Monatsbericht Dezember

… und dann war angeblich 2007!?

Delta Cultura hat sich im November und Dezember mindestens genauso bemüht wie all die 2006er Monate davor auch … und das ist doch schon mal eine überaus ausgezeichnete Neuigkeit!
Wie schon so oft ist es uns auch in diesen Monaten gelungen Eines nach dem Anderen zu machen. Das Eine war auch schnell erledigt, das Andere hat sich etwas gesträubt. Wie das die Anderen halt so an sich haben! Die sind ja immer schuld!
Der Eine weiss Alles. Der Andere tut nur so!
Der Eine macht immer Alles richtig. Der Andere versaut es ihm!
Der Eine organisiert sich ein schönes Leben. Der Andere nimmt ihm die Frau weg!
Der Eine ist einfach durch und durch gut. Der Andere glaubt ihm das nicht!
Der Eine baut ein Kinder- und Jugendzentrum. Der Andere finanziert nur bis März 2007.

… und ich bin immer der Eine … mit dem Anderen hab ich nichts am Hut …

Anfang November haben wir Besuch von Sophia Hubert bekommen. Sophia ist unsere Projektbetreuerin beim ASB. Ihre Hauptaufgabe ist es das Projektleiterchen bei Laune zu halten. Und um das zu bewerkstelligen scheut sie keine Mühe. Auch die lange Reise von Köln nach Tarrafal nicht!
Eigentlich wollten wir sie garnicht mehr zurückreisen lassen. Ich habe ihr das Blaue vom Himmel versprochen, aber sie hat mir nicht geglaubt, dass ich das von ganz da oben herunterholen kann.
Und noch eigentlicher ist Sophia nach Tarrafal gekommen um sich einen Eindruck von dem Zentrum zu verschaffen. Die Ausgaben, die Einnahmen, die dazugehörigen Belege, Auszüge, An- Um- und Aufzüge kennt sie ja aus unserer intensiven Emailkommunikation und meinen vortrefflichen Monatsabrechnungen. Aber vollkommen zu Recht hatte Sophia den Eindruck das Kinder- und Jugendzentrum könnte mehr als nur das sein!!? Und um ganz genau herauszufinden was es denn jetzt wirklich ist, dazu ist sie nach Tarrafal gekommen.
Ihr Resümee: Kartoffelpüree!
Aber sicher nur deshalb weil sich das reimt. So könnte es auch heissen:
Ihre Bilanz: Freudentanz
Wobei dieser Bericht in keiner Weise zur Farce verkommen will. Daher an dieser Stelle Sophias Resümee:
Alles ist tatsächlich genau so wie ich es in den Monatsberichten immer erzähle!?

Sophia ist kein Mensch der grossen Worte. Obwohl sie alle Gaben dazu hätte! Im Grossen und Ganzen war sie tatsächlich zufrieden mit unserem Projekt. Kritikpunkte, Verbesserungsvorschläge, notwendige Ergänzungen hat es natürlich trotzdem gegeben. Gott sei Dank. Wo kämen wir denn da hin wenn Marisa und ‚chen’ ein perfektes Kinder- und Jugendzentrum in die Welt setzten?!
Da ist zum Beispiel die Schneiderausbildung deren ‚Schwierigkeiten’ wir seit Anbeginn nicht in den Griff bekommen haben: ständiger Wechsel der Schneiderinnen und keine geeigneten Ausbilderinnen.
Eine Psychologin die mit Fleisch, Blut und Psyche bei der Sache ist haben wir bis heute nicht gefunden.
Gewisse Unannehmlichkeiten gibt es bei manchen alltäglichen Dingen die eigentlich problemlos funktionieren sollten. Putzen zum Beispiel.

Aber ganz wirklich: Sophia war mit Delta Cultura und dem Zentrum sehr zufrieden. Sollte das gelogen sein wird sie sich auf unserer Internetseite diesbezüglich zu Wort melden!? Stimmt’s Sophia?
Zur Untermauerung dieser Aussage ein kleiner Auszug aus einem ‚Empfehlungsschreiben’ das uns der ASB ausgestellt hat:
‚ … Die Zusammenarbeit mit Delta Cultura funktionierte sehr gut. Der Zeitplan des Projektes konnte trotz unerwarteter Schwierigkeiten eingehalten werden. Auch die Abrechnungen kamen pünktlich und vollständig, waren transparent und seitens des ASB ohne Beanstandungen. DCCV hat stets flexibel auf jegliche Herausforderungen reagiert und selbst größere Probleme, vor allem auf Grund der Hartnäckigkeit der Projektleitung, letztlich lösen können … ’

… kurz nach Erhalt dieses Schreibens hat es das stolz geschwellte Brüstchen des hartnäckigen Projektleiterchens in tausend Stückchen zerfetzt … eine riesige Sauerei … womit wir wieder beim Putzen wären: kein Mensch ist bereit die Schweinereien die stolze Brüste auf dieser Welt verursachen aufzuräumen. Genau da will Delta Cultura ansetzen. ‚Delta Brust – Verein zur Öffnung und Säuberung von Stolzbrüsten’.

Von einem weiteren Besuch im November will ich berichten. Kurt Wyler. Der liebe Mann hat uns – ohne das Projekt zu kennen – bei der Finanzierung der Dachsanierung geholfen. Im November ist er gekommen um sich dichte Dächer, das Drum herum und vor allem das ‚Darunter’ anzuschauen.
Sein Resümee: Käsefondue
Und es ist sicher nicht so, dass ich mir nicht manchmal Sorgen mache, dass die lieben Menschen die uns besuchen und uns helfen über meine ‚Beschreibungen’ böse werden. Aber bei Sophia und Kurt glaube ich nicht, dass dies der Fall sein wird. Sie kennen mich ja persönlich und sie haben mir extra noch gesagt, dass ich ruhig über Kartoffelpüree und Käsefondue philosophieren darf.
An dieser Stelle meinen herzlichsten Dank an Kurt. Er hat mir nämlich tatsächlich ein Käsefondue mitgebracht. Und wir haben es am Weihnachtsabend gegessen. ‚Wir’ das waren nicht nur meine Frau, meine Kinder und ich. Nein! Die ganze Nachbarschaft durfte sehen und kosten was die SchweizerInnen in ihrer Freizeit so machen.
Was ich aber eigentlich erzählen wollte war Kurts ‚Cabo Verde – Kinder- und Jugendzentrum – Resümee’. Kurz gesagt: es hat ihm so garnicht gefallen. Dazu sei gesagt, dass er ein grosser ‚Brasilienkenner’ ist und dort auch ein Projekt unterstützt.
Seine Kritikpunkte: der Müll überall, die frei herumlaufenden Schweine die das Dorfbild prägen (mit ‚Schweinen’ meine ich diese rosa Tiere), die Initiativenlosigkeit der Jugendlichen hier (oder der Menschen Cabo Verdes im allgemeinen?!), etc.
Sein Gesamteindruck war einfach kein Guter. So hat er sich offensichtlich auch dazu entschlossen das Projekt nicht wie angekündigt weiterhin zu unterstützen.
Das ist ja auch sein gutes Recht. Noch viel mehr als er ja andere Projekte (eben in Brasilien) sehr wohl mit Rat und Tat zur Seite steht. Mit Gewissheit kann ich sagen: würden alle Menschen die dazu finanziell in der Lage sind in diesem Ausmass ‚verteilen’ wie Kurt das macht, dann gäbe es keine Armut mehr auf dieser Welt. Daher meine Ehrfurcht vor diesem Mann!
Sehr wesentlich für die Zukunft des Zentrums sind seine Kritikpunkte. Natürlich hat er recht, dass ein Grossteil der Jugendlichen hier nicht bereit sind Initiative zu ergreifen um sich ihren Lebensstandard im Land zu verbessern. Sie verwenden ihre Kraft fast ausschliesslich dazu um ins Ausland zu kommen. Mit Allem was eine gewisse Kontinuität braucht hat man hier mittlere bis gröbere Probleme.
Wie immer im Leben kann man auf diese ‚Problemstellung’ auf verschiedene Weise reagieren.
Man kann damit Nichts zu tun haben wollen.
Man kann die Entwicklung eines Medikaments finanzieren die allen Menschen die gleichen Werte und Lebensvorstellungen einimpft.
Man kann versuchen sämtlichen Jugendlichen ein monatliches Grundgehalt von 200.000 € zu finanzieren.
Man kann über die Sinnhaftigkeit und die Höhe diese Grundgehaltes philosophieren.
Man kann Regeln erfinden die all jene Jugendlichen ausschliesst die an eben dieser Initiativenlosigkeit leiden.
Man kann die Weltbank anrufen und fragen was sie davon halten.
Man kann die Jugend abschaffen.
Man kann sich fragen woher diese Initiativenlosigkeit kommt und dann ganz gescheite Massnahmen ergreifen.
Man kann die ‚Insel der Initiativenlosigkeit’ gründen und Alle dorthin verfrachten die keine Massnahmen ergreifen um das zu verhindern.
Man kann so tun als ob eh Alles in Butter wäre.
Man kann sich diese Butter kaufen, schmelzen und feststellen was denn da jetzt tatsächlich drin ist.

Wozu ich – als alter Butterbrotfanatiker – tendiere dürfte auf der Hand liegen. Natürlich für die ‚gescheiten Massnahmen’.
Nur, was sind gescheite Massnahmen? Es stimmt nämlich: bilde ich hier in Cabo Verde einen Jugendlichen aus – so wie wir das ja jetzt seit mehr als einem Jahr machen – und drücke ihm dann ein Diplom in die Hand … dann wird er aller Voraussicht nach schon bald wieder arbeitslos durch die Strassen streifen. Oder Autos waschen.
Wobei diese Problematik wohl nicht nur in Cabo Verde zutrifft.
Eine Massnahme – die Delta Cultura auch ergreifen wird – ist die Begleitung dieser ‚diplomierten Jugendlichen’ bis sie eine Arbeitsplatz haben oder einen eigenen Betrieb gegründet haben. Dabei kann man ihnen ja helfen (Mikrokredit beantragen, etc.).
Trotzdem: Initiativenlosigkeit, den Glauben, dass man mit einer gewissen Kontinuität auch in Cabo Verde was erreichen kann und nicht zwingend ins Ausland muss um seine Lebensqualität zu verbessern, diesen Glauben kann man nicht so von heute auf morgen in die Menschen hier ‚einpflanzen’.
Ein sehr komplexes Thema. Offensichtlich ist die Haltung von Delta Cultura diesbezüglich: einfach zu sagen die Probleme dieses Landes wird Delta Cultura sowieso nicht lösen können, den Arbeitsmarkt werden wir hier nicht revolutionieren … also diese Resümees zu ziehen um dann zu sagen wir machen lieber gar nichts weil es eh nichts hilft und die Jugendlichen hier so faul sind, das wäre uns zu billig.
Worüber wir uns aber vollkommen im Klaren sind: zu einer Bewusstseinsveränderung der jungen Menschen können wir sehr wohl etwas beitragen. Die Früchte dieser Arbeit werden wir aber nur zu einem sehr geringen Teil gleich heute ernten …

Jetzt erzähle ich aber erst mal noch vom November/Dezember und der unglaublichen Entwicklung der Fussballschule und des Fussballverbandes ‚Santiago Nord’ in diesen Monaten.
Der besagte Fussballverband war ja die vergangenen Jahre praktisch nicht existent und wir konnten daher nicht beitreten, hatten also keine Berechtigung Meisterschaft zu spielen, etc. Altbekannte Probleme.
Seit September 06 des Jahres ist langsam aber stetig Bewegung in den Regionalverband gekommen. Es hat einige Sitzungen gegeben an denen auch das Projektleiterchen teilgenommen hat. Wie immer an derartigen Versammlungen habe ich mein unglaubliches Fussballwissen, mein überdurchschnittliches Organisationstalent, mein herausragendes Kraftpotenzial eingebracht und die ganze Sache einer phantastischen Lösung zugeführt.
Es war wirklich ausschliesslich meiner Intervention zu verdanken, dass wir heute wieder einen Regionalverband haben, dass unsere Fussballschule nicht nur offiziell sondern sogar offizialisitisiert ist und wir an der im Jänner startenden regionalen Meisterschaft teilnehmen können.
… so zumindest stelle ich das in diesem Monatsbericht dar. Dass ich in Wirklichkeit zwar an diesen Sitzungen teilgenommen habe, mich auch zu Wort gemeldet habe, im Endeffekt aber nicht viel beigetragen habe, das brauchen all jene Menschen die sich weit weit weg von Cabo Verde befinden ja nicht zu wissen. Hauptsache ich stehe wieder einmal als Held da und kann mein Hochstaplerjahr 2006 beruhigt abschliessen!
Es gab also einige Sitzungen sämtlicher Fussballpräsidenten des Regionalverbandes Nord. Das sind deren 18! Davon 5 aus der Gemeinde Tarrafal. Ich selbst gehöre wie gesagt nicht dazu weil wir ja nicht dem Verband angehören.
Nach zahlreichen Streitereien unter diesen Präsidenten bei diversen Versammlungen, Gegenversammlungen, Vorsprachen beim Präsidenten der nationalen Fussballverbandes, kam es Anfang Dezember zur Neuwahl des Vorstandes des besagten Regionalverbandes.
Und ich finde es saublöd, dass ich in meiner Beschreibung dauernd ‚nationaler Fussballverband’ und ‚Regionalverband Nord’ schreiben muss, weil das so verflucht lange Worte sind.
Bei dieser Wahl gab es zwei Kandidatenlisten. Eine aus Santa Cruz und eine aus Tarrafal. Anfangs habe ich mich noch für die Liste aus Tarrafal ‚stark gemacht’. Aber bald schon bin ich dem Hasen begegnet, bin ihm nachgeschlichen und habe gemerkt wie er läuft …
Am Abend vor dieser besagten Wahl haben sich die 5 Präsidenten der Fussballclubs aus Tarrafal getroffen. Aufgewertet wurde diese Versammlung durch meine Anwesenheit.
Die Vereinsstatuten des ‚Regionalverbandes Nord’ verlangen nach genau 32 ‚Funktionären’. Präsident, Vizepräsident, Präsident der Generalversammlung, Finanzchef, Ober- Mittel- und Unterschiedsrichter, Leiter des Strafsenats … vollkommen absurde Angelegenheit und ich habe mich lange gefragt wer diese ‚unrealistischen’ Statuten verfasst hat. Ein Experte der bei der Gründung dieses Regionalverbandes dabei war konnte es mir erklären: es wurden einfach die Statuten eines portugiesischen Regionalverbandes Eins zu Eins übernommen. Das tut der Tatsache keinen Abbruch, dass sich heute noch die verschiedensten Menschen damit brüsten, sie alleine hätten diese Statuten verfasst und damit die Gründung des Verbandes ermöglicht.
Diese Sitzung am Tag vor der Wahl war für mich sehr lehrreich. In verschiedenster Hinsicht. Ich möchte die Lehren die ich gezogen habe auch garnicht genauer auflisten sondern einfach schildern was an diesem denkwürdigen Abend vor sich gegangen ist.
Zunächst ist man in trauter Runde gesessen. Der Mensch der als Präsident kandidiert hat war nicht anwesend. Er war auf ‚Wahlkampf’ auf der Insel unterwegs. Es galt die ‚Kandidatenliste Tarrafal’ zu erstellen. Also wurden einfach Namen von irgendwelchen Tarrafalianern genannt die geeignet schienen die diversen Funktionen im Verband wahrzunehmen. Dass diese Menschen keine Ahnung davon hatten auf dieser Liste aufzuscheinen war offensichtlich vollkommen egal. Hauptsache die Liste war voller Namen. Mein Vorschlag, man könnte doch dann einfach irgendwelche fiktiven Namen einsetzen wurde einstimmig abgelehnt.
Mitten in diese Listenauffüllung kam die Idee man könnte zum Bürgermeister gehen, der gleich um die Ecke wohnt und ein guter Freund eines der Fussballpräsidenten ist. Mir war zunächst nicht klar was der liebe Bürgermeister, einen Tag vor der Wahl für uns hätte tun können, aber ich war nicht abgeneigt endlich einmal seine Privatgemächer kennen zu lernen.
Tatsächlich hat uns der gute Mann sogleich empfangen. In seinem Speisesaal, in dem für 2 Personen gedeckt war. Ich habe mich natürlich herzlichst bedankt, mich sogleich an den ‚zweiten’ Platz gesetzt und der Bedienung bekanntgegeben sie könne jetzt servieren. Die anwesenden Fussballpräsidenten haben dauernd wie verrückt gestikuliert und wollten mir irgendwas deuten, aber ich habe deren Gefuchtel einfach ignoriert und mit Erstaunen gehört was der Bürgermeister zu der Fussballverbandswahl am kommenden Tag zu sagen hatte.
Sollte die ‚Liste Tarrafal’ gewinnen verspreche er, der Bürgermeister von Tarrafal’ jedem Team des Verbandes eine Spende von 50.000 Escudos. Während ich dem Bürgermeister seine Hauptspeise verschlungen habe, habe ich gerechnet: 18 Vereine, jeder 50.000. Das macht 900.000. Umgerechnet 8000 € … und mir hat er in einer Sitzung ein paar Tage vorher noch erzählt er könne dem ‚Kinder- und Jugendzentrum’ nicht mehr als umgerechnet 18.000 € pro Jahr geben.
Naja, ich als alter Fussballfanatiker kann seiner Budgetverwaltung sehr gut folgen?! Besser in Fussballvereine investieren die mindestens einen Monat pro Jahr trainieren als in so blöde Zentren die sich das ganze Jahr hindurch Ausbildung, Sport und Kultur auf einmal widmen.
Leider war unsere Audienz beendet bevor ich die Nachspeise bekommen hatte. Ausserdem war es mir plötzlich zu blöd an dieser Versammlung teilzunehmen. Während die Fussballpräsidenten weiter an ihrer Liste gearbeitet haben bin ich nach Hause um mit meinen Töchtern zu spielen.
Der grossen Wahl am nächsten Tag habe ich als Beobachter beigewohnt. Die Liste aus Santa Cruz hat gewonnen. Obwohl sie keine 50.000 für jeden Verein versprechen konnte.
Und das war gut so. Der Präsident der anderen Liste erscheint mir etwas seriöser als der aus Tarrafal. Obwohl ich mit diesem lieben Mann ein paar Wochen vor der Wahl einen heftigen Streit bezüglich der Anmeldung unserer Fussballschule hatte. Er hat mir damals garantiert, dass wir dieses Jahr nicht an der Meisterschaft teilnehmen können.
Nach seiner Wahl zum neuen Präsidenten des Regionalverbandes war mir klar, dass es nun tatsächlich schlecht bestellt war um unsere Meisterschaftsteilnahme. Also habe ich einen ‚Schritt gewagt’ den ich bisher aus verschiedenen Gründen nicht gewählt habe. Wir haben schlicht und einfach mit einem bestehenden Fussballverein aus Tarrafal fusioniert. ‚Varandinha’ heisst der Club. Und so heissen wir jetzt auch. Und damit ist dieses leidige Thema der Anmeldung endlich erledigt.
Es gilt jetzt nur die Strukturen dieses Fussballvereins zu ‚verbessern’. Aber darüber erzähle ich ein andermal mehr.

Und wie immer habe ich jetzt erst einen kleinen Bruchteil von dem erzählt was im November und Dezember so alles passiert ist, der Bericht umfasst aber schon wieder so viele Seiten, dass ich befürchten muss dass kein Mensch soweit liest …
Also genug mit Monatsbericht. Es fehlt nur noch:

Ein kleiner Jahresrückblick

Ein erstes Jahr Betrieb des ‚Kinder- und Jugendzentrums Tarrafal’ liegt hinter uns!
Dank tatkräftiger Hilfe vieler, vieler lieber Menschen und Dank einer gut funktionierenden Kooperation mit dem ASB konnten wir den Betrieb so wie im Förderungsansuchen an das BMZ beschrieben durchführen: Ausbildungen im Schreiner- und Schneiderbereich, sowie Informatik- und Sprachkurse, diverse Workshops und Veranstaltungen (Berufsberatung, AIDS- und Drogenaufklärung, etc.).

Darüber hinaus hat die Fussballschule ihr viertes Jahr Bestehen gefeiert. Der Trainingsbetrieb konnte sowohl was Qualität als auch was Quantität der Trainingseinheiten betrifft gesteigert werden. Einzig die Mädchenmannschaft hat weiterhin ihre Schwierigkeiten mit dem regelmässigen Training …

Die Batucogruppe hat ihren Bekanntheitsgrad beträchtlich erhöht und trägt einen Grossteil zu dem guten Ruf von ‚Delta Cultura’ bei.

Das Lehmbau-Terracotta-Projekt hat 2006 einen Gasofen bekommen. Neben Fliesenproduktion haben wir angefangen weitere Tongegenstände herzustellen.

Ein durchaus erfolgreiches Jahr also.
Trotzdem bin letztens mit Marisa zusammengesessen und habe aus einem mich plötzlich überfallenden Gefühl heraus gesagt: ‚2006 war kein so tolles Jahr, aber 2007 wird bestimmt besser’.
Und was soll das heissen?
Dass wir 2007 noch viel mehr professionelle Ausbildungen anbieten werden?
Dass wir nicht nur Aufklärung über AIDS und Drogen betreiben werden, sondern die Beiden im Kollektiv aus der Welt schaffen?
Dass wir weitere 150 Buben und Mädchen in die Fussballschule aufnehmen und Alle zu ProfispielerInnen ausbilden?
Dass die Batucogruppe eine CD aufnehmen wird, die nach einem Monat am Markt zur erfolgreichsten je produzierten Musikaufnahme wird?

… ob es Zufall ist, dass ich gerade Pink Floyd höre und die von einem ‚lunatic in my head’ singen? …

Aber die eigentliche Frage bleibt: wie kann 2007 dieses für das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ überaus erfolgreiche Jahr 2006 noch topen? Auf den ersten Blick erscheint dies kaum möglich. Enden im März doch die ‚fetten BMZ-Jahre’ und die Millionen fliesen nicht mehr.
Eine Tatsache die vielen ‚Zentrumsfreunden’ Sorge macht und vielleicht ein paar wenigen Zentrumsneidern Hoffnung?! Mir selbst – obwohl ich nicht zu denen gehöre die Delta Cultura den Erfolg neiden – macht das Ende der BMZ-Förderung in verschiedenster Weise Hoffnung und schenkt mir die Freude und Kraft für das Projekt wieder.
Nicht, dass ich diese Freude im Jahre 2006 restlos verloren habe, aber allzu oft war ich von den Alltagssorgen vernebelt und überfordert wodurch ich mich nicht auf das konzentrieren konnte was mir eigentlich am Herzen liegt.
Weil wenn man sich die Kinder und Jugendlichen Tarrafals, die politische Situation Cabo Verdes, die Art und Weise wie Regierung, Gemeinde, verschiedenste Hilfsorganisationen, etc. arbeiten genauer anschaut, wenn man sich die Weltwirtschaftslage (was für ein gewaltiges Wort) auch nur ein ganz klein wenig vergegenwärtigt, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass professionelle Ausbildungen, semi- oder vollprofessionelle Fussballschulen etc. zwar schön und gut, aber doch nicht mehr sind als ‚bisschen Dreck putzen’. Dreck der trotz vieler engagierter Menschen und Solchen die sich dafür halten (dazu zähle ich mich selbst), immer mehr wird.
Das mag jetzt sehr pessimistisch oder negativ oder was auch immer klingen. Ist es aber nicht. Aus einem einfachen wunderschönen Grund: sobald es nämlich gelingt den Blick von der alltäglichen Dreckbeseitigung, vom eigenen Psychoquatsch, vom angehäuften Fachwissen zu erheben, erblickt man den verfluchten Drachen der den Dreck produziert. Und erst wenn man den erkennt kann man sich Massnahmen überlegen wie ihm beizukommen ist.
Immer noch bin ich der absoluten Überzeugung, dass es die Dilettanten sein werden die wirklich Neues in die Welt bringen. Oder um bei dem Bild des Drachens zu bleiben: die Dilettanten werden den Drachen erlegen. Die Spezialisten werden mit offenem Mund dastehen, der eine oder andere wird sich in den Hintern beissen, die Wenigen die den Drachen zur Selbstbereicherung genutzt haben werden versuchen sich zu wehren, die Tierschützer werden auf die Barrikaden steigen, aber niemand wird den Erstickungstod ‚ihres’ Drachens verhindern können.
Und das Alles soll 2007 passieren?
Naja, wie gesagt, bis März sind wir ja noch durch BMZ-Gelder ‚gebunden’ … könnte also passieren, dass die Dilettanten bis Mitte 2008 brauchen …
Aber was ich damit wirklich sagen will: Afrika und damit auch Cabo Verde hat so gesehen viel mehr Potenzial Neues in die Welt zu bringen als das ‚vertechnisierte, spezialisierte Europa’. Afrika gehört zu den ‚Kontinenten der Hoffnung’. Nix mit ‚Afrika der verlorene Kontinent’. Aus dem Blickwinkel des Drachens ist er verloren. Aus dem Blickwinkel der Drachentöter ist er Hoffnungsträger.
Das bisschen verdammt blöde an der Sache: der absolute Grossteil der Menschen Afrikas glaubt der ‚Drachentheorie’ mit der ‚Verlorenheit’ und ist daher ausschliesslich damit beschäftigt Richtung ‚westlicher Welt’ zu entkommen. Die Regierungen versuchen im Konzert der Grossen mitzuspielen, lassen sich von Weltbank, Währungsfonds und wie sie alle heissen, Strukturanpassungen (sprich Privatisierungen) einreden die im Endeffekt die Armut vergrössern. Das kann dann natürlich schnell einmal ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, der Initiativenlosigkeit verursachen … und das ist ganz bestimmt kein Nährboden um Neues entstehen zu lassen.
Mein grösstes und eigentlich einziges Ziel ist es daher, beizutragen diesen Nährboden zu schaffen. Professionelle Ausbildungen, Berufsberatungen, Fussballschulen, Terracottaböden, etc. sind diesem Nährboden sicherlich nicht schädlich, aber sie alleine liefern kaum Nährstoffe. Da glaube ich zum Beispiel vielmehr daran, dass alleine die Tatsache dass Marisa und ich ein derartiges Zentrum errichtet haben Nährstoff liefern kann. Weil in der Realität des Drachens hätte uns das niemals gelingen dürfen. Und in der Realität des Drachens muss es spätestens ab März 2007 bergabgehen mit dem ‚Kinder- und Jugendzentrum Tarrafal’.
Das wird es aber nicht, weil der Keim den wir mit Hilfe von BMZ und ASB gesetzt haben schon verwurzelt ist und ausgetrieben hat.

Schön gesagt? Oder findet jemand das ist alles nur Geschwafel? Vorallem das mit den Dilettanten?!
Zu denen ich will noch was sagen. Und zwar was dilettantisches. Nämlich: ich meine ‚Dilettant’ nicht als ‚Stümper’ sondern als ‚ambitionierten Laien’. Ein Dilettant hat andere Motivationen, andere Weisen an etwas heranzugehen. Läuft nicht Gefahr betriebsblind zu sein. Er läuft allerdings Gefahr es zu werden. So wie ich. Als Dilettant bin ich in die sogenannte ‚Entwicklungszusammenarbeit’ gegangen. Nach diesen ersten Jahren (vor allem nach dem sehr intensiven Jahr 2006) laufe ich ständig Gefahr mich als Profi in diesem Bereich zu sehen. Schliesslich kann ich ja schon ganz stolz auf Einiges verweisen was ich in diesem Bereich erreicht habe. Es wäre allerdings das Schlimmste was mir wiederfahren könnte, sollte ich tatsächlich zum Experten werden. Ich will und werde weiterhin das ‚Projektleiterchen’ bleiben.

Anderes Beispiel: man erzähle einem Wirtschaftsstudenten, der Neoliberalismus der heutzutage von unserer lieben Supermacht, von den transkontinentalen Konzernen und deren Helfern Weltbank, Währungsfonds und Welthandelsorganisation gepredigt und betrieben wird, sei der Verursacher der immer weiter steigenden Verarmung eines Grossteils der Weltbevölkerung … der Wirtschaftsstudent wird darauf wahrscheinlich sagen: „na ja schon. ABER … „ Und dann kommen sie, die fachmännischen Ausführungen.
Was aber wird ein Dilettant auf dem Gebiet der Weltwirtschaft darauf sagen? Zum Beispiel die Mutter deren Kind gerade in ihren Armen verhungert ist?

Und damit ist aus meinem Jahresrückblick ein philosophischer Ausguss geworden der unter Umständen mehr Verwirrung stiften wird als sonst was. Aber vielleicht sind dilettantische Rückblicke ja ausschliesslich dafür da?!
Auch ist es so, dass all diese Ausführungen notwendig waren um meine Wünsche für das ‚Kinder- und Jugendzentrum Tarrafal’ für das Jahr 2007 halbwegs verständlich formulieren zu können:
Neben den diversen geplanten Ausbildungen, neben der inzwischen schon festen Institution Fussballschule, wünsche ich mir mehr künstlerische Aktivitäten auch in Verbindung mit diesen Ausbildungen. Immer noch glaube ich, dass auch ein Schreiner von einem gestalterischen Malworkshop profitieren kann … ein Fussballer von einer Tanzausbildung …

Vollkommen gefehlt hat bisher auch der internationale Austausch. Auf welchem Gebiet auch immer.

Besonders intensiv wünsche ich mir ‚Aufklärungsveranstaltungen’ die Wissen und Zusammenhänge vermitteln die auch ein Dilettant verstehen muss um sich an der Drachentötung sinnvoll beteiligen zu können.

Ich wünsche mir geniale Strategien die zu dem Wandel des ‚verlorenen Afrikas’ zum ‚Hoffnungsträger Afrika’ beitragen werden.

Ich wünsche mir für die Jugendlichen die im März ihre Ausbildung im Zentrum abschliessen, die Kraft, den Willen und die Hilfe die sie auf ihrem Weg in die Selbständigkeit brauchen. Ich wünsche mir, dass ‚Delta Cultura’ in der Lage sein wird ihnen dabei weiterzuhelfen.

Und mein letzter Wunsch in diesem Monatsbericht-Jahresrückblick:
Allen Lesern ein gesundes und gesegnetes Jahr 2007!

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