und personifiziert sich ununterbrochen! Eine saudumme Angewohnheit! Als ob es nicht reichen würde böse zu sein?! … Wobei ich mich schon ab und zu frage wie das Böse bevor es sich personifiziert wohl aussieht?! Und wo wohnt es? Hat es wohl ein dichtes Dach über dem Kopf? Oder hat es sich bei seinem Hausbau auch auf deutsche Architekten verlassen, die ‚Gutes tun wollten’? … nein, so ein Blödsinn. Ich weiss ja eh, dass das Böse keine festen Wohnsitz hat. Ich weiss aber auch, dass es die ‚Green Card’ für die USA besitzt! Und dass es sich mit einer irrsinnigen Genugtuung in die Monatsberichte von ordentlich und brav arbeitenden Projektleiterchen einschleicht …
Soviel zu unserem(?) kleinen Ausflug ‚ins Böse’. Kommen wir zum guten ‚Kinder- und Jugendzentrum Tarrafal’ im Mai und Juni 2006 … inzwischen leider auch schon ‚erste Hälfte Juli’.
Es ist ja offensichtlich so viel passiert, dass ich nicht einmal Zeit gefunden habe den Maibericht zu verfassen. Nur war es gar nicht soviel. Es waren hauptsächlich die Dächer … über die ich schon so viel berichtet habe, dass es fad wird.
Ausbildungen, Fussballschule, etc. sind irgendwie nur ‚so nebenbei’ gelaufen. Obwohl sich doch Einiges bewegt hat. Eindeutig am Erfreulichsten war dabei der Besuch von Arnaldo Andrade. Dieser nette Mann ist Parlamentsabgeordneter der PAICV und Delegierter der Regierung, zuständig für Tarrafal (Zustandsdelegierter???). Er hat die Bürgermeisterwahlen in Tarrafal vor 8 Jahren mit ein paar Stimmen gegen den derzeitigen Bürgermeister verloren … aber das nur so nebenbei.
Er hat wie gesagt das Zentrum besucht (nachdem er das schon vor den Wahlen im Februar versprochen hat). Ich bin gut und gerne eine Stunde mit ihm zusammengesessen und wir haben über ‚Delta Cultura’ und das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ gesprochen. Mit absoluter Sicherheit kann ich sagen, dass ich zum Allererstenmal mit einem Vertreter einer öffentlichen Institution gesprochen habe bei dem ich das Gefühl gehabt habe er ‚versteht’ unsere Ideen und ist auch bereit diese zu unterstützen.
Über die im Märzbericht erwähnte Unterstützungsabsage des IEFP (Institut für professionelle Ausbildung) hat er nur gemeint, das seien Bürokraten, die über ihre ‚Richtlinien’ nicht hinausdenken können … er hat auch gemeint das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ müsse nicht zu einem weiteren ‚Institut’ des IEFP werden sondern könne und solle ruhig unabhängig bleiben. Wir sollten halt schauen, dass wir von den verschiedenen Regierungsstellen finanzielle Unterstützung bekommen. Er wird uns diesbezüglich behilflich sein! Und ausnahmsweise glaube ich ihm das auch! Bei ihm habe ich das Gefühl er findet unsere Aktivitäten wirklich gut und unterstützungswürdig.
Sein erster Besuch war auch nicht sein Letzter. Er kommt regelmässig vorbei, lobt unseren Kaffee und ich habe die Möglichkeit ihm ‚Hintergrundinformationen’ über die Regierungstätigkeiten zu entlocken.
Auf alle Fälle ist unser guter Kontakt zu Arnaldo Andrade ein grosser Gewinn für das Zentrum und für mich persönlich ist er ein willkommener Gesprächspartner.

Ein weiterer grosser Fortschritt in unserem Ausbildungsbetrieb war die ‚Verpflichtung’ einer neuen (zusätzlichen) Ausbilderin für die Schneiderinnen. Biazé, wie sie sich nennt kommt jeweils Freitags und Samstags aus Praia um zu unterrichten. Sie ist Designerin, hat in Paris studiert und lebt derzeit hauptsächlich davon für die caboverdeanischen VIPs Kleider zu entwerfen und zu nähen. So ist sie auch mit dem oben erwähnten Arnaldo Andrade befreundet und lässt sich regelmässig von ihm zur Arbeit ins Zentrum bringen.Biazé hat endlich jene Dinge in der Schneiderwerkstatt in Angriff genommen die schon lange notwendig waren, aber nie passiert sind weil unsere bisherige Ausbilderin nicht gerade ein initiativer Mensch ist und schon gar keine Autorität! Sie war/ist viel zu lieb und nett mit den Lehrlingen. Das führt dazu, dass sie kommen und gehen wann sie wollen (etwas übertrieben gesagt) und nur dann aufräumen wenn ich persönlich mit strenger Miene es befehle.Aber das hat sich wie gesagt mit Biazé geändert. Die Werkstatt ist ‚neu und zweckdienlicher’ eingerichtet, Inventar ist katalogisiert, die Schreinerlehrlinge haben einen grossen ‚Schneidertisch’ gezimmert (fast hätte ich geschrieben ‚gebastelt’) und so nimmt endlich auch die Schneiderausbildung Formen an die das Projektleiterchen vor Freude tanzen lassen?!Er ist inzwischen fast schon legendär. Mein morgendlicher Freudentanz durch die Schneiderei. Die Schneiderinnen kommen jetzt alle überpünktlich zur Ausbildung, lassen alles blitzen und blanken und stehen immer noch mit offenem Munde da wenn ich mit überdurchschnittlich grazilen Pirouetten, rhythmischen Vor- und Rückwertssalti über Nähmaschinen, Schneidertische und Nähnadeln fege …
Wie nicht anders zu erwarten sind jetzt die Schreinerlehrlinge eifersüchtig und verlangen von mir, dass ich meinen Tanz über den Hof in die Schreinerwerkstatt fortsetze. Leider fehlt mir dazu aber die Kondition. Ausserdem inspirieren mich Schneiderinnen und halbfertige Miniröcke viel mehr als grobe Schreiner und Hobelspäne. Mein Tanz in der Schreinerei würde viel plumper ausfallen und ich würde meinen guten Tanzruf verlieren.
Aber zurück zu den Schneiderinnen. Noch vor Beginn meiner Tanzeinlagen gab es eine grosse Sitzung zu der ich auch die Erziehungsberechtigten eingeladen habe. Oft sind das ja nicht Mutter oder Vater weil diese im Ausland weilen sondern Tanten, Onkeln oder sonstige Verwandte.
Aber egal wer für unsere Schneiderinnen erziehungsberechtigt ist, erschienen sind nur zwei Mütter und ein Vater … und natürlich die Lehrlinge selbst. Thema war hauptsächlich das ‚Ziel dieser Ausbildung’. An erster Stelle steht natürlich die Vermittlung des Handwerks. Hierfür haben wir eben die neue Ausbilderin aus Praia verpflichtet. Bei Bekanntgabe dieser eindeutigen Verbesserung hat es allerdings nicht nur Freude sondern auch Gejammer gegeben. Und zwar weil es fortan auch Samstags den halben Tag Unterricht geben wird.
Aus Erfahrung wissen wir, dass die Lehrlinge nicht nur aus Faulheit gejammert haben sondern auch weil sie oft ‚Druck’ von Seiten ihrer Eltern haben. Die sehen es gar nicht so gerne wenn die Töchter Ausbildungen machen anstatt im Haushalt zu helfen.
Die Anwesenden Mütter und der Vater haben allerdings vollstes Verständnis gehabt. Haben Delta Cultura gedankt und haben mir beigepflichtet, dass es eben gewisse Opfer braucht wenn man – wie in diesem Fall – seinen Lebensunterhalt als Schneiderin verdienen will.
Neben ‚Fachwissen vermitteln’ wollen wir den Lehrlingen ja auch helfen nach der Ausbildung ‚in die Arbeitswelt zu finden’. Meiner Meinung nach ein viel schwierigeres Unterfangen als ihnen die Ausbildung zu ermöglichen.
Auf alle Fälle werde ich nicht müde all den Lehrlingen, Kursteilnehmern und auch den Fussballern Initiative, Kreativität und so verdammtes Zeug zu predigen. Weil nur mit Fachwissen kommt man, gerade in Cabo Verde, nicht wahnsinnig weit. Was nützt einer Schneiderin die die schönsten Miniröcke nähen kann ihr Talent wenn es niemanden gibt der es sich leisten kann die Röcke zu kaufen? Wenn sie aber das ‚verdammte Zeug’ hat dann stickt sie ‚Cabo Verde’ auf den Rock und die verdammten Touristen kaufen es … so in der Art. Und warum verdammt noch mal das alles ‚verdammt’ ist weiss ich auch nicht?! (vielleicht hat das Böse wieder gepfuscht?)
Zusammenfassung: neben Fachwissen will ich verdammtes Zeugs vermitteln.
Schöner gesagt: neben Fachwissen will ich auch Kreativität, Initiative, Juchhu und Jucheisa, Hurra und Freudentanz, Phantasie ohne Hurra-rei, kurze Hosen und nur ja keine Badeschlapfen … was? Ach so ja: vermitteln!
Dazu fällt mir das Festival ein, dass gerade jedes Wochenende am Strand von Tarrafal stattfindet. Jedes Wochenende im Juli! Musik, viele Sauf- und Grillbuden und das Alles am Strand neben dem rauschenden Meer, unter klarem Sternenhimmel. ‚Ferro Gaita’ am Strand von Tarrafal ist und bleibt ein Erlebnis! Eine tolle Sache! Gratulation an die Gemeinde die dieses Festival organisiert.

Und weil wir gerade so im Jubeln sind. Die grosse, die übergrosse, die unglaubliche, die beste Neuigkeit seit Bestehen von Delta Cultura: die Dächer des Zentrums sind dicht! Wir haben es geschafft! Ich glaube nicht, dass sich irgendwer meine Erleichterung vorstellen kann. Eine Erleichterung die irgendwie nur schrittweise ‚über mich kommt’. Erster Jubel natürlich in dem Moment in dem die Arbeiten abgeschlossen waren (Donnerstag 13.07.06).
Aber ich merke wie mir dieser Stein nur langsam, jeden Tag ein bisschen, vom Herzen fällt. Und das ist gut so. Der war nämlich so gross, dass wenn er mit einem Mal gefallen wäre, er mir die Nieren, das Hüftgelenk und den Oberschenkelknochen zertrümmert hätte …
Bevor ich die Geschichte der undichten Dächer ein letztes Mal rekapitulieren will, möchte ich den vielen, vielen Helfern unseren/meinen herzlichsten Dank aussprechen.
Zu aller erst meinem Vater! Ohne Willy Wegenstein in Wien, der von Finanzierung über Auftragsvergabe bis zu Transport alles organisiert hat hätte der Regen vergangenen Sonntag ziemlichen Schaden angerichtet! Auch wenn man über das Alter nicht spricht möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass mein Vater über 90 Jahre alt ist! Umso unglaublicher war und ist seine Hilfeleistung. In unzähligen Emails und Telefonaten habe ich genau gemerkt wie gross der Druck ist den ihm seine Aufgabe macht, wie gross sein Wunsch, der Regen möge warten und trotzdem hat er immer aufmunternde Worte gehabt! Die ich oft auch tatsächlich gebraucht habe. Ich muss gestehen ich habe zeitweise nicht mehr daran geglaubt, dass wir es schaffen. In einer meiner Kopfschubladen war schon ein ‚Notfallplan’ falls der Regen kommt und die Dacharbeiten noch nicht abgeschlossen sind. Abdeckplanen etc. sind bereit gelegen. Sämtliche Mitarbeiter waren angehalten auch in der Nacht ‚in Bereitschaft’ zu sein und bei einsetzendem Regen sofort ins Zentrum zu gehen …
Aber nicht nur meinem Vater möchte ich danken. Auch Irene Jorgo die an der Seite meines Vaters organisiert und koordiniert hat! Ebenso Liz Zimmermann, die trotz junger Mutterschaft von den panischen Emails des Projektleiterchens heimgesucht wurde und immer sofort geholfen hat!
Natürlich gilt unser Dank auch der Firma Sarna, die die Lösung für unsere undichten Dächer und das Material geliefert hat! Allen voran Peter Durrer hat unsere teilweise sicherlich laienhaften Fragen immer schnell und geduldig beantwortet.
Ebenso zu Dank verpflichtet sind wir Peter Bucher, der Monteur der Firma Sarna der nach Ankunft der Materials eine Woche bei uns war und uns die Verlegetechnik beigebracht hat. Seine Einschulung war so gut, dass wir die Arbeiten ohne weitere Schwierigkeiten selbständig zu Ende bringen konnten!
Nicht vergessen in meiner Dachdanksagung will ich Kurt Wyler. Der liebe Mann kennt unser Projekt nur von den Monatsberichten, kennt niemanden von uns persönlich und war trotzdem bereit die Dachsanierung mit einer grosszügigen Spende zu unterstützen. Leider hat er von unseren Dachproblemen erst erfahren als wir den Auftrag zur Sanierung schon vergeben hatten. Seine Erfahrung mit Projekten wie dem unsrigen hätte uns sicherlich einiges erspart!
Dank gebührt auch dem ASB/BMZ. Delta Cultura ist durch die hohen Kosten der Dachsanierung mit der Einzahlung des Eigenanteils an den Ausbildungskosten in Verzug geraten. Wir wurden von Seiten des ASB diesbezüglich aber nie unter Druck gesetzt! Im Gegenteil. Der ASB hat immer Verständnis gezeigt und wann immer es notwendig war Geld vorgestreckt! Sie haben uns also gezeigt, dass sie nicht nur hinter uns stehen solange alles eitle Wonne ist, sondern auch bereit sind mit uns gemeinsam die schwierigen Situationen zu bewältigen.
Neben vielen weiteren ‚Gross- und Kleinspendern’, vielen Menschen die mit verschiedensten Aktionen Geld gesammelt haben gilt mein Dank aber nicht zuletzt den Arbeitern die die Dächer im Endeffekt abgedichtet haben. Leider verstehen sie meinen Dank an dieser Stelle nicht. Ich erwähne sie aber trotzdem: Kandang, Tchipai, Patriki, Marito, Bino, Néné und Tché! In vielen Nachtschichten, sogar teilweise während Spielen der Fussballweltmeisterschaft, haben sie auf den Dächern gearbeitet. Kandang hat sich dabei leider böse in den Finger ‚geflext’, war aber Gott sei Dank nach ein paar Tagen wieder einsatzbereit. Ich selbst bin die letzte Woche der Sanierungsarbeiten leider auch ausgefallen. Eine blöde Wunde am Fuss hat sich mit irgendwelchen saublöden Bakterien angefreundet und wollte sich nicht und nicht von ihnen trennen. Weder Antibiotika noch diverseste Wundsalben noch Fieber konnten die Bakterien überreden meinen Fuss zu verlassen. Bis heute weilen sie dort … ich hoffe die Sache wird ihnen bald zu fad!
Ich finde es schon bedenklich, dass ich es nicht einmal während einer wirklich von Herzen gemeinten Danksagung ohne Abschweifungen auskomme. Wobei es mir wirklich egal zu sein scheint ob Ab- oder Aus-, Hauptsache ‚Schweifung’!?
Damit das Ganze aber wirklich nicht zu lange wird, möchte ich den Weg zu unseren dichten Dächern in Stichworten schildern. Wirklich ‚Stich’. Ohne ‚Schweif’. Kein Stichschweif, keine Ab- oder Aufworte … (verdammt mein Computer unterstreicht mir dauernd irgendwelche Worte mit einer roten Wellenlinie … Saublöder Angeber!)

– Juli 2005: ein deutscher Architekt schickt uns nach Begutachtung des Zentrums vor Ort, eine wasserabweisende, von der Sonne innerhalb von 3 Monaten zerstörbare Unterspannfolie für Steildächer, die der deutsche Architekt des Zentrums auf die Flachdächer tackern lässt.
– Das Entsetzen ist bei allen Beteiligten riesengross als sich herausstellt, dass die Dächer ganz wahnsinnig viel sind nur nicht dicht!
– Die Regenzeit 2005 geht vorbei ohne grossen Schaden anzurichten, das Zentrum eröffnet wie geplant im Oktober 2005.
– Der deutsche Architekt tritt seine Heimreise an! Seine Mitverantwortung an den undichten Dächern gibt er unumwunden zu und verspricht sowohl Lösung als auch finanzielle Unterstützung bei der notwendigen Dachsanierung. Bis zur nächsten Regenzeit waren ja noch Monate lang Zeit.
– Beruhigt widmet sich das Projektleiterchen seinen Zentrumsaufgaben. Allerdings nicht verdammt vollständig beruhigt. Zumindest ein Angebot der Schweizer Firma Sarna für die Dachsanierung holt es ein!
– Das Jahr 2005 geht zu Ende. Projektleiterchens organisieren Jugendzentren, deutsche Architekten planen verdammt erfolgreich und wie verrückt … aber nicht an undichten Dächern.
– Im Februar 2006 ist es mit der Projektleiterchenberuhigung vorbei. Die undichten Dächer fangen ihn an zu plagen. Deutsche Architekten präsentieren immer noch keine Lösungen. Inzwischen allerdings vage Vorstellungen. Vorallem eine: das einzig vorliegende Angebot, nämlich das der Firma Sarna ist viel zu teuer! ‚Die geben zwar 10 Jahre Garantie wollen aber doch nur ihre Folie loswerden.’
– Der März 2006 ist bereits angebrochen, da reissen plötzlich die saublödesten Dinge. So auch Projektleiterchennerven. Trotz heftigen Beruhigungsversuchen von deutschen Architekten stellt das Projektleiterchen Ultimaten: Ende Monat muss der Auftrag zur Dachsanierung gegeben werden!
– Ebenfalls Anfang März: Willy Wegenstein übernimmt die Organisation der Dachsanierung.
– Anfang April 2006: der deutsche Architekt des Zentrums präsentiert die ultimative Lösung für die undichten Dächer: die Firma Sarna. Der Auftrag sollte also vergeben werden. Allerdings: die Finanzierung fehlt.
– Die leise Hoffnung, dass der Hilfs(?)verein des deutschen Architekten wie versprochen helfen wird zerschlägt sich: ‚unser Konto ist leider auf Null’.
– Nicht so die Sorgen des Projektleiterchens. Entsprechend fällt der ‚Monatsbericht April’ aus. Nachdem es sich von deutschen Architekten verarscht vorkommt, erzählt es in dem Bericht von den Geschehnissen. Zwar nicht ohne den gewohnten Sarkasmus, aber trotzdem reine Tatsachen.
– ‚Delta Cultura Cabo Verde’ erklärt die Kooperation mit dem deutschen Verein für beendet, bittet aber um Wahrnehmung der Architektenverantwortung.
– Von alledem nichts wissend organisiert Uta Ribarits mit einigen Freunden eine Benefizveranstaltung für das Kinder- und Jugendzentrum in Wien. Die dabei gesammelten 4000 € können als Anzahlung an die Firma Sarna verwendet werden, die umgehend mit der Produktion der notwendigen Folie beginnt.
– Anfang Mai 2006: der deutsche Architekt reist nach Wien, hält einen Vortrag, übergibt eine Spende von 2000 € und erklärt sein ‚Engagement hiermit für beendet’.
– Mitte Mai 2006: das Projektleiterchen hofft und wartet vergeblich auf Kritik seitens des ASB/BMZ und eines sarkastischen Monatsberichtes dieser Institutionen, um auch sein ‚Engagement für beendet erklären zu können’??!!!
– Vorher schon, Ende April 2006, tritt das Material für die Dachsanierung seinen Weg von Sarnen nach Tarrafal an. Ankunftstermin laut Spedition: 11 Mai! Knapp, knapp aber das würde theoretisch reichen.
– Anfang Mai 2006: die Vorarbeiten an den Dächern beginnen. Die Aufbordungen müssen verputzt und planiert werden. Eine Arbeit die von heimischen Maurern durchgeführt wird.
– Eine erste Vorauslieferung der Firma Sarna (die Regenabläufe die schon eingebaut werden müssen, sowie Folien-Schweissapparate) werden per Luftfracht geschickt. Die schwierigen, sowie langwierigen Zollangelegenheiten die notwendig sind um das Material nach Tarrafal zu bekommen lassen für die ‚grosse Lieferung’ böses ahnen!
– 11 Mai: kaum jemand hat je von einer Lieferung von Sarnen nach Tarrafal gehört. Nur ein holländisches Speditionsmaxl glaubt einen Container zu kennen der diese Lieferung beinhaltet. Dieser Container befindet sich allerdings noch auf Urlaub im schönen Rotterdam.
– 12 Mai: die Regenzeit ist schon verdammt nahe.
– 12. Mai: die geplante Ankunft des Monteurs, Anfang Juni muss verschoben werden. Es entstehen unnötige Umbuchungskosten …
– Mitte Mai. Der Container mit der rettenden Folie beendet ausgeruht und braungebrannt seinen Urlaub und begibt sich auf ein Schiff Richtung Cabo Verde.
– 27. Mai: das Schiff kommt im Hafen von Praia an! Der neue Termin für die Ankunft des Monteurs (16.06) kann bestätigt werden. Mehr als zwei Wochen sollten ja reichen das Material aus dem Zoll zu bekommen!!??
– Zahlreiche ‚Besuche’ beim Zollagenten, bei der Speditionsagentur, beim Zoll … dauernd fehlt irgendein Papier, die Spedition verschlampt irgendwelche Dokumente …
– 16. Juni: nach Verlust zahlreicher Nerven und etlicher zeitraubender Fahrten nach Praia, gelingt es, das Material um 15:00 aus dem Zoll zu bekommen. Um 24:00 kommt der Monteur, aus Brasilien kommend, in Praia an!!
– Mein erstes Zusammentreffen mit dem Monteur ist wenig erfreulich. Es findet nach seiner ersten Nacht in der von uns zur Verfügung gestellten Wohnung statt: „Felix, so geht das nicht. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht ….“ – „Hallo Peter, ich heisse nicht ‚Felix’ sondern Florian!“ – „Was glaubt ihr eigentlich, Felix. Matratze am Boden, kein Wasser, Mosquitos. Ich brauche ein Hotel.“ – „Ich heisse aber nicht Felix!“ – „Das tut jetzt nichts zur Sache, Felix. Wo ist das nächste Hotel, ich habe schon gepackt!“ – „Frag den Felix …!“ … Nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Mir ist nicht viel anderes übrig geblieben als ihn im Hotel Tarrafal einzubuchen. Die haben mir dort wenigstens einen Sonderpreis gemacht. Ich nehme allerdings an, dass es auch im Hotel Mosquitos gegeben hat. Und wenn der liebe Peter wie bei uns in der Wohnung die ganze Nacht den Wasserhahn offen gelassen hat, wird auch das Hotel in der Früh kein Wasser gehabt haben??!! Ich vermute aber, dass Schweizer Monteure mit Wohnsitz in Brasilien, Wasserhähne prinzipiell nur eine Nacht lang offen lassen … und das ist eine unzulässige Abschweifung in dieser Stichwortschilderung.
– Die erste Dachbesichtigung des Monteurs ist ernüchternd. Die Aufbordungen sind zwar alle schön verputzt, aber die Randbleche auf die dann die Folie aufgeschweisst werden muss ‚sitzen’ nicht ordentlich. Einzige Lösung: bei sämtlichen Dächern muss mit der Flex 5 cm Naturstein weggeschnitten werden! Das geht aber Gott sei Dank relativ schnell.
– Ein weiterer ‚Schwachpunkt’: die Dachbretter sind alle nur auf die Sparen genagelt! Da wollte der deutsche Architekt wohl Nägel mit Köpfen machen?! Der Monteur ist auf alle Fälle entsetzt! ‚Wer nagelt heutzutage noch?’ Die Bretter biegen sich nach ihrem ersten genagelten Jahr bereits grossteils auf. Die Nägel sind fast alle locker und stehen ein paar Millimeter heraus. Da kann man erstens keine Folie auflegen und zweitens würde es ausreichen, dass sich ein Brett löst, dann würde das gesamte Dach wegfliegen. Einzige Lösung: Alle Bretter schrauben und sämtliche Nägel versenken! Abgesehen von ziemlichem Zeitaufwand durchaus machbar. Wenn man die Schrauben hat. Mit Glück werden wir in der Hauptstadt Praia fündig. Wir kaufen sämtliche 7 cm lange Schrauben auf!
– Und dann noch ein, zunächst unüberwindliches, Problem: die Randbleche müssen ordentlich auf die Kante gedübelt werden. Da darf kein Windhauch drunterfahren sonst hebt es das Dach ab. Die Zementmischung mit der die Aufbordungen ausgeglichen wurden ist viel zu brüchig. Da hält kein Dübel. Also brauchen wir 10 cm lange Schrauben. Ich fahre die gesamte Insel ab. Erfolglos. Auf ganz Santiago gibt es keine einzige Schraube in dieser Länge.
– Aber wir sind flexibel. Wir fangen einfach mit der Abdeckung der grossen Flächen an und lassen die Aufbordungen für den Schluss. Mein Schraubenhilferuf nach Wien wird erhört. Irene besorgt die notwendigen 800 Nageldübel und schickt sie noch am selben Tag per EMS.
– Wir verlegen inzwischen die Folie auf dem ersten Dach und lernen das verschweissen der einzelnen Folienbahnen. Keine Hexerei. Eine Bahn wird gelegt, mit speziellen Beilagscheiben (Tellern) geschraubt, die nächste Bahn wird über diese Schrauben gelegt und verschweisst … Jetzt könnte man zügig ein Dach nach dem anderen in dieser Art abdichten. Wenn man denn genügend von diesen Beilagscheiben hätte. Irgendwas ist da schief gelaufen. Die Kommunikation zwischen dem Monteur und der Schweizer Firma war nicht so hundertprozentig oder was weiss ich. Auf alle Fälle reichen die Beilagscheiben nicht aus. Aber der Peter Durrer von der Firma Sarna reagiert prompt. Die Firma EMS freut sich einen Hax’n aus!?
– 19. Juni: beilagscheiben- und schraubenlos will das Projektleiterchen verzweifeln und Hüte auf die Dächer schmeissen, besinnt sich aber eines Besseren und beschimpft einfach Alles was sich bewegt. Daraufhin kündigen sämtliche Angestellten, die Frau lässt sich scheiden, Delta Cultura löst sich auf und alle Skeptiker und Neider können endlich ihr ‚hab’ ich es nicht gesagt!’ in die Welt posaunen.
– 20. Juni: das vom 19. Juni stimmt natürlich nicht. Körnchen?
– Der Monteur hat Gott sei Dank seine Erfahrungen mit Dachsanierungen in Entwicklungsländern und ist weit davon entfernt zu verzweifeln. Die Schreinerlehrlinge bauen ein Dachmodell und die Arbeiter werden in Kanten- Ecken- Abfluss- und Dunstabzugsrohrverschweissung eingeschult. So reicht der geplante einwöchige Aufenthalt des Monteurs. Um nicht weitere Kosten zu verursachen verlässt er das Hotel und fliegt zurück nach Brasilien.
– 27. Juni: die Schrauben samt Dübel kommen an. Gierig wollen wir loslegen und die Bleche endlich montieren. Aber die Schrauben sind 12 cm lang und unser längster Bohrer 10!? Wir ergattern den letzten 8 mm Bohrer in Tarrafal, der sogar eine Länge von 30 cm hat! Grosses Aufatmen. Aber schon während dem drauffolgenden Ausatmen bricht der Bohrer ab! Das war kein Steinbohrer sondern einer mit dem man ganz ausgezeichnete Löcher in Butter bohren kann! Wir überlegen uns neue Hütten aus Butterbroten zu bauen, damit wir mit dem Werkzeug, das es hier in Tarrafal zu kaufen gibt ein verdammtes Auskommen finden.
– 28. Juni: mit einem unheimlich ausgeprägten ‚das gibt’s ja nicht’ und einem gleichzeitigen ‚irgendwer in diesem saublöden Tarrafal wird doch so einen verdammten Bohrer haben’ setzte ich mich ins Auto und klappere sämtliche Geschäfte in Tarrafal auf meiner Suche nach einem 15 cm langen 8 mm-Bohrer ab. Erfolglos. Ich beginne sämtliche Männer die ich auf der Strasse sehe und die mir auch nur irgendwie so ausschauen als könnten sie 8 mm Bohrer haben, nach einem solchen zu fragen. Alle sind wahnsinnig hilfreich, bedauern aber und verweisen mich an die Geschäfte die doch sicher einen solchen Bohrer haben … da schaltet sich unser Schutzengelchen ein. Ich frage einen unserer Nachbarn dem ich zufällig begegne. Hat der gute Mann doch tatsächlich vor ein paar Monaten von seinem Cousin in Frankreich eine Lieferung Werkzeug bekommen. Unter anderem einen ausreichend langen Bohrer. Noch dazu einen der auf unsere Hilti-Bohrmaschine passt. Einen derartigen Bohrer zu finden, daran hätte ich nicht einmal im Traum gedacht.
– 29. Juni: während Patriki in einem genial rasanten Tempo die Randbleche montiert kommen auch die fehlenden Beilagscheiben aus der Schweiz. Und wir haben endgültig sämtliches Material und Werkzeug zur Dachsanierung vor Ort!
– Die Flächen zu verlegen geht jetzt schnell. Zunächst schaffen wir pro Tag/Nacht ein Dach! Aber wir werden schnell professioneller und steigern uns auf 2 Dächer pro Tag/Nacht.
– Dann fehlen nur noch die Aufbordungen, Dunstabzüge etc. Das ist ‚Fuzelarbeit’ und nimmt mehr Zeit in Anspruch. Aber der grosse Dachsanierungsdruck fängt an von uns abzufallen.
– 13. Juli: die Dachsanierung ist abgeschlossen!
– 16. Juli: der erste Regen fällt. Kein wahnsinnig ergiebiger, aber er hätte wohl ausgereicht um Schaden anzurichten.

Wahnsinn. Obwohl ich mich recht brav an die ‚Stichwortregel’ gehalten habe, hat die Schilderung der Dachsanierung doch ein paar Seiten ‚verschlungen’. Dabei habe ich nicht einmal alle Details erzählt. Ich denke das zeigt ein bisschen etwas von dem Druck, den Problemen den uns diese Dächer gemacht haben.
Aber all das ist Vergangenheit. Ich will jetzt mindestens 15 Jahre nichts mehr von Dächern, Folien, 12 cm Schrauben und so verdammten Zeugs hören. Ich denke dass auch alle die unsere Aktivitäten verfolgen genug davon haben.
Bevor ich dieses Thema aber ein für allemal schliesse möchte ich noch zwei Dinge loswerden.
Da ist zunächst die für alle Beteiligten ungute Situation zwischen Delta Cultura und dem deutschen Hilfsverein Vista Verde, dessen Obmann der Architekt des Zentrums, Frank Mössinger ist. Auch darüber habe ich schon ausführlich berichtet. Dass die Kooperation beendet ist etc. Alles schön und gut und Vergangenheit.
Ich war nur lange der Meinung, dass sich Frank seiner Verantwortung die er an den undichten Dächern unbezweifelbar hat (das hat er meinem Vater gegenüber auch bestätigt) bewusst ist und daher helfen wird das zu lösen. Sich zurückzuziehen weil ich sarkastische Monatsberichte schreibe und damit angeblich all seine Spender verkraule die ansonsten tausende Euros gespendet hätten … das ist billig. Erinnert mich an einen meiner U10 Spieler der trotzig das Spielfeld verlassen hat weil der Schiedsrichter seiner Meinung nach falsch gepfiffen hat.
Ich möchte auch klarstellen, dass Frank damit nicht mir oder Marisa persönlich geschadet hat sondern ausschliesslich den Kindern und Jugendlichen des Zentrums. So wird seine Argumentation und sein monatelanges Nichtstun noch jämmerlicher und vollkommen unentschuldbar.
Er weiss, dass wir nichts gegen ihn in der Hand haben. Er weiss dass die kapverdischen Inseln weit weg irgendwo in Afrika sind. Und das er gleich bei seinem ersten Projekt schwerwiegende Fehler gemacht hat für die er dann nicht gerade steht, davon, hoffe er wohl, wird in Deutschland nie jemand hören … ich bin überzeugt er kommt damit nicht durch und ich bezweifle, dass er mit einer derartigen Haltung irgendwo Erfolg haben wird. Zumindest hier in Tarrafal hat er sich seinen Ruf schon zerstört.

All diese widrigen Umstände, eigentlich unlösbar scheinende Probleme … ich glaube Delta Cultura Cabo Verde und Delta Culture Austria haben eindrücklich bewiesen, dass wir in der Lage sind ein Projekt wie das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ nicht nur zu bauen und zu leiten solange alles eitle Wonne ist, sondern auch fähig sind es durch schwierigste Zeiten zu führen!
Ganz ehrlich, ich war im Laufe dieses Projektes noch nie auch nur ein bisschen stolz! Ich habe es nicht als hervorstechende Leistung empfunden das Zentrum in 8 Monaten zu bauen. Das Geld dazu war da und die eigentliche Arbeit haben die Handwerker gemacht. Das hätte bald einmal jemand erreicht. Aber diese Dachgeschichte jetzt war etwas anderes. Einige bisherige Partner sind abgesprungen, Delta Cabo Verde und Delta Wien haben das Ding im Alleingang geschupft. Ohne studierte Architekten, ohne ‚schnelles Geld’ von einem Ministerium …
Ich hoffe es bezeichnet mich jetzt niemand als hochnäsig. Aber ich finde tatsächlich das wir das Recht haben ein bisschen stolz zu sein. Und ich hoffe auch, mit dieser Leistung die letzten Zweifler zum Schweigen gebracht zu haben. (Die Neider werden ja immer zu meckern haben). Delta Cultura mag ein kleiner Verein sein, aber unsere Arbeit ist ehrlich und zielgerichtet. Ich denke wir haben bewiesen, dass man damit Erfolg haben kann.
Und aus! Dächer dicht! Die Zukunft des Zentrums hat begonnen! Wobei Zukunft die Eigenschaft hat ununterbrochen zu beginnen. Das ist also nichts Besonderes und kein verdammter Mensch weiss warum ich es dann trotzdem erwähne!

Gleichzeitig mit unserer Dachsanierung hat in Deutschland bekanntlich die Fussballweltmeisterschaft stattgefunden. Wer es noch nicht weiss: Italien ist Weltmeister geworden nicht Deutschland …
Manch einer wird jetzt meinen, eine fachmännische Analyse dieser Weltmeisterschaft gehört nicht in einen Monatsbericht eines Kinder- und Jugendzentrums. Weit gefehlt. Wir sind es doch, die Fussballweltmeister 2014! Und ich bin’s doch, der Trainer der Fussballweltmeistermannschaft 2014! Also darf ich jetzt oder nicht?
Kurz, ein bisschen poetisch und mit einer Träne im Auge, gesagt: der Gewinner der Weltmeisterschaft war die Fussballtaktik. Der Verlierer das Fussballspiel!
Also ich habe mich bei fast allen Spielen gelangweilt. Öfters einmal war es mir sogar zu blöd mir das taktische Geplänkel anzuschauen und ich habe mich auf eines der damals noch undichten Dächer begeben.
Einzige Ausnahme war für mich die Elfenbeinküste. Am besten amüsiert habe ich mich in der zweiten Spielhälfte von Elfenbeinküste – Serbien Montenegro. Die Afrikaner spielen wenigstens noch schnell nach vorne. Auch wenn sie von den Europäern das ‚hinten absichern’ auch schon gelernt haben. So richtiges Pressing hat eigentlich keine Mannschaft gespielt. Sogar dann nicht wenn sie im Rückstand war. Schweden gegen Deutschland zum Beispiel. Deutschland ist 2:0 vorne, es geht um die Wurst und die Schweden spielen trotzdem aus einer gesicherten Abwehr heraus, lassen den Gegner kommen, machen die Räume in der eigenen Spielhälfte eng. Und das ganz gewiss nicht weil Deutschland so ausgezeichnet gespielt hat!
Ronaldinho, der für mich auch nach der Weltmeisterschaft der mit Abstand beste Spieler derzeit ist, hat es in einem Interview im brasilianischen Fernsehen so gesagt: die taktische Disziplin der Nationalmannschaften ist heute schon so gross, dass es ein eingespieltes Team braucht um ‚die Löcher’ in der Abwehr zu finden.
Bei Barcelona hat er seinen kongenialen Partner Etó, in der Nationalmannschaft hat ihm dieser gefehlt. Da war ganz eindeutig zu wenig Bewegung seiner Mitspieler. Die sind rumgestanden und haben auf den genialen Pass von Ronaldinho gewartet.
Ganz ehrlich gesagt finde ich auch, es ist ein Armutszeugnis für den Fussball wenn Zidane als bester Spieler der Weltmeisterschaft gewählt wird. Gegen Brasilien war er gut, sehr gut. Aber sonst? Ein Spieler der in einem Spiel wie Schweiz gegen Frankreich mitspielt kann meiner Meinung nach nicht zum besten Spieler eines Turniers gewählt werden. Die FIFA sollte die beiden Mannschaften für dieses Spiel bestrafen. Wenn alle so spielen schaut bei der nächsten Weltmeisterschaft kein Mensch mehr Fussball.
Und gleich noch ein Ratschlag an die FIFA: der Fussball würde gewinnen wenn bei den Weltmeisterschaften weniger Mannschaften aus Europa und mehr aus Afrika teilnehmen würden. Immerhin waren Mannschaften wie Kamerun, Nigeria, Senegal nicht dabei. Dafür Polen, Ukraine, Schweiz, Serbien-Montenegro … nichts gegen diese Mannschaften, aber attraktiveren Fussball spielen die Afrikaner.
Ich fürchte aber, das dies nicht passieren wird. Der Blatter hat seine Gesinnung ja unumwunden bekannt gegeben. Nach dem Skandal in Italien hat er gemeint wenn so was in Afrika passiert dann wundere es ihn nicht. Aber in Italien!? … Wie ich meine, eine ziemlich rassistische Aussage. Ich würde viel darauf wetten, dass es auch in der sauberen Schweiz Wettskandale im Fussball geben wird. Wer weiss, vielleicht ist der Blatter sogar involviert?
Nein, ich bin kein Mensch der überall düstere Machenschaften vermutet. Aber ich und auch die Jugendlichen des Zentrums, die z.B. das Spiel Deutschland gegen Argentinien gesehen haben, haben sich schon sehr gewundert warum von den strittigen Szenen im deutschen Strafraum nie Wiederholungen gezeigt wurden? Später habe ich es dann im portugiesischen Sender gesehen. Da waren zwei ganz eindeutige Elfmeter für Argentinien dabei! Ich will wirklich niemandem was unterstellen. Aber ansonsten zeigen sie doch von jedem Fitzelfaul 7 Wiederholungen?!
Noch etwas ganz anderes hat mich sehr verwundert. Nicht nur die Fussballbegeisterten in Österreich sind fast durchwegs gegen die Deutschen. Nein, die Jugendlichen hier genauso. Der Jubel im Kinder- und Jugendzentrum war nie so gross wie bei den beiden Toren von Italien gegen Deutschland. Das ging sogar bis zu Freudentänzen. Natürlich nicht so verflucht graziöse wie die meinigen durch die Schneiderei, aber immerhin …
Womit wir wieder bei der guten alten Ausbildung im Kinder- und Jugendzentrum wären …
Es handelt sich bei diesem Bericht zwar offiziell für den Mai/Juni Bericht, aber wir haben ja schon Mittel Juli und so erzähle ich noch eine Begebenheit des vergangenen Sonntags. An dieser Stelle sei auch sogleich erwähnt, dass ich ab Montag zwei Wochen im Urlaub bin und es den nächsten Bericht daher erst Anfang September geben wird.
Also der Sonntag. Aufmerksame Leser werden sich an den Namen Arnaldo Andrade erinnern. Der Parlamentsabgeordnete der unser Projekt so liebt … Ihm haben wir es zu verdanken gehabt, dass es an diesem besagten Sonntag eine grosse ‚Versammlung’ in unserem Zentrum gegeben hat: der portugiesische Minister für Arbeit und Solidarität, der caboverdeanische Minister für Arbeit und Solidarität, die caboverdeanische Ministerin für professionelle Ausbildung, die Direktorin der portugiesisch-caboverdeanischen Kooperation in Portugal, sämtliche Vertreter dieser Kooperation hier in Cabo Verde, der Bürgermeister von Tarrafal, Arnaldo Andrade und noch einige Wichtigkeiten mehr. Nicht schlecht gell? Ihr könnt euch die Freude des Projektleiterchens vorstellen … fast hätte ich meinen Freudentanz über den Versammlungstisch vorgeführt. Gerade noch rechtzeitig hat mir Arnaldo Andrade aber geflüstert, dass die Portugiesen gegen derartige Kundgebungen sind.
Marisa war höllisch nervös, auch unsere neue Assistentin von der ich gleich noch erzählen werde, nur ich war die Ruhe in Person. Ich bin’s doch, das coole Projektleiterchen, der im Umgang mit so hohen Persönlichkeiten Geschulte, der Schweissausbruch unter Kontrolle Habende.
Nein, aber tatsächlich war ich nicht nervös. Ich weiss inzwischen von einigen anderen Besuchen dieser Art, dass auch Minister immer sehr angetan sind von unserer Arbeit. Leider weiss ich aber auch, dass derartige Besuche und das Lob das wir dann immer bekommen keinen grossen Wert hat. Ich bin daher auf der Suche nach einer Möglichkeit mit Lob Ausbildungen zu finanzieren. Es muss ja nicht immer Geld sein. So war mein erster Weg gestern auch in das Stoffgeschäft in Praia. Ich habe die Leute dort über den Klee gelobt, ihr Sortiment, das Auftreten und Aussehen sämtlicher Angestellter, ihr grossartige Arbeit habe ich gepriesen und zum Abschluss habe ich ihnen mein selbstkomponiertes Loblied vorgesungen. Aber diese verdammten Geschäftsleute haben keine einzige Nähnadel rausgerückt. Geld wollten sie haben. Vollkommen umsonst komponiert.
Aber zurück zu unserem fröhlichen Ministertreffen. Wir haben natürlich mit einer Führung durch das Zentrum begonnen, in weiser Voraussicht habe ich ein Fussballspiel der U10 für den Zeitpunkt des Besuches organisiert. In dieser Altersklasse haben wir ja Buben und Mädchen gemischt. Das kommt immer gut an. So war das Fussballspiel zwar nicht spontan, aber die Batucodarbietung der Mädchen. Ich weiss wirklich nicht warum sie haben sich plötzlich zusammengesetzt, haben die Fussbälle zu Trommeln umfunktioniert und haben dazu gesungen. Sämtliche Minister und Direktorinnen waren ganz hin und weg.
Nein, weg waren sie nicht, es gab ja noch meine Präsentation des Projektes und unserer Zukunftspläne. Zum wiederholten Male habe ich ganz klar und deutlich gesagt, dass es unmöglich die Aufgabe von Delta Cultura sein kann das immer noch vorhandene Stromproblem zu lösen und dass Delta Cultura für die Zeit nach März 2007 auf die finanzielle Unterstützung seitens der Regierung und der Gemeinde angewiesen sein wird. Ich bin damit auf offene Ohren gestossen. Und das war sicherlich ein Privileg: wer hat in seinem langen Leben schon die Möglichkeit das offene Ohr eines portugiesischen Ministers zu stossen!?
Diese Versammlung hat aber wirklich Anlass zu Optimismus gegeben. Sowohl der Bürgermeister als auch die caboverdeanische Ministerin haben darauf hingewiesen, dass es unsinnig wäre in ein weiteres Ausbildungszentrum in Tarrafal zu investieren wenn doch mit dem Zentrum schon die Infrastruktur gegeben wäre.
Es gilt jetzt konkrete Pläne für die Zukunft zu machen. Mit allem drum und dran. Kostenvoranschläge etc. Aber darin bin ich ja jetzt schon geübt und kann inzwischen auch schon auf eine gewisse Erfahrung zurückgreifen.
Am meisten beeindruckt war ganz eindeutig die Direktorin der portugiesischen Kooperation. Und wie mir Arnaldo Andrade geflüstert hat, ist sie es die bestimmt. Wenn sie zusagt, dann zahlt Portugal auch! Eine fixe Zusage haben wir von ihr natürlich nicht, aber sie wollte unbedingt genaue Zahlen von mir haben. Wie viel zahlt das deutsche Ministerium für die Fixkosten (Strom, Wasser, Auto, etc.), wie viel für die Ausbildung usw. Habe diese Daten Gott sei Dank sehr schnell meinem Computer entlocken können.
Sehr gefreut hat mich auch ihre Äusserung, sie könne sich vorstellen das Projekt direkt zu unterstützen. Also nicht über die portugiesische Kooperation in Cabo Verde oder irgendwelche caboverdeanischen Institutionen, sondern Direkthilfe an Delta Cultura. Das ist mir immer willkommen weil dann sichergestellt ist, dass keine Gelder in husch-pfusch genähten Taschen verschwindet. Verdammte Huschtaschen würde ich ja gerade noch akzeptieren …
Also mal sehen wie sich diese Geschichte weiter entwickelt. Wir bleiben auf alle Fälle dran und ich bin nach meinen Dachdepressionen unbedingt verflucht zuversichtlich!

Damit bleiben diesem Monatsbericht nur noch zwei Dinge zu erzählen. Zum einen die neue Assistentin. Nachdem uns Shy verlassen hat – sie hat vor nach Portugal zu gehen um zu studieren – haben wir zunächst versucht jemanden aus Tarrafal in diese mächtige Position zu hieven. Da war aber niemand. Also haben wir in der Wochenzeitung inseriert und es haben sich doch Einige gemeldet. Entschieden haben wir uns schlussendlich für Edna. Sie kommt ursprünglich von Sao Vicente, hat aber die letzten Jahre in Assomada gelebt. Sie hat eine 8 Monate alte Tochter und wie das hier leider so üblich ist, ist der Vater nach Portugal und hat sie sitzen lassen. Noch dazu haben ihr die Eltern des Vaters die Wohnung leergeräumt … so arbeitet sie jetzt an einem Neubeginn hier in Tarrafal.
Sie wohnt in der Wohnung die uns die Gemeinde zur Verfügung gestellt hat. Für uns am wichtigsten: sie ist eine sehr initiative Person. Hat schon so einige Dinge in die Hand genommen und auch neue Ideen eingebracht. ‚Frisches Blut’ ist immer gut! So trägt auch Edna dazu bei, dass meine Zuversicht, mein Optimismus für die Zukunft des Zentrums gross genug ist um entspannt in Urlaub gehen zu können.

Und die letzte Meldung … ist auch eine ganz verflucht verdammt phantastische. Die portugiesische Elektra die das Land jetzt fast 8 Jahre verarscht (Entschuldigung) hat, befindet sich auf dem, von allen begrüssten, Rückzug. Das Ganze geht nicht ohne Streit zwischen Regierung und Elektra über die Bühne aber der Premierminister hat in einem Fernsehinterview klipp und klar gesagt ‚Cabo Verde lasse sich von keiner portugiesischen Firma zum Narren halten und die Elektra müsse gehen’. Über die Summe die die Regierung zahlen muss herrscht Uneinigkeit und wird wohl von einem Gericht entschieden werden. Alle die Cabo Verde und die Stromversorgung hier kennen wissen was dies für eine Jubelmeldung ist. Dem nicht genug hat der Premierminister in diesem Fernsehinterview auch angekündigt ‚nach der Elektra ist die Telecom dran!’. Der Mann besticht normalerweise mit seiner Diplomatie, aber in diesem Interview hat man ihm seinen Hass auf diese portugiesischen Unternehmen ganz eindeutig angemerkt.
Alle die mich kennen wissen, dass ich immer gesagt habe, dass wenn Cabo Verde einen wirklichen Schritt nach vorne machen will müssen sie die Elektra und die Telecom los werden. Es scheint geschafft! Ich bin dieser Regierung unendlich dankbar dafür. Und ich bin Regierungen wirklich nicht sehr schnell dankbar …

So das war’s, liebe Leser. Ihr seid erlöst! Der Bericht endet hier. Ich möchte nur noch einen kleinen Hinweis geben. Auf unserer Internetseite werden diese Berichte ja auch veröffentlicht. Und dort gibt es für Alle die Möglichkeit einen Kommentar dazu abzugeben. Ich würde mich freuen wenn mehr Leser davon Gebrauch machen würden. Das belebt die Sache.

Jetzt bleibt es mir nur noch allen Lesern einen schönen Sommer zu wünschen und dann ist dieser Bericht beendet. Verdammt!
Liebe Grüsse,
das Projektleiterchen

2 thoughts on “Monatsbericht Mai/Juni 2006

  1. Jeder, der Frank Mössinger kennt, weiß, dass dies reine Verleumdung ist.

    Heinke

Schreibe einen Kommentar zu Heinke Moreno Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Website