Monatsberichte Maerz, April, Mai 2007

Monate sind vergangen und das Projektleiterchen hat sich kein einziges Mal zu Wort gemeldet. ‚Was ist nur los in Tarrafal?’, wird sich so manch Einer gefragt haben. ‚Gibt es das Kinder- und Jugendzentrum überhaupt noch?’ ‚Ist mit Versiegen des Geldsegens aus Deutschland, Delta Cultura von der Bildfläche verschwunden?’ …
Dieser Monatsbericht soll zur Beruhigung beitragen. Weil es gibt uns noch! Schöner, frischer, braungebrannter, aktiver, hilfreicher, nervender, erfolgreicher als je zuvor!!!! Nur hat mir die viele Arbeit der letzten Monate keine Zeit gelassen davon zu berichten!
In meinen ungeheuerlichen Anstrengungen es allen Recht zu machen, damit ich auch recht ordentlich geliebt werde, habe ich endlich begonnen mir eine ‚To-do-Liste’ anzulegen. Nach kurzer Zeit schon habe ich aber wieder gewusst warum ich das bisher nicht gemacht habe. Die blöde Liste hat bei mir die Eigenschaft ständig länger und länger zu werden. Die Befriedigung die man erleben sollte wenn man Dinge als erledigt durchstreichen kann hat sich bei mir nicht eingestellt. Es hat meist schon einen halben Tag gebraucht bis ich das Erledigte auf meiner 70 Seiten Liste gefunden habe um es abhacken zu können … das war wie gesagt so unbefriedigend, dass ich die Liste in einer feierlichen Zeremonie den Göttern der Managementoptimierung überantwortet habe.
Um aber nicht ganz ohne Liste dazustehen habe ich mir eine ‚Just don’t do it Liste’ angelegt. Die ist zwar genauso lang aber auf der muss ich ja Nichts abhacken. Ich lese sie mir allerdings allmorgendlich durch damit ich nur ja nicht auf die Idee komme etwas davon zu tun! Auf der Liste stehen so Dinge wie:
– die Elektra in die Luft jagen
– die Telekom auf weit entfernte Planeten schiessen
– die Wahrheit und Nichts als die Wahrheit sagen
– blöde Monatsberichte schreiben
– Bürgermeister um Termine bitten
– Verwaltungsräten beitreten
– Aus ‚Kinder- und Jugendzentren’ ‚Disneyparks’ machen
– Bauwerke mit Flachdächern
– Männern in ihren Midlifecrises, caboverdeanischen Frauen vorstellen
– usw.

Unter gehöriger Kraftanstrengung ist es mir gelungen seit Entstehung der Liste nichts davon umzusetzen. Aber dieser Bericht soll ja nicht erzählen was ich alles NICHT gemacht habe sondern was im ‚Kinder- und Jugendzentrum’ so passiert ist. Und das ist soviel, dass ich Angst habe mit diesem Bericht nie fertig zu werden. Ich muss also wieder einmal selektionieren … und ich möchte das einmal mehr betonen! Dass ich in diesen Berichten aus der Fülle unserer Aktivitäten AUSWÄHLE. Ich erzähle nie von sämtlichen Zentrumsaktivitäten, Hilfsleistungen die wir bieten, etc. Ich betone das aus gegebenem Anlass! Weil mit Ende der Förderung durch ASB/BMZ Ende März, bekomme ich von sehr vielen Seiten zu hören und/oder zu spüren: ‚schauen wir einmal wie das jetzt weitergeht mit Delta Cultura …’.
Ich bin ehrlich der Meinung es ist dies das gute Recht von sehr sehr vielen Menschen, Institutionen und Organisationen. Aber nicht von ALLEN. Schlicht und einfach ist es ja auch so, dass wenn wirklich ALLE diese Haltung einnehmen, natürlich nichts weitergeht. Dieses Gefühl habe ich derzeit bei den heimischen Institutionen: die Gemeinde will einmal schauen ob es uns nicht gelingt Geld von der Regierung zu bekommen und die Regierung wartet einmal ob es uns nicht gelingt Geld von der Gemeinde zu bekommen … wie Delta Cultura darauf reagiert wird im Weiteren Thema dieses Berichtes sein.
Was ich aber eigentlich sagen wollte: Delta Cultura Cabo Verde und das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ haben von Oktober 2005 bis März 2007 die allerorts beschriebenen professionellen Ausbildungen, die Informatik- und Sprachkurse, die Fussballschule, die Batukogruppe etc. angeboten und organisiert. Teilweise auch mitfinanziert und/oder zur Gänze bezahlt. Darüber sind, glaube ich, auch alle Interessierten ausreichend informiert (Internetseite, Monatsberichte, etc.). Was nicht an der grossen Glocke hängt, worauf ich aber in meinen vergangenen Gesprächen mit hochdekorierten Gemeinde- und Regierungsvertretern ständig hinweise sind die vielen, vielen ‚kleinen’ Hilfsleistungen die Delta Cultura anbietet.
Es vergeht kaum ein Tag (wirklich ‚kaum’) an dem wir von Delta Cultura nicht von Irgendwem aus Tarrafal um Irgendwas gebeten werden: Geld für Medikamente, Schulmaterial oder ähnlich Essenzielles, Arbeiten am Computer und Ausdruck, Internetnutzung, Kleidung, Sportmaterial und vieles, vieles mehr. Aber nicht nur ‚einzelne’ Menschen, auch Vereine, nicht selten die Gemeinde, usw. bitten um Unterstützung. Natürlich ist es uns nicht möglich ALLEN jeden Wunsch zu erfüllen. Aber oft und oft helfen wir. Alles was mit Computer, Internet und Ausdruck zu tun hat sowieso. Natürlich auch was Medikamente oder so betrifft. Bekanntlich ist es ja praktisch unmöglich jemanden der mit einem Rezept vor einem steht und um Hilfe bittet weil er kein Geld für die Medikamente hat, nach Hause zu schicken.
Ich gebe zu ich habe so meine Schwierigkeiten damit all das an die grosse Glocke zu hängen. Erstens will ich ja nicht als der grösste Angeber Cabo Verdes in die Geschichte eingehen und zweitens bin ich selbst auch immer skeptisch wenn mir jemand stundenlang aufzählt was für extreme Sonderleistungen er ständig vollbringt. Das ist dann leider allzu oft der letzte Beweis dafür, dass derjenige ausser seinen eigenen Taschen kaum jemandem hilft.
Leider habe ich mich als zu naiv erwiesen als ich geglaubt habe Delta Cultura habe in seinen ersten Jahren Tätigkeit bewiesen, dass wir aus den zur Verfügung stehenden Mitteln mehr als das Maximum herausholen und damit ‚förderungswürdig’ sind.
Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: entweder glaubt uns niemand, dass wir ‚ordentlich’ arbeiten oder aber diese Eigenschaft ist nicht ausschlaggebend bei der Fördervergabe. Ich streite weiterhin nicht ab, dass ich überzeugt bin ,dass die zweite Möglichkeit eher zutrifft.
Womit sich die Fragestellung aufdrängt: was sind aber denn dann die wirklich ausschlaggebenden Faktoren für Unterstützung durch öffentliche Institutionen? Meine Vermutungen:
– Grösse und Zustand des Autos des Projektleiters (ich selbst habe ja leider keines und das Vereinsauto pfeift aus dem letzten Loch)
– Anzahl Freunde bei Gemeinde- und Regierungsstellen, Firmeninhabern, Institutions- und Organisationsverantwortlichen und die Tiefe dieser Freundschaften.
– Beweisbare Fähigkeit mit Fördergeldern auch gekonnt durch Abzweigungen kurven zu können.
– Beherrschung sämtlicher Spiele dieser Welt oder zumindest Kenntnis der Spielregeln. Selbstverständlich inklusive Macht- und Ohnmachtspielchen.

… ach, aber das sind nur Vermutungen. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe herauszufinden ob das der Wahrheit entspricht. Bekanntlich findet man immer Beweismaterial für irgendwelche Theorien … wenn man nur lang und intensiv danach sucht.

Also noch mal: ‚was ich eigentlich sagen wollte’. Delta Cultura hilft viel. Delta Cultura bietet nicht nur Ausbildungen und Freizeitangebote, Delta Cultura hilft in vielen kleinen Bereichen. Delta Cultura hat in vier Jahren Arbeit schon soviel erreicht, dass es nicht nötig ist ‚einmal zu schauen was passiert’.
Oder anders: Delta Cultura hat in 3 Jahren aus 6 Fussbällen ein Kinder- und Jugendzentrum gemacht. Wer daran zweifelt dass es Delta Cultura gelingt aus einem bestehenden gut ausgestatteten Kinder- und Jugendzentrum mit Werkstätten, Informatikraum, Büro mit 6 Computerarbeitsplätzen, besetzt von 6 hervorragenden Arbeitskräften, einer funktionierender Fussballschule, ein auf lange Sicht sinnvolles Projekt zu gestalten, der zweifelt wahrscheinlich auch daran, dass … der arme George Bush etliche grausame Erziehungsmethoden über sich ergehen hat lassen müssen um so saudumm zu werden wie er heute ist ??!!
Oder anders: Delta Cultura befindet sich in der fantastischen Lage ein Kinder- und Jugendzentrum leiten zu können, dass sich bis heute die Freiheit erhalten hat nach wirklichen Zukunftsperspektiven für Jugendliche suchen zu können.
Oder ganz anders: George Bush mag saudumm sein, das heisst aber noch lange nicht, dass es keine Zukunftsperspektiven gibt. Delta Cultura findet sie trotzdem!
Und zur Erklärung: nein, ich will nicht angeben. Aber ich will darauf hinweisen, dass Delta Cultura herausragt aus einer riesigen Menge an versumpften, korrupten, unehrlichen Institutionen. Geschichten die ich darüber erzählen kann haben sich in den vergangenen Monaten bedenklich vermehrt. Immer noch bin ich verwundert und verärgert, dass es diesen Institutionen trotzdem mühelos gelingt Förderungen, Spenden, etc. mit einer Leichtigkeit zu erhalten und zu verpulvern. Schade! Endlos schade!

Jetzt wird es aber Zeit, dass ich Konkretes erzähle. Fangen wir an mit unserem neu ins Leben gerufenem Verwaltungsrat. Ich habe davon im vergangenen Bericht kurz erzählt. Habe erwähnt, dass es die Idee des Bürgermeisters war diesen zu gründen, habe die Vertreter aufgezählt und angekündigt, dass dieser Rat umgehend seine Tätigkeit aufnehmen wird. Ich habe mich leider grauenhaft getäuscht. Ja, es war die Idee des Bürgermeisters. Ja, wir haben die Vertreter von Gemeinde, Regierung, Bevölkerung und von Delta Cultura bestimmt und zu einer ersten Sitzung einberufen … aber: nein, der Rat hat nicht umgehend seine Tätigkeit aufgenommen. Der Rat hat umgehend eine Kompetenz- Zentrumsregelungs- Statutendebatte ausgelöst.
Es war in der ersten Sitzung dieses Verwaltungsrates in der der Vertreter der Regierung (Delegierter des Erziehungsministeriums in Tarrafal) angefangen hat von ‚Autonomie für den Verwaltungsrat’ und so zu sprechen. Er wollte so etwas wie eine offizielle, legale Berufung dieses Verwaltungsrates. Hat stundenlang die Statuten von Delta Cultura studiert und Fragen über Fragen aufgeworfen. So war diese erste Sitzung wenig produktiv. Hat aber Handlungsbedarf von Seiten von Delta Cultura ans sonnige Tageslicht gebracht. Dem lieben Vereinsgott und allen Vereinsgeistern zum Dank ist dies aber bekanntlich die Stärke von Delta Cultura: schnelles, flexibles Handeln.
Eine Generalversammlung des Vereins war schnell einberufen und hat auch nicht lange gebraucht um Entscheidungen zu fällen: es wird keine Autonomie für den Verwaltungsrat geben. Niemand hat Anlass gesehen in der Leitung des Zentrums Änderungen vorzunehmen. Also wurde folgende Lösung erarbeitet. Der Verwaltungsrat bekommt sein Autonomie. Allerdings nur im Bereich der professionellen Ausbildung. Für diesen Bereich soll der Rat Pläne erstellen, Finanzierungen finden und die Ausbildungsorganisation übernehmen.
Der Vorschlag erging sodann an sämtliche Mitglieder des Verwaltungsrates. In bekannter Grosszügigkeit hat Delta Cultura ihnen ein paar Tage Zeit gelassen um sich den Vorschlag zu Gemüte zu führen um dann in der zweiten Sitzung darüber zu beschliessen.
Am Tag dieser zweiten Sitzung kam allerdings die Absage des Vertreters der Gemeinde. Er habe noch keine Zeit gehabt den Vorschlag dem Bürgermeister zur Begutachtung vorzulegen … die Sitzung wurde um eine Woche verschoben. Um dann umso grossartiger stattzufinden. Der Regierungsvertreter sowie unser Koordinator für die professionellen Ausbildungen waren von unserem Vorschlag wenig angetan. Das haben sie zwar nicht so direkt gesagt, das aufmerksame Projektleiterchen hat das aber aus ihrer i-Tüpfelchen Reiterei (oder reitet man nur Paragraphen?) herausgelesen.
Der Gemeindevertreter ist sehr selbstbewusst aufgetreten. Offensichtlich hatte er klare Instruktionen des Bürgermeisters. Es sei ganz klar und durchaus sinnvoll wenn sich dieser Verwaltungsrat ausschliesslich auf die professionellen Ausbildungen konzentriere. Alles andere (Sport, Kultur, etc.) sei Aufgabe von Delta Cultura … endlich war ich nicht mehr allein mit meinen Vorschlägen, ausgearbeiteten Statuten, Regelwerken und Aufgabenverteilungen.
Es wurde also Punkt für Punkt durchgegangen und ich habe Änderungsvorschläge entgegengenommen. Ständig irgendwie nervös und ungeduldig weil ich mir der Bedeutung von ‚muss der Verwaltungsrat jeden Monat oder alle Zwei oder quartalsmässig Bericht legen’ angesichts der schwierigen Situation in der sich das Gesamtprojekt befindet nicht so recht bewusst werden konnte. Und dann war die zweite Sitzung des Verwaltungsrates beendet. Wir sind uns alle in den Armen gelegen und waren unheimlich stolz.
Dieses Gefühl, nach einer unglaublich erfolgreichen Sitzung, mit einem Packen siebzehnmal überarbeitetem Regelwerk, gemeinsam mit bedeutenden Regierungs- und Gemeindevertretern, alle mit aufklappbaren Handys am Ohr über die (fast) monumentale Stiege des Gemeindegebäudes hinabschreiten zu dürfen … endlich habe ich wieder gewusst warum ich nach Cabo Verde ausgewandert bin! Als Unterschakel eines uralten Programmkinos in Wien wäre ich nie zu solchen Ehren gekommen?! Später möchte ich meinen Enkeln davon erzählen. Meine leichte psychische Lähmung die ich in Wahrheit verspürt habe als ich die Stiegen der Gemeinde runtergestolpert bin brauche ich ja nicht zu erwähnen.
Wer jetzt aber glaubt, dass sich das Projektleiterchen von Absätzen, Punkten und Unterpunkten, Paragraphen und Statuten entmutigen lässt hat weit gefehlt. Ich begegne Menschen die auf derartige Dinge gesteigerten Wert legen weiterhin mit Respekt. Würde nie auf die Idee kommen meine Abneigung Gesetzen und Paragraphen gegenüber als notwendige Weltanschauung und einzig wahre Problemlösung zu verkaufen. Aber irgendwann sollten dann halt doch Nägel mit Köpfen gemacht werden. Weil wie soll ein Schreiner ordentlich lernen wenn seine Nägel … eh scho’ wissen.
Statuten waren schnell ausgebessert, ergänzt und von der Delta Cultura Generalversammlung akzeptiert. Verwaltungsratssitzung die Dritte war auch bald einberufen.
Hoffnungsfroh durfte ich wieder einmal die (fast) monumentalen Stiegen der Gemeinde empor schreiten. Das Projektleiterchen als Verwaltungsrätchen. Filmreif. Nächste Enkelerzählgeschichte.
Die Sitzung hat mit einer viertelstündigen Schweigeminute begonnen. Wobei eine Minute eigentlich kaum eine Viertelstunde dauern kann. Das muss ich meinen Enkeln irgendwie anders erzählen.
In dieser Zeit sind alle Verwaltungsräte in den geänderten Statuten versunken. Meine Hoffnungsfröhlichkeit hat ihren Streit mit der Hoffnungslosigkeit umgehend aufgenommen. So war es für mich, der keine Statuten gelesen hat, eine unglaublich spannende Viertelstunde. Immer wieder ist meine Hoffnung scheinbar rettungslos über dem Abgrund gehangen, hat sich aber heldenhaft vor dem Absturz bewahren können. Als der Regierungsvertreter sodann seinen Blick gehoben hat gab es das unerwartete Happy End. Meine Hoffnungslosigkeit hat den Halt verloren und ist in die Tiefen meiner Seele gestürzt. Dass sie dort jemals wieder lebend herauskommt ist nicht zu erwarten. In diesen Tiefen nämlich, ist die Hölle los. Aufmerksame Berichtsleser wissen das.
Nach Durchsicht der Statuten hat in dieser dritten Verwaltungsratssitzung leider wieder eine Diskussion über diverse Formulierungen und Inhalte eingesetzt. Diesmal aber war ich gewappnet. Und meine Hoffnungslosigkeit war bekanntlich versunken. Mutig, ohne schusssichere Weste, mit geöffnetem Visier, habe ich mich dazwischengeworfen und meine Meinung hemmungslos kundgetan:
– wenn es denn tatsächlich von so grosser Bedeutung ist, dass in diesen Statuten alles auf Punkt und Beistrich genau stimmen muss, dann wird Delta Cultura das einem Anwalt übertragen. Schliesslich sind wir ja alle Verwaltungsräte für professionelle Ausbildungen und keine Rechtswissenschaftler …
– für Delta Cultura ist es ausschlaggebend, dass dieser Verwaltungsrat – der laut Statuten ja autonom ist, seine Entscheidungen zwar unantastbar sind, Delta Cultura aber sehr wohl berechtigt ist den Rat aufzulösen – sehr bald einmal seine tatsächliche Aufgabe aufnimmt und Ergebnisse erzielt.
Unerwartete Unterstützung habe ich vom Gemeindevertreter bekommen. Auch dieser war der Meinung, dass der Rat zur Genüge legitimiert sei und anfangen könne zu arbeiten und, dass alle weiteren Statutenänderungen etc. nicht in den Aufgabenbereich des Rates fielen und Angelegenheit von Delta Cultura seien.
Sodann kamen noch ein paar weitere kritische Anfragen an mich. Hauptsächlich von unserem Koordinator für die professionellen Ausbildungen. Er habe gehört, dass ich persönlich diesem Verwaltungsrat gar nicht angehören wolle und zurücktreten werde sobald der Rat seine Arbeit beginnt.
Der Mann kann nicht Gedanken lesen sondern hat wohl bei einer unserer Delta Cultura Sitzungen gelauscht … wobei ich ja bekanntlich nichts zu verbergen habe. Tatsächlich ist dies nämlich mein geplantes Vorgehen. Ich fühle mich verantwortlich für die Instandsetzung dieses Verwaltungsrates. Sobald dieser aber seine eigentliche Arbeit aufnimmt wird Delta Cultura eine Frau an meiner Stelle in den Rat ‚setzen’. Nachdem ich den ehrenvollen Herren dieses Vorgehen damit erklärt habe, dass ich mit meiner Arbeit als Projektleiterchen schon zur Genüge ausgelastet sei und nicht auch noch rätige Aufgaben übernehmen wolle war dieses Thema abgehackt.
UND DANN … haben wir doch tatsächlich erstmals über professionelle Ausbildungen gesprochen. Und zwar gar nicht unproduktiv. Unserem Koordinator für die professionellen Ausbildungen wurden neue Aufgaben zugeordnet. Schliesslich ist es ganz ganz schwierig Ausbildungen zu koordinieren die gar nicht stattfinden. Das gelingt im wirklichen Leben nur den Überqualifizierten.
Ich habe unsere geplante Ausbildung zum Mediengestalter (für die wir ja bereits die Ausbilder – Fu und Jenny – im Boot haben) vorgestellt und wir haben mögliche Finanzierungsmöglichkeiten besprochen. Jetzt war es der Regierungsvertreter der mit seinen Ideen hervorgestochen ist. Unser Koordinator der derweil keiner ist, muss diese Ideen jetzt umsetzen. Termine bei diversen Stellen machen etc.
Und dann wieder Armliegen und Stiegenschreiten. Verwaltungsrat die Dritte war damit beendet und die Leser dieses Berichtes sind bezüglich sämtlichen Räten die wir hier so haben auf dem neuesten Stand.

Da dieser Monatsbericht, der eigentlich ein Quartalsbericht ist, dazu beitragen soll unsere hoffentlich riesige Fangemeinde zu beruhigen und anzuregen (zu was genau sei jedem Einzelnen überlassen!?) folgt sogleich die überaus spannende Beschreibung dessen was sich seit Förderungsende durch ASB/BMZ Ende März im Zentrum so abspielt.
Möchte aber vorher diesen langen Satz als Anlass nehmen zu erklären warum ich eigentlich kein Freund von so langen Sätzen bin. Einem Leser, der kurz einmal seine Konzentration verliert und über einen derartig verschachtelten Satz liest, könnte – wenn er seine Konzentration wieder gefunden hat – sein Gedächtnis ein Schnippchen schlagen. Er könnte glauben sich zu erinnern, dass er irgendwo gelesen habe, dass das anregende Ende der ASB/BMZ Förderung aus Monatsberichtsschreibern Quartalsäufer gemacht habe, was jeden Einzelnen im Zentrum beunruhigt und zu Spannungen innerhalb der Fangemeinde geführt habe … um derartigen Missverständnissen vorzubeugen werde ich mich weiterhin dazu anhalten Verschachtelungen zu unterlassen.
Also: der März war zu Ende. Die Überweisungen aus Deutschland auch. Dem Zentrum war das an sich egal. Es ist weiterhin rumgestanden wie es sich das seit Oktober 2005 so angewöhnt hat. Im täglichen Betrieb hat sich kaum etwas verändert. Einzig die Schneiderinnenwerkstatt ist nach Zertifikatsübergabe an Schreiner, Schneiderinnen und SprachschülerInnen zum Stillstand gekommen.
Die Schreiner haben ihre Arbeit nach einer Woche Ferien wieder aufgenommen. Der Ausbilder wurde zum Werkstattleiter ernannt und die 15 Ausgebildeten haben sich alle entschieden zu bleiben. Die Werkstatt funktioniert jetzt wie ein eigener Betrieb, nimmt Aufträge entgegen und produziert Möbel die auf dem örtlichen Markt verkauft werden. Delta Cultura stellt die Räumlichkeiten und die Werkzeuge kostenlos zur Verfügung und übernimmt in den ersten Monaten auch die Stromkosten. Ziel ist es neue Produkte zu entwickeln (die Schreiner recherchieren im Internet – oder lassen recherchieren) und den Betrieb soweit zu konsolidieren, dass wir jeweils ein bis drei Jugendliche in Ausbildung nehmen können. Dank der sehr selbständigen Arbeit des Ausbilders/Werkstattleiters funktioniert das in den ersten Monaten sehr gut. Was Produktentwicklung betrifft brauchen die Schreiner aber sicherlich noch mehr Unterstützung seitens der Projektleitung. Derzeit fehlt uns etwas die Zeit … aber alle Beteiligten sind motiviert, geduldig und glauben daran mit diesem ‚Projekt im Projekt’ auch tatsächlich Zukunftsperspektiven entwickelt zu haben und weiter zu entwickeln. Hätten wir nämlich die Schreiner nach Ausbildungsende nach Hause geschickt wäre der Grossteil von ihnen jetzt wieder mit Autowaschen und Touristen anschnorren beschäftigt. Wir hätten uns dann zwar trotzdem auf unsere Fahnen heften können schon 15 Jugendliche zu Schreinern ausgebildet zu haben, aber diese Fahne wäre nach Delta-Cultura-Richtlinien wertlos und dürfte nicht in den Wind gehängt werden.
Leider, leider ist uns in der Schneiderei das, wozu wir in der Schreinerei auf einem guten Weg sind, in keiner Weise gelungen. Alle die den Projektverlauf mitverfolgt haben wissen, dass wir in diesem Bereich die gesamte Ausbildungszeit mit groben Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Keine ordentliche Ausbilderin (zuwenig Geld um Bessere zu engagieren) und ständiger Wechsel an Lehrlingen. Am Ende hatten wir gerade einmal 3 Mädchen die die gesamte Ausbildung absolviert haben. Es wäre ja schon ein Erfolg wenn Eine der Drei mit ihrer Ausbildung Selbstvertrauen, Initiative und den Willen den Weg weiterzugehen vermittelt bekommen hätte. Delta Cultura hat diesbezüglich immer Hilfe angeboten … aber das was passiert ist muss unumwunden als Niederlage von Delta Cultura bezeichnet werden: Zertifikatsübergabe und Rückkehr der Lehrlinge in ihr perspektivenloses von Tag zu Tag Leben.
Zweimal haben wir in den vergangenen Monaten Sitzungen mit den Schneiderinnen einberufen um Zukunftsperspektiven und weiteres Vorgehen zu erarbeiten. Das erstemal ist Eine erschienen, das zweitemal Keine … Natürlich könnten wir uns beruhigen und uns sagen die Mädchen haben ihre Ausbildung bekommen und wenn sie jetzt nicht etwas daraus machen, dann sind sie selber schuld … aber mich beruhigt diese Sichtweise so überhaupt nicht. Es tut mir schlicht und einfach weh, wenn ich an Ana, Sheila, Lo, Da und wie sie alle heissen, denke. Und ich bekomme jedes Mal den dringenden Wunsch die Sache nicht als abgeschlossen zu betrachten, mich ins Auto zu setzen, sie alle aufzusammeln, ins Zentrum zu bringen und den nächsten Zukunftsentwicklungsplan mit ihnen zu erarbeiten. Wir kennen ja jetzt ihre Motivationslosigkeit, ihre Stärken und Schwächen. Wir wären also eigentlich dazu in der Lage sie ‚dort abzuholen wo sie eben gerade sind’ … aber mir fehlt die Zeit. Uns fehlen die Mittel. Leider ist es auch so, dass es nichts bringen würde die Mädchen in die eingerichtete Schneiderei zu setzen und zu sagen ‚so jetzt macht mal’. Was also bräuchte es? Jemanden der sich tagtäglich ums sie kümmert. Das müsste nicht einmal eine SchneiderIn sein. Aber es müsste ein phantasievoller, einfühlsamer Mensch sein, der nicht mit vorgefertigten, von grausamen Schreibtischtätern entwickelten, Programmen auf die Mädchen losgelassen wird. Und es bräuchte eine Projektleitung die nicht hauptsächlich damit beschäftigt ist Finanzierung für die notwendigsten Betriebskosten des Zentrums zu finden. So könnte die Schneiderinnenausbildung ‚workshopartig’ fortgesetzt werden … aber wie gesagt: derzeit ist das leider nicht umsetzbar und ich verdränge das Schneiderinnenproblem in meinen Hinterkopf. Einen besseren Aufbewahrungsort habe ich derweil nicht. Wobei der ja eh nicht so ganz schlecht ist. Auch mein Hinterkopf tragt wieder und immer wieder zu Problemlösungen bei. Und wenn es ihm auf Dauer nicht gelingt schickt er mir das Problem sowieso wieder in den Vorderkopf. Also unbedingt: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich will diese Niederlage nicht einfach hinnehmen sondern eines Tages in einen verdammten Sieg verwandeln. Und wenn es erst im Elfmeterschiessen gelingt?!

Ich merke soeben – und es überrascht mich überhaupt nicht – dass es mir schon wieder nicht gelingt kurz und bündig über das was seit März im Zentrum so passiert zu berichten. Daher ein kurzer Überblick bevor ich wieder in Details versinke:
– Projektleitung sucht Finanzierungen und kümmert sich um Alltägliches!
– Fussballschule spielt Meisterschaft und erweitert den Betrieb!
– Informatik- und Sprachkurse sprechen und informieren wie eh und je nur viel besser!
– Ton- Terracottaprojekt erlebt Aufschwung!
– Terra Preta wird gemischt!
– Vorbereitung Tourismusprojekt ist praktisch abgeschlossen und steht vor Eröffnung!
– Projekt Batuco CD erlebt erfolgsversprechende Erweiterung!
– Schreinerei steht eigen!
– Ausbildung zum Mediengestalter wird vorbereitet. Das dazugehörige Medienprojekt hat seinen Anfang gefunden!
– Alphabetisierungskurse sind beim ‚y’ angelangt!
– ‚Mal schauen was passiert’ verschwindet als unnotwendige Haltung/Sorge aus dem Delta Cultura Alltag!

Jetzt kann ich wieder beruhigt in meine so geliebten Details und Abschweifungen abtauchen. Der liebe Leser hat jetzt den Über-Blick, der ihm hoffentlich die Kraft gibt aufmerksam weiterzulesen.
Kommen wir zum Fussball. Da ist in den vergangenen Monaten wirklich unglaublich viel passiert. In, neben, hinter und vor der Meisterschaft. Fast ist es so als wären wir in eine neue Fussballära aufgestiegen. Obwohl wir die Teilnahme an der nationalen Meisterschaft nicht erreicht haben.
Angefangen hat die regionale Meisterschaft ja bekanntlich mit der ersten Phase. 8 Teams, wovon zwei in die zweite Phase aufgestiegen sind. Diese Phase haben wir nach blödem Beginn (ein Unentschieden, eine Niederlage) gewonnen. Schlicht und einfach weil wir von den verbleibenden 5 Spielen 4 gewonnen haben und nochmals unentschieden gespielt haben.
Mit grossen Erwartungen sind wir also in die zweite Phase gekommen. Jetzt waren es nur mehr 4 Teams die in Hin- und Rückrunde den regionalen Meister ausgespielt haben. Und wieder sind wir mehr als schlecht gestartet. Unentschieden zu Hause gegen Benfica Santa Cruz. Auswärts gegen Beira Mar aus Chao Bom verloren. Auswärts gegen Scorpions Santa Cruz verloren. Man könnte meinen wir haben einfach schlecht gespielt. Aber dem war komischerweise nicht so. Alle diese Spiele hätten wir gewinnen MÜSSEN! Wenn man rein auf die Torchancen schaut. Aber unsere Stürmer haben ihre Ladehemmung nicht und nicht ablegen können. Dazu kamen viele mehr als merkwürdige Schiedsrichterentscheidungen. Nicht gegebene Elfmeter, eine äusserst seltsame rote Karte für einen unseren Mittelfeldregisseure, die uns schwer getroffen hat weil der zweite Mittelfeldspieler mit ähnlichen Qualitäten verletzungsbedingt ausgefallen war.
Nach der sieglosen Hinrunde dieser Meisterschaftsphase waren unsere Chancen zwar noch nicht dahin, aber schon sehr gering. Vorallem weil das vermeintlich schwierigste Spiel auf uns gewartet hat. Auswärts gegen Benfica Santa Cruz. Auf einem Fussballplatz der eigentlich eine Sandgrube ist. Irrsinnig anstrengend darauf zu spielen. Und den Ball zu kontrollieren ist so schwierig wie bei Strandfussball. Den Vorteil den eine Mannschaft hat die auf einem derartigen Platz trainiert ist offensichtlich. Wir haben natürlich trotzdem alles auf eine Karte gesetzt. Schliesslich mussten wir gewinnen wenn wir noch im Rennen bleiben wollten. Und wir haben gewonnen. 1:0, in einem kampfbetonten Spiel in dem wir auch ziemlich Glück gehabt haben. In letzter Minute hat unser Verteidiger mit einer unglaublichen Reaktion per Kopf auf der Linie gerettet und Kandang unser Tormann hat einen Ball aus der Ecke gefischt den nicht einmal ich gehalten hätte??!!
Nach diesem Spiel haben wir wieder alle Chancen gehabt und hätten in den verbleibenden zwei Heimspielen den Meistertitel nach Hause spielen können … aber es kam ganz anders. Wirklich GANZ anders. Ich habe in diesen letzten beiden Meisterschaftsrunden Dinge erlebt die mich haben glauben lassen ich befände mich in Turin oder Mailand und wir sind die Hauptakteure in einer Millionenliga.
Der spannende Meisterschaftsverlauf hat es mit sich gebracht, dass in den verbleibenden zwei Runden noch alle Teams Chancen auf den Titel hatten. Die zwei Teams aus Tarrafal und die beiden aus Santa Cruz. Erster war Beira Mar. Aber mit einem Sieg zu Hause hätten wir sie überholt.
Ein paar Tage vor dem Spiel kam ein bekannter Lebensmittelhändler aus Tarrafal zu mir. Donai, heisst der ehrenwerte, hochangesehene Bürger. Er hat sein Geschäft gleich um die Ecke von unserer Bar und er ist ein langjähriger Bekannter. Wie er immer betont auch ein grosser Fussballfan, Ex-Regionalverbandspräsident, und nach eigenen Angaben der Einzige in Tarrafal der etwas von Fussball versteht. Ich habe ihn wiederholt versucht für unsere Fussballschule zu gewinnen. Er hätte uns mit seinen guten Kontakten viel helfen können. Das hat er aber immer unterlassen. Und dann war er plötzlich Trainer von Beira Mar … oder Präsident? Irgendwas von Beira Mar war er auf alle Fälle und in dieser Funktion ist er zu mir gekommen. Er hat mir in eindringlichen Bildern erklärt warum es für den Fussball in Tarrafal ganz unglaublich wichtig wäre, dass eine Mannschaft aus dieser Gemeinde an der nationalen Meisterschaft teilnehmen würde. Ich habe dem umgehend zugestimmt. Er hat mir die Tabellensituation mit dem Tabellenführer Beira Mar geschildert. Ich bin etwas skeptisch geworden … er hat erwähnt, dass wenn Beira Mar das nächste Spiel gegen uns gewinnt sie praktisch Meister wären. Darauf konnte ich ihm nur erklären, dass wenn wir das Spiel gewinnen wir auch praktisch Meister wären … daraufhin hat er anscheinend in einer verfluchten Kopfrechnung die Tabellensituation überarbeitet und hat das Gespräch ganz überraschend und abrupt mit dem Hinweis ‚das stimmt’ abgebrochen. ‚Komisch’ habe ich mir nur gedacht. Und ‚noch komischer’ als ich von einigen meiner Spieler erzählt bekommen habe, dass der wirkliche Präsident von Beira Mar – To, heisst er – sie gebeten habe Beira Mar doch gewinnen zu lassen da wir ja sowieso keine Chancen mehr hätten … also über den Fussball von Beira Mar möchte ich kein schlechtes Wort verlieren. Aber über das mathematische Talent der Funktionäre könnte ich hemmungslos lästern …
Im Vorfeld dieses entscheidenden Spiels wurde also viel geredet und vermutet. Leider hatten wir auch intern viele Schwierigkeiten. Meine 3 besten Mittelfeldspieler alle verletzt. Nur einer halbwegs spielfähig. Und eine Gruppe von 5 Spielern die Alle für den gleichen Bauunternehmer arbeiten, haben ihre Arbeit auf einer Baustelle in Assomada begonnen … so konnten sie nicht am täglichen Training teilnehmen.
Ich war trotzdem zuversichtlich. Auch als besagter Donai und To von Beira Mar den Schiedsrichter bei seiner Ankunft überraschend stürmisch und herzlich begrüsst haben und Donai ihm in einem persönlichen Gespräch wohl nur das Allerbeste gewünscht hat!?
Das Spiel: natürlich war es auf beiden Seiten ein nervöser Beginn. Aber wir haben recht schnell zu unserem Spiel gefunden und das Geschehen eindeutig bestimmt. Nach einer halben Stunde gab es unser schönstes Tor der gesamten Meisterschaft. Schnelles Kurzpassspiel im Mittelfeld. Genialer Steilpass auf die linke Seite. Doppelpass zwischen Flügelspieler und Stürmer. Ein kurzer Hacken und präziser Schuss ins lange Eck. Da hätte sogar Ronaldinho applaudiert. Nicht so der Linienrichter! Er zeigt auf Abseits. Also ich kann ja verstehen, dass die Sache mit dem Abseits manchmal wirklich schwer zu beurteilen ist. Aber in diesem Fall war es schlicht und einfach eine Frechheit. Und ich glaube bis heute nicht, dass der Linienrichter wirklich geglaubt hat, dass es Abseits war. Er war auf Höhe des Geschehens und beim letzten Pass waren ungefähr 5 Spieler von Beira Mar vor unserem Flügelspieler. Und zwar mindestens 2 Meter!
Also weiterhin 0:0. Und in der ersten Hälfte keine Torchancen mehr. In der Pause habe ich meine Spieler natürlich gelobt, wie es sich für einen Motivationskünstler eben so gehört. Trotzdem habe ich etwas umgestellt. Offensiver.
Und es war ein fulminanter Start in die zweite Hälfte. Nach ca. 5 Minuten ein grossartiger Angriff von uns, aber im letzten Moment wirft sich ein Verteidiger von Beira Mar im Strafraum nach dem Ball … streckt sich … und kann den Ball gerade noch mit den Fingerspitzen ablenken … Oliver Kahn wäre stolz gewesen … der Schiedsrichter auch. So stolz, dass er dabei vergessen hat, dass ein Verteidiger eigentlich nicht mit der Hand spielen darf. Sämtliche Spieler, alle Zuschauer, Trainer, Funktionäre haben auf den Elfmeterpfiff gewartet … der aber nicht erfolgt ist.
Wir haben uns nicht entmutigen lassen und waren weiter spielbestimmend, haben aber leider 2, 3 gute Chancen ausgelassen. Bei zwei weiteren strittigen Situationen ist der Elfmeterpfiff ausgeblieben.
Und dann ist das passiert was im Fussball angeblich gerne passiert. Wir haben ein Gegentor bekommen. Ein Komisches. Steilpass von Beira Mar. Patriki unser Innenverteidiger erreicht den Ball vor dem Stürmer. Der aber ist konsequent, schiesst Patriki von hinten auf den Fuss, Patrikis Fuss schiesst den Ball … Tor!
Unsere verzweifelten Versuche doch noch Ausgleich und Siegestreffer zu erzielen blieben leider erfolglos.
Die Meisterschaft war damit für uns gelaufen. Zwar war noch ein Spiel ausständig, aber die Chancen auf den Titel waren dahin. Grosser Favorit vor der letzten Runde war Beira Mar, als Tabellenführer mit 9 Punkten. Einzig Scorpions Santa Cruz mit 7 Punkten hatte noch theoretische Chancen. Die Paarungen der letzten Runde: Varandinha – Scorpions und Beira Mar – Benfica.
Am Samstag an dem diese Runde gespielt werden sollte war natürlich viel los in Tarrafal. Die Fans von Scorpions sind in Scharen gekommen. In Chao Bom waren alle auf die grosse Meisterfeier von Beira Mar vorbereitet … schliesslich musste nur noch Benfica, die eh schon chancenlos waren, geschlagen werden. Es sollte aber ganz anders kommen. Die Schiedsrichter sind nämlich NICHT gekommen. Bis heute kursieren diesbezüglich zahlreiche Gerüchte warum sie nicht gekommen sind. Was genau da passiert ist wird wohl nie ans Licht der Öffentlichkeit gelangen und die Gerüchte werden immer mehr und mehr …
Die letzte Runde wurde schliesslich auf den darauf folgenden Mittwoch verschoben. Die Tage wurden von den Verantwortlichen von Beira Mar dazu genutzt meine Spieler zu motivieren. Irgendwie ist ihnen anscheinend die Angst im Nacken gesessen. Würden wir gegen Scorpions nämlich zumindest Unentschieden spielen könnte Beira Mar gegen Benfica verlieren und wäre trotzdem Meister … Donai, der Mann der meiner Meinung nach lieber Lebensmittelhändler hätte bleiben sollen, hat den Stars meiner Mannschaft versprochen Beira Mar würde sie für die nationale Meisterschaft engagieren. Meinen Hinweis, dass dies gar nicht möglich sei weil der Verband während der Saison keine ‚Transfers’ erlaube hat er mit einem Augenzwinkern abgetan.
Auch der Präsident von Beira Mar hat versucht mich persönlich für das letzte Spiel zu motivieren. Sollte Beira Mar national spielen, würde er mich unbedingt als zusätzlichen Trainer haben wollen … ich habe dankend abgelehnt.
Meine Spieler waren für diese letzte Meisterschaftsrunde natürlich nicht mehr wahnsinnig motiviert. Ist ihnen ja auch nicht zu verübeln. Noch viel weniger als unsere Niederlage gegen Beira Mar auf Grund der seltsamen Schiedsrichterentscheidungen so einen komischen Beigeschmack behalten hat.
Am Tag der Entscheidungsspiele habe ich gerade mal 13 Spieler zur Verfügung gehabt. Die anderen waren entweder verletzt, konnten unter der Woche nicht spielen weil sie arbeiten mussten oder sind schlicht und einfach nicht erschienen.
Der regionale Fussballverband hat die Probleme mit den Schiedsrichtern für diese letzte Runde sehr gut gelöst. Es kamen ‚Professionelle’ aus der Hauptstadt Praia. Schon alleine deshalb war das Spiel eine Freude. Die ständigen Fehlentscheidungen und blöden Machtspielchen der Schiedsrichter sind ausgeblieben.
Unser Spiel war schlicht unspektakulär. In der ersten Hälfte so überhaupt keine Höhepunkte. Nur ein Weitschuss von Scorpions der seinen Weg ins Kreuzeck gefunden hat. In der Pause kam die Meldung aus Chao Bom, dass Benfica 1:0 führt. Bei diesem Stand wäre Scorpions Meister …
In der zweiten Hälfte haben wir schnell das 2:0 kassiert. Und dann hat einer unserer Stürmer eine 100% Chance leichtfertig verspielt. Wie ich meine absichtlich! Egal ob ich als Trainer Verständnis dafür habe oder nicht, ich konnte das natürlich nicht akzeptieren und habe den Spieler ausgewechselt. Es hat dies die Moral meiner Spieler aber nur unwesentlich gesteigert. Bis, eine Viertelstunde vor Schluss, etwas ganz unerwartetes passiert ist … der Trainer der caboverdeanischen Nationalmannschaft ist erschienen! Seit 4 Jahren warte ich darauf! Und dann muss er in so einem saublöden Moment kommen.
Ich hab die Nachricht der Ankunft des Trainers meinen Spielern zukommen lassen. Und siehe da, ihr Spiel war plötzlich druckvoll und fast schon übermotiviert. Tor haben sie allerdings keines mehr geschossen.
Im Anschluss an das Spiel ist der brasilianische Trainer der CV-Nationalmannschaft gemeinsam mit dem Präsidenten des regionalen Fussballverbandes zu mir gekommen und hat mir zu unserer Arbeit gratuliert. Der Verbandspräsident hat ihm von unserer Fussballschule erzählt. Der Trainer hat versprochen einige meiner Spieler weiterhin beobachten zu lassen. Man sehe, dass die Spieler taktisch besser geschult seien als die der anderen Mannschaften die er auf Santiago gesehen habe!
Ein vielversprechender Besuch also! Zu verdanken haben wir ihn sicherlich dem Verbandspräsidenten, den unsere Arbeit wirklich beeindruckt und der uns immer wieder jede nur mögliche Hilfe seitens des Regionalverbandes verspricht. Dieser Kontakt zum Nationaltrainer ist ja ein guter Anfang dieser versprochenen Hilfe!
Aber bevor ich noch mehr von unseren guten Kontakten und Entwicklungsmöglichkeiten im Fussball erzähle muss ich noch die spannende Geschichte der Meisterschaft fertig erzählen.
Wir haben unser letztes Spiel also 0:2 verloren. Gleichzeitig ist Beira Mar in Chao Bom gegen Benfica über ein 1:1 nicht hinausgekommen. Damit gab es zwei punktegleiche Mannschaften: Scorpions und Beira Mar.
Ich weiss nicht warum, aber irgendwer hat schon vor dieser letzten Runde das Gerücht in die Welt gesetzt, dass bei Punktegleichheit die direkten Begegnungen zählen. Und sollten die auch Unentschieden sein, so zählen die auswärts geschossenen Tore der direkten Begegnungen (so wie das in K.O.-Turnieren üblich ist). Nach dieser ‚Sichtweise’ war Beira Mar Meister. Sie haben zweimal unentschieden gespielt gegen Scorpions. Zu hause 0:0, in Santa Cruz 1:1.
Also grosse Meisterfeier in Tarrafal. Nicht ohne Häme seitens der Verantwortlichen und Spieler von Beira Mar für unsere Mannschaft. Donai der präsidiale Lebensmittelhändler z.B. hat mir erklärt, er wisse, dass wir den besseren Fussball spielen, aber um eine Meisterschaft zu gewinnen gehöre eben mehr dazu als nur gut zu spielen … was auch immer er damit gemeint hat.
Natürlich war unsere Enttäuschung über die nicht gewonnene Meisterschaft gross. Mir und auch dem Grossteil unserer Spieler war und ist aber immer klar, dass unser Aufstieg zur dominanten Mannschaft in Tarrafal und der Region Santiago Nord nicht aufzuhalten ist. Uns war bewusst, dass der ‚Aufstieg’ von Beira Mar nur ein sehr kurzfristiger Erfolg sein kann … dass er aber nur einen Tag halten würde, damit haben auch wir nicht gerechnet … die Meldung kam am nächsten Tag. Nicht Beira Mar ist Meister sondern Scorpions. Nach Regeln des caboverdeanischen Fussballverbandes zählen in Meisterschaftsturnieren nämlich nicht die direkten Begegnungen sondern die Tordifferenz. Und nach dieser Regelung war Scorpions auf Grund eines geschossenen Tores mehr der neue Meister.
Die Proteste, die Polemik von Beira Mar die daraufhin erfolgt ist kann sich jeder vorstellen! Ganz seltsam war aber, dass plötzlich wir zum Sündenbock gestempelt wurden weil wir angeblich Scorpions im letzten Meisterschaftsspiel absichtlich gewinnen haben lassen … ich habe mich an den zahlreichen Diskussionen die diesbezüglich in ganz Tarrafal geführt worden sind nicht wirklich beteiligt. Habe nur darauf aufmerksam gemacht, dass es Beira Mar in der Hand gehabt hat die Meisterschaft zu gewinnen und sie hätten sich mehr auf ihr Spiel als auf unseres konzentrieren sollen …
Inzwischen ist das Alles wirklich Vergangenheit für mich. Wir haben unsere Meisterschaftsspiele und das Drumherum analysiert und Verbesserungsmassnahmen ergriffen. Unter anderem haben wir eine U 21 Mannschaft ins Leben gerufen. Bisher kam ja nach der U 17 sogleich die Kampfmannschaft. Das soll den Nachschub an Spielern verbessern, die Trainingsgruppen verkleinern und damit ein gezielteres Arbeiten ermöglichen … UNGLAUBLICH: während ich da sitze und erzähle kommt ein Email mit der Nachricht, dass wir eine Förderung in der Höhe von rund 20.000 € für die Fussballschule erhalten! … Bin kurz einmal sprachlos … und freue mich ganz gewaltig! Wer mich und unser Projekt kennt weiss wie wichtig mir diese Fussballschule ist. Mit ihr hat Alles angefangen! Ihr haben wir den ‚Aufstieg von Delta Cultura’ zu einem Grossteil zu verdanken. Und alle Trainer und Verantwortlichen arbeiten jetzt bald einmal 5 Jahre ehrenamtlich an dem Auf- und Ausbau dieser Einrichtung … und da sage noch mal wer kontinuierliche Arbeit führe nicht zum Erfolg. Abgesehen von den zahlreichen Möglichkeiten die sich mit dieser Förderung jetzt auftun, ist es genau das was Delta Cultura den Jugendlichen hier zeigen will: dabei bleiben, auch in schwierigen Situationen weiterarbeiten, Umsetzung nicht ausschliesslich von Förderung abhängig machen sondern zunächst einmal einfach tun … der Erfolg kommt irgendwann! Diese Förderung ist ein wunderschöner weiterer Beweis dafür.
In meiner Euphorie habe ich jetzt aber ganz vergessen zuallererst zu erwähnen wem wir diese Förderung zu verdanken haben. Die Vorgeschichte: die Bedeutung von ‚Sport in der Entwicklungszusammenarbeit’ hat in den letzten Jahren bekanntlich einen grossen Aufschwung erlebt. So hat die FIFA beschlossen Projekte die mit Fussball als ‚Entwicklungsinstrument’ arbeiten direkt (nicht über die nationalen Fussballverbände) zu fördern. ‚Football for Hope’ nennt sich diese ‚Bewegung’.
Gleichzeitig bzw. schon viel früher hat ‚streetfootballworld’ das Potenzial das der Fussball bietet erkannt und intensiv an dem Aufbau einer Internetplattform gearbeitet. Delta Cultura und die Fussballschule ist dort seit Jahren ‚präsent’.
Der guten Arbeit der Mitarbeiter dieser Plattform ist es zu verdanken, dass die FIFA, diese Organisation als Partner für die Auswahl der förderwürdigen Fussballprojekte ausgewählt hat. So gab es im April des Jahres die erste Ausschreibung, an der wir natürlich teilgenommen haben. Und heute eben kam die erfreuliche Nachricht, dass wir die angesuchte Förderung bekommen.
Wahnsinn! Seitenweise Fussballberichte! Soviel habe ich seit Bestehen der Fussballschule noch nie auf einen Schlag erzählt. Und es ist noch nicht einmal Alles! Es gibt da nämlich noch eine vielversprechende Kooperation: mit dem regionalen Fussballverband. Dieser Tage soll es die offizielle Unterzeichnung einer Vereinbarung zwischen Verband und Delta Cultura geben. Diese ‚ernennt’ uns zu einem offiziellen Vertreter des Regionalverbandes und macht uns zum (nicht stimmberechtigten) Mitglied der Generalversammlung des Verbandes. Delta Cultura unterstützt den Verband mit Sportmaterial (ausschliesslich für Vereine die Jugendmannschaften trainieren), etc. Erste konkrete Unterstützung von Delta Cultura für den Verband ist der Entwurf eines Logos (Jenny arbeitet schon daran) sowie die Erstellung einer Internetseite.
Apropos ‚Bereitstellung von Sportmaterial’: da gibt es eine weitere unendliche Geschichte zu erzählen. Nach Beendigung unserer Kooperation mit bdsportactive, haben wir mit diesem Schweizer Verein im November 2006 vereinbart, dass der Verein das bis zu diesem Zeitpunkt gesammelte Material Delta Cultura spendet wenn wir die Transportkosten von Bern nach Tarrafal übernehmen. Dieses grosszügige Angebot haben wir natürlich dankend angenommen. Auch wenn die finanzielle Lage von Delta Cultura zu diesem Zeitpunkt nicht gerade rosig war (so richtig rosa ist sie bis heute nicht … ). Ein Containertransport von Europa nach Tarrafal kostet ja doch so an die 5000 €.
Mitte Januar hat sich unser Sportmaterialschutzengel in das Geschehen eingebracht und einen unserer treuesten Projekthelfer auf Besuch von Wien nach Tarrafal gebracht: Rupert Helm. Er hat uns angeboten die Kosten für den Transport teilweise zu spenden und den Rest als zinsloses Darlehen zu borgen! Unseren herzlichsten Dank an Rupert!
Teil 1 der unendlichen Containergeschichte war damit bewältigt. Mitte März hat der Container seine Reise nach Cabo Verde angetreten. Anfang April ist er in Praia angekommen. Delta Cultura, inzwischen ja reich an Zollerfahrung, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits alle notwendigen Papiere die für die zollfreie Einfuhr notwendig waren vorbereitet gehabt. Mit Ankunft des Containers ist es sodann möglich von der für den Schiffstransport zuständigen Agentur das letzte wichtige Papier zu bekommen und sodann alle Unterlagen dem Zollagenten zu übergeben. Leider gibt es dazu eine etwas tragische ‚Nebengeschichte’. Ich bin dem Zollagenten der all unsere Containereinfuhrangelegenheiten immer schnell und zuverlässig erledigt hat, Mitte März in Tarrafal begegnet. Habe mich kurz mit ihm unterhalten und ihm von der bevorstehenden Containerankunft erzählt. ‚Bringen sie die Unterlagen wie immer in mein Büro’, hat er zu mir gesagt. Am nächsten Tag ist er einem Herzinfarkt erlegen!
Wir mussten uns also einen neuen Zollagenten suchen. Eine etwas heikle Sache weil es unter den Vielen Vertretern dieses ehrenwerten Berufszweiges mehr Mafiosos gibt als es einem Sizilianer recht sein kann.
Bei den Containern die wir bisher ins Land gebracht haben, verlief die Zollabfertigung wie gesagt mehr oder weniger problemlos. Aus Erfahrung haben wir nach Einreichung der Zollpapiere mit ca. 2 Wochen gerechnet bis alles erledigt sein würde und wir die Sachen am Hafen abholen könnten. Heute ist es genau 2 Monate her seit wir die Zollpapiere abgegeben haben und der Container vergnügt sich immer noch mit seinen Kollegen im Hafen. Es ist das eingetreten was ich eigentlich schon des öfteren irgendwie befürchtet habe. Bisher haben wir die Genehmigung zur zollfreien Einfuhr mit einer Bestätigung des Spendervereins in Europa (in diesem Fall bd sport active) bekommen die ‚belegt’ hat, das es sich bei den Sachen im Container um Material handelt das als Spende an Delta Cultura geht. Was mich immer so verwundert hat war, dass der Zoll dieses Papier ohne Stempel ohne Beglaubigung nur mit Unterschrift der Vereinszuständigen akzeptiert hat. So hätte ich diese Bestätigung eigentlich auch immer selbst schreiben können und meine Köchin unterschreiben lassen …
Auch habe ich jetzt schon von mehreren Organisationen und Privatleuten gehört, dass der Zoll irgendwann einmal genauer prüfen wird wenn wir öfters mal Container ins Land bringen.
Na ja und genau das ist diesmal passiert. Die zuständige Zollbehörde in Praia hat unsere Unterlagen an die Generaldirektion des Zolls weitergeleitet und die haben dieses Bestätigungsschreiben nur mit Unterschrift nicht akzeptiert … wie erwähnt, ich habe das vollste Verständnis dafür! Was leider aber so überhaupt nicht funktioniert hat war die Kommunikation zwischen den Zollbehörden, dem Zollagenten und Delta Cultura. Bis da irgendeine Information zu uns gelangt ist sind immer Tage vergangen und wenn wir nicht alle paar Tage eine der beiden Stellen angerufen hätten wüsste heute noch niemand welche Papier wann wohin gehören …
Zunächst wollte der Zoll das Schreiben von bd sport active mit einem Stempel des Vereins versehen haben. Kein Problem, habe ich mir gedacht: ein Mail an Daniela von bd sport active, sie stempelt, scannt und mailt zurück … dieser Stempel war aber nicht vorhanden, musste erst gekauft werden. Wieder sind ein paar Tage vergangen bevor wir das Papier nachreichen konnten. Und wieder ist eine Woche lang nichts passiert. Dann hat es geheissen dieser Stempel sei nicht ausreichend. Das Papier müsse von der caboverdeanischen Botschaft in Bern beglaubigt werden … an sich Alles ja kein Problem. Aber bis diese bürokratischen Wege erledigt sind, bis die Unterlagen dort sind wo sie hin gehören vergehen einfach jedes Mal Tage oder Wochen.
Aber inzwischen habe ich auch diesbezüglich beruhigende Nachrichten. Während ich hier sitze und schreibe ist Marisa in Praia um die letzten Hürden zu nehmen. Der Zoll will jetzt, bevor sie die Genehmigung zur zollfreien Einfuhr erteilen, den Containerinhalt sehen. Wollen sichergehen, dass die Sachen auch wirklich alle gebraucht sind und auch tatsächlich das im Container ist was auf der Liste steht. Auch das empfinde ich als eine zulässige Vorgehensweise. Ich möchte nicht wissen wie viel Drogen und Waffen in der Welt als Hilfsgüter verkleidet herumreisen?!
Das schöne an der Sache wird sein, dass nach dieser intensiven Prüfung der Name Delta Cultura auch bei der Zolldirektion ein Begriff sein wird und wir in näherer Zukunft nicht mehr mit derartigen Zeitverzögerungen werden rechnen müssen. Und noch viel schöner wird es sein, wenn das Sportmaterial und die weiteren Hilfsgüter endlich in Tarrafal sein werden.
An dieser Stelle unser allerherzlichster Dank an bd sport active und Alle die gespendet haben! Trotz Zeitverzögerung können sich alle sicher sein, dass das Material nicht in Abrahams Wurstkessel verschwinden, sondern seinen Weg zu denen die es dringend brauchen finden wird!
Und wer jetzt glaubt die fussballspezifischen Erfolgsmeldungen in diesem Bericht haben sich ausgeschöpft, der täuscht sich gewaltig. Habe nämlich vergessen zu erzählen, dass es dieses Jahr erstmals auch den ‚Cabo Verde Cup’ gibt. Wir nehmen natürlich teil. Gestern gab es die erste Runde. Wir haben zu Hause gegen Benfica Santa Cruz gespielt. Nach torlosen 90 Minuten haben wir in der ersten Hälfte der Verlängerung mit zwei wunderschönen Toren alles klar gemacht!

Dreizehn Seiten umfassen meine Erzählungen inzwischen. Und, verflucht noch mal, ich habe noch nicht einmal die Hälfte von dem erzählt was auf meiner Liste steht. Dies umfasst immer noch die Punkte: ICCA, Tonprojekt, Informatik- und Sprachkurse, Ausbildung Mediengestalter, Liberdadi.com, Batuco, Terra preta, Tourismusprojekt.
Ich kann die Panik die in den Lesern aufkommt so richtig spüren … aber keine Angst. Ich sehe die Notwendigkeit die ganze Sache abzukürzen ja selbst. Ein Monatsbericht, auch wenn es in Wahrheit ein Quartalsbericht ist, darf einfach keine 127 Seiten haben. Wer liest das sonst schon?!
Aber einfach so aufhören kann ich auch nicht. Da fehlen doch noch so ein paar ganz essenzielle Dinge. Ich will auch nicht verleugnen, dass ich mit der Erzählung all unserer Aktivitäten, den Einen oder Anderen dazu anregen will unserem Vereinskonto auf dem Weg in die Fünfstelligkeit zu helfen. Ein weiter Weg … also muss ich doch schauen, dass für alle Leser was dabei ist. All jene die Fussball höchstens aus Desinteresse vom Hocker reisst war ja bisher kaum was dabei. Also!

Irgendwie zusammen gehören die ‚Ausbildung zum Mediengestalter’ und ‚Liberdadi.com’. Hinter Beiden stehen die frischgebackenen TarrafalianerInnen Fu und Jenny! Im März sind sie nach Tarrafal übersiedelt. Inzwischen haben sie sich eingelebt, die Kinder- Jugend- und Zentrumsrealität intensiver kennengelernt, mit der Ausgeglichenheit des Projektleiterchens Bekanntschaft gemacht und das Meer gefällt ihnen auch. Das bedeutet: sie arbeiten intensiv an der Projektleitung mit, hinterfragen Strukturen, finden Lösungen für Dinge von denen ich bisher nicht einmal gewusst habe, dass sie einer solchen bedürfen und wie mir scheint gefällt ihnen ihr Da-sein verdammt ordentlich. Wir haben also immer noch die besten Chancen, dass die Beiden hier bleiben und die Ausbildung zum Mediengestalter durchführen. Finanzierung haben wir allerdings immer noch keine. Viele Stellen in Cabo Verde haben inzwischen die Beschreibung und die Kostenkalkulation. Alle sind auch hellauf begeistert, ‚genau das ist es was Cabo Verde braucht’, aber Geld will derweil Keiner springen lassen.
Wir planen daher diesbezüglich unter anderem eine neue Vorgehensweise. Wenn wir die Gesamtkosten der zweijährigen Ausbildung (mit Anschaffung der Computer, der Software, etc.) durch die Anzahl der Auszubildenden (15) dividieren (Ja! Das Projektleiterchen kann sogar dividieren!!!) dann kommen wir auf eine monatliche Summe von 20.000 Escudos pro Schüler. Das sind umgerechnet 200 €. Und das klingt verdammt viel. Ist auch viel. ABER. Jedes Jahr schicken unzählige Familien ihre Kinder nach Abschluss der Schule ins Ausland studieren. Dafür müssen sie zunächst schon einmal mindestens 1000 € für Flug, Visum, etc. ausgeben. Das ist schon die Hälfte der Ausbildungskosten zum Mediengestalter. Und nicht nur das: wenn ein Jugendlicher nach Portugal studieren geht, dann braucht er monatliche Unterstützung der Eltern. Dann braucht er mindestens 3 Jahre um sein Studium oder seinen Hochschulkurs abzuschliessen. Und dann hat er noch lange keine Arbeit in seinem Heimatland. Daher kommen ja auch so wenige der Jugendlichen nach Abschluss ihres Studiums zurück nach Cabo Verde.
Wir aber können den Auszubildenden mit Abschluss der Ausbildung einen sicheren Arbeitsplatz bieten. Es braucht also wirklich keine Arbeitsmarktanalyse um festzustellen, dass auf diesem Sektor in Cabo Verde ein riesiges Manko herrscht. Als Beweis: das Institut das in Cabo Verde für den ICT-Bereich zuständig ist (die Regierung hat die Bedeutung dieses Bereiches schon lange erkannt und dieses Institut gegründet) ist die sogenannte NOSI. Die haben natürlich auch eine Internetseite. Würde ja irgendwie blöd aussehen wenn das Institut das für den ICT-Bereich zuständig ist im Internet nicht präsent sein würde. Und was findet sich auf dieser Internetseite? Eine veraltete Telefonnummer, eine nicht funktionierende Faxnummer und ein Kontaktformular auf das man irrsinnig gut klicken kann, sodann aber die Mitteilung bekommt, dass man sich registrieren müsse um das Formular nutzen zu dürfen. Will man das dann machen bekommt man die Meldung, dass man kein Recht dazu hat sich zu registrieren. Auch habe ich letztens erfahren, dass es derzeit die grosse Aufgabe des NOSI ist, ein Intranet für alle Regierungsstellen einzurichten. Daran arbeiten sie seit ein paar Jahren. Derweil funktionieren aber nicht einmal die Emailadressen.
Nach unserem Besuch bei der Direktorin der ‚Generaldirektion für Jugendangelegenheiten’, der wir auch unsere Ausbildungsideen präsentiert haben, wollte ich ihr wie abgesprochen ein Email schicken. Sie hat mir sogar zwei Emailadressen genannt. Die Eine (die mit @gv.cv) hat überhaupt nicht funktioniert. Auf die andere Email an ihre Hotmail-Adresse hat sie mir nach ungefähr einem Monat geantwortet. Allerdings nur den Hinweis, dass sie mein Email erhalten hat …
Soviel zu meiner kurzen Marktanalyse!
Arbeit würde es für unsere Ausgebildeten also mit Sicherheit geben. Ausserdem denken wir daran eine Firma zu gründen (Fu will/muss das sowieso machen) die diese Ausgebildeten sodann anstellen kann.
Zurück zu den monatlich 200€ Ausbildungskosten für die SchülerInnen. Ich will mit dieser Idee zur Gemeinde, zu diversesten Regierungsstellen und Firmen und ihnen anbieten doch die Kosten für eine oder zwei oder drei Auszubildende zu übernehmen. Und wenn verdammt noch mal keine der erwähnten Stellen darauf einsteigt, dann können wir immer noch versuchen Privatpersonen zu finden die für eine SchülerIn die Kosten übernehmen. Lustigerweise habe ich dieser Tage ganz ‚zufällig’ ein Email von einem Schweizer Arzt bekommen, der die Ausbildung für eine Bekannte von ihm in Cabo Verde übernehmen will und mich fragt ob es möglich ist sie für diese ‚Ausbildung zum Mediengestalter’ anzumelden … Also! Alle die diesen Bericht lesen und schon immer das dringende Bedürfnis haben für ein bisschen mehr Gleichgewicht auf unserer schönen Erde zu sorgen: wir bieten die Möglichkeit einem Jugendlichen aus Tarrafal eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Kostet lächerliche 200 € im Monat! Lächerliche 2 Jahre lang. Was allerdings zur Anschaffung von Hard- und Software notwendig ist, ist eine ‚Anzahlung’ des gesamten ersten Ausbildungsjahres. Das zweite Jahr kann sodann monatlich bezahlt werden.
Wir sind allen Lesern die diese Idee aufnehmen und sich ihre Gedanken dazu machen herzlichst dankbar und erwarten zahlreiche Reaktionen! Unsere Emailadressen funktionieren alle reibungslos und auf unserer Internetseite gibt es auch die Möglichkeit Kommentare abzugeben!
Ganz seriös habe ich diese letzten Absätze geschrieben. Ohne auch nur einmal abzuschweifen. Ich bin stolz. Also gleich weiter in dieser Tonart …
Wie erwähnt gehört zu unserer Mediengestalterausbildung auch liberdadi.com. Wer diese Internetseite noch nicht kennt, dem gehört der Hintern versohlt (Entschuldigung das wollte ich gar nicht schreiben?!). Liberdadi ist eine mit Drupal gebaute Seite und ich lese gerade ein 300 Seiten Buch über Drupal. Toll, gell! Das Projektleiterchen bildet sich ständig weiter. Nur leider tut das überhaupt nichts zur Sache.
Liberdadi ist/wird eine viersprachige Onlinegemeinde. Sicherlich die Erste auf kreolo. Wir arbeiten täglich an den notwendigen Übersetzungen. Die Seite hat auch schon angefangen Umsätze zu machen. 30 Dollar in eineinhalb Monaten. Unsere Idee dabei ist, auf dieser Seite ständig neue Module etc. einzubinden. Und das wird Aufgabe der Auszubildenden sein. Sie werden dann natürlich an den Einahmen der Seite beteiligt. Und zu liberdadi gibt es noch ganz ganz viel zu erzählen. Ich mache das aber nicht weil ich es nicht so gut kann (muss zuerst das Buch fertig lesen?!). Bevor ich Blödsinn erzähle bitte ich alle Interessierten mit Fu Kontakt aufzunehmen oder noch viel, viel besser: sich auf liberdadi registrieren, dort einen eigenen Blog führen und alle Fragen, Ideen und Anregungen dort öffentlich führen!
Also los jetzt! So viele Bitten und Anregungen an euch lieben LeserInnen habe ich schon in meinen Bericht eingebaut. Es geht doch wirklich nicht an, dass dies zu Nichts führt! Das Vereinskonto, die Internetseiten … Leute! Beteiligt euch. Wir sind es doch: die DeltaculturianerInnen! Ohne euer Zutun sind uns die Hände gebunden. Mit gebundenen Händen wird aus unserer Terra Preta, aus unseren Tontöpfen, aus unseren Medien- und sonstigen Gestaltern nie was! Schmeissen wir uns doch alle zusammen auf einen Haufen und vervielfältigen damit unsere Kapazitäten. Fabrizieren wir doch Inhalte die innen und aussen halten … auch wenn das Manche nicht aushalten.
Aber hopsala. Was ist denn da über mich gekommen? Ein Haufenschmeisswunschversuch?! Gehört sich das denn für ein Projektleiterchen? Aber ja doch!
Gibt es eigentlich noch Irgendwen der sich immer noch fragt: was wird jetzt wohl aus dem Kinder- und Jugendzentrum? Oder habe ich alle Befürchtungen ausräumen können. Also für die letzten Zweifler:
Neben all den beschriebenen Aktivitäten arbeiten wir hier noch in anderen Bereichen: wir stellen z.B. Terra Preta her um unseren Gemüsegarten endlich sinnvoll ins Leben rufen zu können. Terra Preta ist eine Erde die von den Indios hergestellt wurde (oder wird?). Sie beinhaltet alle möglichen Zutaten, die mir persönlich gar nicht so speziell zusagen würden, die Pflänzchen freuen sich aber anscheinend eine Wurzel aus: Holzkohle, Tonbruch, Muschelkalk, etc. Im Kleinen haben unsere Versuche damit schon begonnen. Einen Baum (einen Kleinen), den uns ein verfluchter Autofahrer über den Haufen gefahren hat, haben wir ausgegraben und in eine mit Terra Preta gefüllte Aushebung gesetzt. Zwei Wochen lang hat er so getan als wäre ihm das gleichgültig … dann aber hat er seine Freude nicht mehr zurückhalten können und hat begonnen an den unmöglichsten Stellen Triebe spriessen zu lassen. Heute lacht er sich über unsere anderen Bäume … nein, nicht ‚schief’ (er ist ja kein Trottelbaum) … er lacht sich … nein, auch nicht ‚kaputt’ (er ist ja kein Selbstmörderbaum) … also er lacht einfach!
Vergangene Woche hat sich ein Gruppe Jugendlicher auf den Weg in eine Nachbarbucht gemacht um dort Säckeweise Muscheln zu sammeln. Die kommende Woche werden sie zermalmt, dann wird Kuhmist gesammelt. Alle anderen Zutaten haben wir auch schon hier. Sodann wird unser erstes Gemüsebeet angelegt. Im nächsten Bericht erzähle ich dann wie die Erdbeeren, die Tomaten, der Salat, etc. geschmeckt haben!

Ganz wichtig wäre mir jetzt auch noch die Erzählung über unser Tonprojekt. Aber, liebe LeserInnen, ich lasse es sein. Weil ich will jetzt nur noch ein Thema anschneiden. Alles weitere dann im kommenden Bericht. Aber dieses Eine MUSS ich noch erzählen.
Endlich haben wir hier nämlich noch etwas in Angriff genommen! Etwas, was schon lange in einen gut aufgebauten, schnell durchgeführten Angriff. Wobei man sich durchaus über den Begriff ‚Angriff’ unterhalten könnte. Schliesslich ist er bisschen aggressiv, könnte auf Waffengewalt hindeuten … aber derweil versuchen wir es mit friedlichen Mitteln!
Es geht um die Aufnahme einer CD mit den Batucadeiras. Ich armes Projektleiterchen muss mir ja schon seit Jahren Vorwürfe meiner Frau gefallen lassen, ich kümmere mich nicht um ihre Batucogruppe. Für Alles suche ich Finanzierungen nur dafür nicht! Also ganz allgemein sei dazu gesagt, dass die Vorwürfe die meine Frau mir macht vielleicht nicht Teil unserer Entwicklungszusammenarbeitsaktivitäten sein sollten, aber es sollte doch auch bekannt sein, dass ich ohne diese Vorwürfe heute wahrscheinlich Tellerwäscher in Hinterstupfing wäre?!
Bezüglich CD-Aufnahme haben meine Frau und ich oft und oft diskutiert. Natürlich habe ich den grossen Wunsch der Batucomädchen eine CD aufzunehmen schon lange wahrgenommen. Aber ich war und bin der Meinung, dass eine CD ‚nur’ mit traditionellem Batuco keine grossen Erfolgsaussichten hat. Dass sozusagen der Aufwand … nicht lohnt. Was genau lohnt der Aufwand nicht? Das gibt es doch irgend so ein Sprichwort. Das fällt mir aber gerade nicht ein.
Meine Vision war immer eine CD mit traditionellem Batuco einerseits aber auch mit einer ‚Weiterentwicklung’ dieser Musikrichtung. Oder eine Vermischung dieser Musikrichtung. Und/oder die Hinzunahme weiterer Musikinstrumente. Marisa hat das ja nie abgelehnt, aber ihr war die Aufnahme wichtiger als sonst was.
Auf alle Fälle hat sich unser diesbezüglicher Streit jetzt in eine zielstrebige Einigkeit verkehrt. Zu verdanken haben wir das unter anderem Mario Lucio, Prinsecito, Fu, Jenny, und allen Engeln und Heiligen (ohne die sich sowieso kaum Etwas verkehrt).
Wir haben Mario Lucio, ein bekannter caboverdeanischer Musiker und Pate unseres Kinder- und Jugendzentrums, im April in seinem Haus in Praia besucht. Es war ein sehr fruchtbares Treffen. Eben unter anderem auch wegen der CD-Aufnahme. Nicht nur, dass er uns sein Studio kostenlos zur Verfügung stellt, war er auch von unserer ‚Weiterentwicklungsidee’ sehr angetan. So haben wir folgende Vorgehensweise beschlossen: die Batucadeiras nehmen im September ihre Lieder im Studio von Mario Lucio auf. Das ‚Band’ das dabei entsteht senden wir an verschiedene nationale und internationale Künstler (Mario Lucio selbst wird natürlich auch teilnehmen) verschicken und sie um Beiträge bitten. Also die Musiker sollen sich das anhören und ihre Ideen dazu ‚aufnehmen’. So sammeln wir dann also Tonspuren und mischen das Ganze dann zu einer CD die sich weltweit verkaufen lassen wird. Mit dem Gewinn werden wir einen Teil der Betriebskosten des Zentrums bezahlen, auf Welttournee gehen (das Projektleiterchen wird dann Musikmanagerchen und muss mitreisen) und meine Frau und ich werden uns nie mehr streiten.

Das also ist das Happy-End dieses Berichtes. Auch wenn die Hälfte der Aktivitäten von Delta Cultura entweder gar nicht erwähnt wurden oder nur angeschnitten, höre ich jetzt auf und suche weiter nach Finanzierungen. Wer eine hat soll mit bitte Bescheid geben! Und überhaupt wollen wir Alle viel mehr Bescheide von euch Allen.
Alles Liebe von uns Allen,

das Projektleiterchen

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