Newsletter vom Projektleiter

Eine vorübergehend neue Form der Berichterstattung aus Tarrafal. Ein Newsletter der aber keiner ist weil er auf Deutsch geschrieben ist. Also eher ein Neuigkeitsbrief …
Ich greife zu dieser wie aus dem Nichts auftauchenden Massnahme weil schlicht und einfach die Zeit fehlt die allseits beliebten und nachgefragten Monatsberichte zu verfassen.
Mein ‚Fehlen an Zeit’ ist leider von einem besonders traurigen Anlass verursacht. Am Freitag den 5. Oktober ist mein Vater in Wien verstorben.
Ich bin gerade am Sprung dorthin. Werde von Dienstag den 16.10. bis darauffolgenden Sonntag in Wien sein.
Für uns alle hier in Tarrafal ist der Tod meines Vaters ein schmerzhafter Verlust. Wir verlieren nicht nur Vater, Schwiegervater, Grossvater, Vereinsobmann von Delta Culture Österreich, sondern auch eine grosse Stütze und wertvollen Berater für unsere sozialen Projekte.
Eines bin ich mir ganz gewiss. Es ist mein Vater von dem ich gelernt (oder geerbt?) habe, dass man im Leben das tun soll was man tun WILL. Nicht schauen was möglich ist und das dann umsetzen, sondern schauen was man tun will um dann einen Weg zu finden es umzusetzen. Ein Kleiner aber sehr wesentlicher Unterschied. Ein vielleicht so kleiner Unterschied, dass manch Einer Schwierigkeiten hat Diesen überhaupt zu erkennen. Weil so wie ich sehr viele Menschen erlebe, überlegen sie sich ja gar nicht mehr was sie selbst eigentlich wollen sondern sie stecken sich Ziele die sie für realistisch halten, die Andere auch schon erreicht haben, die ‚man sich eben so steckt’ …
Ich erinnere mich an die Zeit als wir unseren Umzug von Wien nach Tarrafal vorbereitet haben. Viele Menschen haben mich gefragt was ich denn auf den kapverdischen Inseln machen will. ‚Eine Fussballschule’ war meine Antwort. ‚Ja aber von was willst du denn leben?’ war zu 98% die nächste Frage die mir gestellt wurde.
Ganz anders mein Vater. Mit ihm konnte ich seit Entstehen der Idee ganz konkret über Umsetzungsmöglichkeiten und Vorgehensweisen nachdenken. Ob möglich oder nicht, diese Frage hat sich in unseren Gesprächen nie gestellt. Auch nicht die später aufgetauchte Frage ob es uns wohl gelingen kann mit unseren 20 € Startkapital ein ‚Kinder- und Jugendzentrum’ zu bauen. Mit meinem Vater konnte ich immer über das Wie diskutieren. Ohne hemmende Kotzeüberlegungen ob das denn überhaupt möglich sei oder nicht.
Nicht nur deshalb werde ich ihn unendlich vermissen und nicht nur für dieses Erbe bin ich ihm unendlich dankbar … aber diese Eigenschaft, diese Haltung war/ist es die das ‚Kinder- und Jugendzentrum Tarrafal’ entstehen hat lassen und daher gehört es in diesen Bericht!
Und noch etwas möchte ich im Namen meiner Frau zum Tod meines Vaters sagen. Als sie von seinem Tod erfahren hat, hat sie gemeint: „weißt du Florian, ich habe sowieso das Gefühl, dass seit seinem Besuch bei uns in Tarrafal ein Teil seiner Seele, hier mit uns und unserem Projekt ist. Und das wird sich nicht ändern.“ …

Soviel zu diesem traurigen Thema … zu dem es eigentlich gar keine Worte, keinen Trost gibt. Auch wenn die Zeit Wunden heilt, Narben bleiben.
Und Angesichts dieses traurigen Themas fällt es natürlich auch schwer weiterzuerzählen. Ich tue es, weil ich schon so lange einen Bericht schuldig bin und wohl auch nach meiner Rückkehr aus Wien nicht so bald dazukommen werde.
Ich werde in letzter Zeit den Verdacht nicht los, dass ich persönlich, meine Familie, das Kinder- und Jugendzentrum und auch sonst noch so Einiges bei vielen Menschen in Vergessenheit gerät (aus den Augen aus dem Sinn). Stimmt das? Und ist das der Fall weil die Monatsberichte im vergangenen halben Jahr so unregelmässig erschienen sind?
Wie auch immer: ich bemerke einen starken Rückgang an Emails in meinem Posteingang und auch einen schmerzhaften Rückgang an Spendeneingängen auf unserem Vereinskonto. Unter Beidem leidet mein seelisches Gleichgewicht …
Also muss ich an dieser Stelle ganz betont betonen, dass es uns alle in Tarrafal und damit auch das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ noch gibt!!!! Nicht nur das. Wir sind alle älter, reifer, flexibler, fleissiger geworden!
An dieser Stelle – bevor ich es vergesse: Informationen über das ‚Kinder- und Jugendzentrum’ gibt es bekanntlich stets auf unserer Internetseite. Auf der Startseite veröffentlichen wir regelmässig die wichtigsten Projektfortschritte und Aktivitäten. Jeder der will kann sich auf dieser Seite registrieren und bekommt dann immer eine Email sobald wir etwas Neues veröffentlichen. Bis heute hat dieses Service noch kaum jemand genutzt. Also: wer sich nach regelmässiger Information von uns sehnt, der muss nur hier klicken und sich anmelden.

Ich weiss, dass sehr viele lieben Menschen das Projekt ‚Kinder- und Jugendzentrum Tarrafal’ ganz toll finden, aber nach dem Förderungsende durch ASB/BMZ im März des Jahres, einmal schauen wollen OB und WIE es denn jetzt weitergehen soll. Dass ich als Projektleiter niemals über das OB nachgedacht habe ist sicherlich klar. Über das Wie allerdings habe ich mir natürlich das Hirn zermartert. In den Monaten April bis Juli habe ich meinem Grössenwahn noch bedenkenlos gehuldigt und habe Wege gesucht den Betrieb des Zentrums wie in den ersten, geförderten Jahren, weiterzuführen. Das hat Kopfweh gemacht, zu Überarbeitung geführt, Spannungen innerhalb der Projektleitung erzeugt und auch sonst noch Allerlei Unappetitliches zu Tage gebracht.
Trotzdem ist in dieser Zeit nicht nur Negatives entstanden. Im Mai ist uns ein ganz unglaublicher Schritt in eine rosige Zukunft gelungen. Wir haben eine einjährige Förderung durch ‚Football for Hope Movement’ erhalten. Das ist eine Bewegung die von der FIFA finanziert und von streetfootballworld.org mitorganisiert wird. Es war/ist dies erstmals eine Förderung direkt für die Fussballschule mit der ja bekanntlich Alles angefangen hat (also ‚fast Alles’ – vorher war da ja noch das Wort das bei Gott war usw. ).
Mit diesem Erfolg habe ich mich sodann auf einen zweiwöchigen Urlaub begeben. Mein guter Geist hat mir ein deutsches Ehepaar nach Tarrafal geschickt die seit 40 Jahren auf ihrem Segelboot leben und seit 12 Jahren die kapverdischen Inseln ‚besegeln’. Gerlinde und Achim (so heissen die Segler, nicht der gute Geist) waren so unglaublich nett mich einzuladen mit ihnen nach São Vicente und Santo Antão zu segeln. Mit grosser Dankbarkeit habe ich diese Einladung angenommen und habe so nicht nur erstmals eine andere kapverdische Insel kennengelernt sondern auch den dringend notwendigen Abstand zu meiner Arbeit als Projektleiterchen gefunden.
Zurück in Tarrafal war es vorbei mit meinem Grössenwahn. Geerdet, mit allen Meerwassern gewaschen, bin ich die Neugestaltung des Zentrums angegangen. Der August war ein guter Monat dafür. Die Regenzeit hat dieses Jahr um einen Monat verspätet begonnen und so waren im August sämtliche Kinder, Jugendlichen und überhaupt alle die sich irgendwie bewegen können auf den Feldern. Sobald der erste Regen kommt ist es schlicht und einfach vorbei mit regelmässigen Trainings oder was auch immer.
Devise der Neuorganisation war ‚Aufbauen auf dem was läuft, funktioniert und finanziert ist’. Und das war/ist eben die Fussballschule und die Schreinerei die auf selbständiger Basis läuft. Sprich der Ausbilder ist uns erhalten geblieben, vier Schreinerlehrlinge auch (die anderen Lehrlinge sind in Schreinerbetrieben in der Gemeinde untergekommen!) und sie nehmen Aufträge an und bauen Möbel die sie ausstellen und verkaufen. Ziel für die Schreinerei ist die Aufnahme von weiteren 2 Lehrlingen zu Jahresende. Bis dahin sollte sich der Betrieb konsolidiert haben und auch einen Beitrag zu den Betriebskosten des Zentrums leisten können.
Diesen Beitrag leisten bereits die Informatikkurse die wieder allabendlich stattfinden. Die Kursgebühr wurde bisschen erhöht (jetzt rund 20 € pro Monat), davon bekomme ich mein derzeit einziges fixes Gehalt als Informatiklehrerchen, der Rest ist eben für die Betriebskosten des Zentrums.

Wirklich erfreulich ist seit Mitte September die Fussballschule. Nachdem die öffentlichen Schulen begonnen haben konnten wir mit der Neueinteilung der Altersklassen beginnen. Diese war schnell abgeschlossen, da ich über die Ferien eine umfangreiche Datenbank ‚gebaut’ habe mit der wir jetzt wesentliche Daten der TeilnehmerInnen erfassen können: neben so ‚normalen’ wie Name, Alter, etc. auch deren soziales Umfeld, deren schulische Leistungen und natürlich deren fussballerisches Können.
Und DIE Verbesserung der Fussballschule schlechthin ist das ‚Arbeiten’ mit den Kindern und Jugendlichen über den ‚Fussball hinaus’. Jede Altersklasse, egal ob Vormittags- oder Nachmittagsgruppe hat jetzt entweder eine Stunde vor Training oder eine Stunde nach dem Training ‚Hausaufgaben- bzw. Nachhilfestunde’. Unterrichtet werden sie von Patriki, dem Leiter der Jugendabteilung und von Katie einer freiwilligen Helferin die für den Peacecorps (amerikanische Entwicklungshilfeorganisation) hier in Tarrafal arbeitet.
Nene, der Trainer der U10 und U12, gibt den Kindern einmal die Woche Informatikunterricht. Auch haben wir einen ‚Spielraum’ eingerichtet. Derweil mit Tischtennistisch und einem Computer mit Spielen. So hat sich die Frequentierung des Zentrums in den letzten Wochen stark erhöht. Erfreulich ist auch, dass zu den Hausaufgaben- und Nachhilfegruppen Mädchen kommen die gar nicht in die Fussballschule gehen. Daran sieht man wie gross die Nachfrage nach derartigen Institutionen in Tarrafal ist.
Die Idee zur Einführung dieser Unterrichtsgruppen war auch eine Folge unserer Umfrage bei den Eltern der Fussballschüler. Patriki und Nene sind von Haus zu Haus gegangen und haben nach Wünschen und Anregungen gefragt. Praktisch Alle haben das Problem der Hausaufgaben und Betreuung ihrer Sprösslinge erwähnt. Es ist niemand da der sich um die Kinder kümmern kann, sie machen die Hausaufgaben nicht …

Ach, und dann gibt es noch ganz ganz viele Details und Anekdoten der letzten Monate. Aber mir fehlt echt die Zeit. In ein paar Stunden mache ich mich auf den Weg nach Wien.
Vielleicht abschliessend noch – um auch die restlichen Zweifler zu entzweifeln – es arbeiten derzeit in der Projektleitung von Delta Cultura und damit an der Zukunft (z.B. Musikschule) ganz viele, besonders engagierte Menschen: neben dem Einzigen –chen (mir selbst) noch Marisa, die Präsidentin von Delta Cultura, die im Kulturbereich, der Zentrumsadministration, etc. arbeitet, Jenny, die derzeit hauptsächlich im Bereich Fundraising und PR fungiert , Fu, unser Internetspezialist der Alles was damit zu tun hat erledigt und auch sonst Vieles vorantreibt und Petra unsere Praktikantin aus Wien die sich um die Musikschule und um Fundraising kümmert. Ein wirklich gutes Team das kontinuierlich auf- und ausbaut.
Auch hatten wir die letzten Wochen Besuch von Basil und David aus Bern. Die Schweizer sind Amateurfussballer und haben uns sehr bei der Entwicklung von Trainingsplänen geholfen, haben uns zahlreiche neue Übungen beigebracht und haben auch mit der Kampfmannschaft mittrainiert und gespielt. Eine zeitlang haben sie sich überlegt die kommende Meisterschaft mit uns zu spielen, haben sich dann aber auf Grund der Schwierigkeit ihren Aufenthalt zu finanzieren dazu entschlossen Ende Monat in die Schweiz zurückzukehren. ABER: sie werden dort nicht nur ‚Delta Cultura – Schweiz’ gründen, sie haben auch schon Kontakte zu diversen Vereinen und Organisationen in der Schweiz. Auch planen sie zur übernächsten Meisterschaft nach Tarrafal zurückzukehren und mit uns zu spielen. Die Beiden sind unbedingt eine grosse Bereicherung für Delta Cultura.
Es arbeitet derzeit also ein ausgezeichnetes Team hier in Tarrafal. Und so möchte ich abschliessend nochmals betonen wie sehr wir derzeit auf Unterstützung angewiesen sind. Die gute Arbeit die wir leisten, die vielen Anträge die im Laufen sind, werden zwar Nach und Nach Früchte tragen, die aktuelle finanzielle Lage ist aber weiterhin äusserst angespannt. Wir sind daher für alle Spenden herzlichst dankbar.

Und ganz abschliessend verspreche ich wieder einmal, in den nächsten Monaten zu einer regelmässigeren Berichterstattung zurückzukehren.

Liebe Grüsse von uns Allen,
Florian Wegenstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*
Website