Endlaufbericht…

…weil 2009 zu Ende ist und sonst alles weiterläuft

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Also ich kann nichts dafür, dass schon wieder ein Jahr zu Ende gegangen ist. Auch, dass es so schnell vorübergegangen ist kann man mir nicht vorwerfen. Und ich habe auch keine Ahnung wen man diesbezüglich zur Rede stellen soll. Ich weiss aber, sollte ich demjenigen eines Tages begegnen, ich ihm hemmungslos in die Fresse hauen werde. Weil: soviel Gutes wollte ich dieses Jahr noch tun. So viele Projekte verwirklichen. So viele Rechnungen bezahlen …

Tröstlich ist mir einzig und allein, dass das Jahr wunderschön und erfolgreich zu Ende gegangen ist. Also projektmässig wunderschön und erfolgreich. Für mich persönlich war es nicht so toll. Wurde weder wunderreich noch erfolgsschön. Aber darum soll es hier ja auch nicht gehen.

Nachdem die Monate September und Oktober wie jedes Jahr von der Neuorganisation der Fussballschule, sprich Einteilung der Altersklassen, Erstellung der Trainingspläne und Organisation der Hausaufgabengruppen geprägt waren, waren November und Dezember Paradebeispiele für das was ich mir so unter dem Kinder- und Jugendzentrum vorstelle. Auch bin ich froh, dass ich inzwischen so lange Sätze formulieren kann. Liz wird stolz auf mich sein wenn sie das liest.

Im Augustseptemberoktober haben wir das neue Schuljahr vorbereitet. Da immer erst sehr kurzfristig bekannt wird welche Kinder am Vormittag und welche am Nachmittag zur Schule gehen, dauert es oft bis in den Oktober hinein bis wieder alles so läuft wie es sich für eine Deltaculturafussballschule gehört.

Da wir von Delta Cultura in keiner Lebenssituation untätig oder gar blöd rumsitzen wollen haben wir den Augustseptember dazu genutzt eine Umfrage bei den Erziehungsberechtigten der Fussballkinder zu machen. Wobei ich natürlich nicht die Kinder unserer Fussbälle meine, sondern die Kinder die unsere Fussballschule besuchen. Unsere stockdummen Fussbälle, die ganz offensichtlich nicht den geringsten Hang zur Erotik haben machen nämlich gar keine Kinder. Obwohl wir ihnen das Lager so gemütlich wie nur möglich eingerichtet haben.

Zurück zur Umfrage: wir haben einen Fragenkatalog ausgearbeitet, ihn von der Psychologin des ICCA (Caboverdeanisches Institut für Kinder und Jugendliche) überarbeiten lassen und sind dann damit von Elternhaus zu Elternhaus gezogen um Fragen zu stellen.

Ganz allgemein sei dazu gesagt, dass nicht selten eine gewisse Skepsis bei den Erziehungsberechtigten bezüglich dieser Umfrage geherrscht hat.

Eine Grossmutter, Verantwortliche für ihren Enkel weil beide Elternteile in Europa leben, wollte die Frage nach eventueller Unterstützung die sie von den Eltern bekommt, nicht beantworten. Sie war besorgt, dass Delta Cultura ihr nicht mehr helfen würde wenn sie zugibt Geld aus dem Ausland zu bekommen.

Ganz eindeutig ist oft auch zu sehen, dass es vielen der Befragten schlicht und einfach peinlich ist gewisse Dinge zuzugeben. Armut verursacht Scham. Ist ein leider bekanntes und verbreitetes Phänomen. Warum der verfluchte Reichtum keine Scham verursacht weiss ich nicht. Wäre auf alle Fälle um Einiges angebrachter! Oder? … Vielleicht entwickelt ja eines Tages ein kluges Köpfchen einen Schwerreichen-Scham-Impfstoff. Dass der dann ins Schambein injiziert gehört ist klar. Wie man einen Schwerreichen dazu bringen kann sich das Zeugs in die Venen zu hauen ist ein anderes Problem. Vielleicht unter Androhung augenblicklicher Zinsabschaffung? …

Manche Antworten auf unsere Fragen waren auch ganz eindeutig und schlicht und einfach gelogen. Zum Beispiel auf die Frage über das Abschneiden des Kindes in der Schule sagen 79% es sei gut. Nur 4% sagen es sei schlecht. 17% geben schlicht und einfach zu es nicht zu wissen.

Auf Grund all der Erfahrungen die ich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren gemacht habe und mache ist das ein ganz eindeutig realitätsfremdes Ergebnis. Weil bei Elternveranstaltungen in den Schulen kommen bei Klassen mit 40 Kindern höchstens 3 oder 4 Mütter und ein Vater (das bin meistens ich). Die Tests die die Kinder in den Schulen machen, müssen an sich von Erziehungsberechtigten unterzeichnet werden. Wir sammeln diese Tests ja immer vorübergehend ein um die Noten in unsere Datenbank aufzunehmen. Das dauert immer bis die Kinder endlich damit daherkommen. Und von Erziehungsberechtigten unterzeichnet ist dann kein Einziger.

Auch einer der Schuldirektoren mit dem wir viel Kontakt haben bestätigt, dass ein Grossteil der Eltern keine Ahnung über das Schulabschneiden der Kinder haben. Oft tauchen sie erst ganz entrüstet auf wenn das Kind einen negativen Schulabschluss hat.

Für das nächste Jahr haben wir also gelernt, dass derartige Fragen wenn dann anders gestellt werden müssen.
Brauchbare interessante Ergebnisse haben andere Fragen gebracht. Also zum Beispiel jene nach der familiären Situation. Daraus ein paar Daten:

– In 77% der befragten Familien ist die Mutter die Erziehungsberechtigte.

– In 7% der Vater

– In genauso vielen Fällen die Grossmutter

– der Rest verteilt sich gleichmässig auf Tante, Onkel, Ziehmutter, etc.

– in 43% der Familien ist die Mutter auf sich allein gestellt (Vater im Ausland, auf einer anderen Insel oder in Tarrafal, kümmert sich aber nicht)

– in 38% der Familien leben Vater und Mutter gemeinsam

– bei 18% leben weder Vater noch Mutter im Haushalt

– in 2% lebt nur der Vater im Haushalt

Etwas was mir aufgefallen ist und was sehr schön die unterschiedliche Auffassung von Rabenmutter oder Rabenvater zeigt: egal ob Vater und/oder Mutter im Ausland leben, wird die Frage nach dem Verhältnis Eltern-Kind in 88% der Fällen mit ‚gut’ bezeichnet.

Also ich würde mein Verhältnis zu meinen Töchtern niemals als gut bezeichnen wenn tausende Kilometer Meer zwischen uns liegen. Anders die Caboverdeaner … So ist das eben auf dieser wunderschönen verfluchten Welt. Die einen finden das eine gut die anderen das andere. Wobei man natürlich nie die Lebensumstände vergessen darf. Legt eine Mutter aus Tarrafal zum Beispiel gesteigerten Wert darauf, dass das Kind eine Universitätsausbildung bekommt muss sie unbedingt schauen ins Ausland zu kommen. Mit einer Arbeit als Sand- und Wasserträgerin auf einer Baustelle wird sie nie und nimmer genug verdienen um dem Kind eine ordentliche Ausbildung zu finanzieren.

Und schon ist man mittendrin in einer Diskussion die einzig und allein in eine ganz verdammte Irre führt. Es geht nämlich nicht darum was besser und was schlechter ist. Es geht nicht darum welche Eltern mehr oder weniger Raben sind. Diese Diskussion dürfen wir erst führen wenn alle Mütter und Väter dieser Welt die gleichen Bedingungen zur Erziehung ihrer Kinder haben. Und so lange dies nicht der Fall ist bin ich wie immer in derartigen Fällen extrem dafür denjenigen das Sagen zu  überlassen die bezüglich Ausbildungsmöglichkeiten ihrer Kinder extrem benachteiligt sind. Ich war kein diesbezüglich benachteiligtes Kind. Im Gegenteil. Also halte ich lieber die Klappe, die Goschen und alles was es zu halten gibt.

Die Umfrage. Weitere, wild zusammen gewürfelte, Ergebnisse die werte Leser interessieren könnten:

– 64% der Befragten sagen es fehle an Grundsätzlichem im Haus/Haushalt

– In jeweils 58% dieser Fälle ist es Bad und/oder Bett

– In jeweils 47% dieser Fälle ist es eigenes Zimmer und/oder Türen

– In 36% dieser Fälle fehlt der Stromanschluss

– In 33% die Küche

– In 17% der Wasseranschluss

Auch erstaunlich:

– 70% der Befragten geben an, das Kind leide an einer Krankheit. Dazu gehören: regelmässiges Bauchweh, Asthma, regelmässiges Kopfweh, etc. Und alle beklagen sich über das Fehlen an finanziellen Mitteln um zum Arzt zu gehen.

Wobei nicht das zum Arzt gehen das teure ist. Wenn man Dengue oder so Zeugs hat, geht man hin, holt sich Rezepte für Medikamente, wenn man Geld kauft man die und geht wieder nach Hause gesund werden. Ist die Krankheit allerdings etwas komplizierter und verlangt nach genaueren Untersuchungen wird es teuer. Fahrten nach Praia, Spitalskosten dort, etc. Das können sich dann viele nicht mehr leisten.

Soviel also zu der Umfrage die wir zu Anfang des Schuljahres durchgeführt haben. Dazu sei noch gesagt, dass ich diese eigentlich auf der Internetseite veröffentlichen wollte. Nur bin ich nie dazu gekommen sie auf Deutsch zu übersetzen. Derweil existiert sie nur auf kreol. Wir haben die Auswertung natürlich an unseren Kooperationspartner ICCA sowie an die Gemeinde Tarrafal und an andere öffentliche Stellen die das interessieren könnte geschickt. Die Reaktion war von allen Seiten die gleiche: gar keine. Hab mich sehr irrsinnig gefreut. Endlich wurde ich bezüglich meiner negativen Haltung gegenüber öffentlichen Stellen eines Besseren belehrt. Sie haben ja also doch Interesse. Aber leider keine Zeit diese zu zeigen geschweige denn sich für irgendwas zu bedanken. Macht nichts. Habe vollstes Verständnis. Es ist ja absolut kräfteraubend ständig in die eigene Tasche zu schaufeln und auf das eigene Wohl zu schauen. Da bleibt natürlich nicht viel Zeit für die eigentliche Arbeit … Zustände sind das! Woher kommt das? Wer hat das erfunden? Würde ich den Erfinder kennen und hätte ich einen Fleischwolf, ich würde den einen Verfluchten durch den anderen wurschteln.

Und dann war auch schon November. Jener von dem ich Eingangs so geschwärmt habe. Ich muss an dieser Stelle aber die sicherlich nicht unberechtigte Frage einwerfen warum sich das Alles so leicht und schnell erzählt, ich mich aber fast ständig müde und abgearbeitet fühle? … Saublöde Frage. Reim machen.

Zwischendurch: es ist gerade Sonnenuntergang und der ist heute besonders beeindruckend. Ich kann Fogo sehen. Um die Spitze des Vulkans rosa Wolken … manchmal hab ich hier das Gefühl ich sitze in einer Postkarte.

Was also hat der November denn so phantastisches zu bieten gehabt? Theaterworkshop, Video-Tanz-Performance, Batukufestival, Trainerbesuch, und beinahe auch noch den Beginn einer professionellen Informatikausbildung. Dieses Privileg haben wir aber dann doch dem Dezember gelassen. Wir Verantwortlichen hier hatten das Gefühl der November sei schon voll genug, da müsse man nicht auch noch mit aller Gewalt eine Ausbildung beginnen. Schliesslich wollten wir diese ja auch gut vorbereitet auf den Weg bringen.

Aber wie immer in diesen Berichten, alles der Reihe nach. Der November kam ins Land und fand das Kinder- und Jugendzentrum wie eh und je. Mit lernenden, Fussball spielenden, Internet recherchierenden Kindern und Jugendlichen. Und natürlich mit fleissigen Projektleitern, Assistentinnen, Trainern, Betreuerinnen, Wächtern …

Und dann kamen Bettina und Jürgen. Wobei sie schon im Oktober gekommen sind. Die Beiden haben eine berufliche Auszeit für eine ausgiebige Cabo Verde Reise genutzt. Da ihre soziale Ader allerdings auch während der Reisezeit von (blauem?) Blut durchströmt wird, haben sie angeboten im Zentrum einen Workshop zu leiten. Theater! Haben wir uns ausgesucht. Ich bin ja bis heute schwer davon überzeugt, dass in dieser Kunstrichtung ganz ungeheuerlich viel heilendes, aufbrechendes, ans Licht bringendes Potenzial steckt. Wahrscheinlich sollte man kein Entwicklungszusammenarbeitsprojekt ohne Theaterelemente gestalten.

Bettina und Jürgen haben den Workshop – und jetzt zitiere ich – nach theaterpädagogischen Methoden und Improvisationstechniken die teilweise auf den Arbeiten von Augusto Boal basierten aufgebaut.

Ich bin den Beiden schon alleine deshalb dankbar, weil ich durch sie erstmals von diesem brasilianischen Theaterfreak gehört habe. ‚Theater der Unterdrückten’ macht der gute Mann. Hat dafür auch einen Nobelpreis bekommen … glaube ich. Wen der Mann interessiert der kann ja im Internet nachlesen.

Ich habe ganz ehrlich die unter den Jugendlichen Tarrafals herrschende Mentalität des ‚Workshops die der Bauer nicht kennt, besucht er nicht’ unterschätzt.

Die regelmässige Teilnahme an dem Workshop, der täglich nachmittags stattgefunden hat, hat sehr zu wünschen übrig gelassen. Einzig zwei Schauspieler aus dem Nachbarort Chao Bom haben die Angebote von Bettina und Jürgen dankbar angenommen und haben nie gefehlt.

So war es leider nicht möglich das angestrebte Ziel einer Theatervorführung am Ende des Workshops zu verwirklichen. Muss ich allerdings auch auf meine Kappe nehmen. Ich, als Projektleiter mit langjähriger Tarrafal Erfahrung hätte die Sache ganz anders angehen müssen. Nach einem Gespräch mit einem hiesigen Schuldirektor war mir das klar. Anstatt den Workshop im Zentrum durchzuführen hätten wir mit der Grundschule kooperieren und ebendort auch workshopen sollen. Wenigstens müssen wir nicht sagen im Nachhinein ist man immer gescheiter. Weil wir schon mitten drin gescheiter geworden sind und die Zusammenarbeit mit der Schule noch während der Anwesenheit von Bettina und Jürgen begonnen haben. Ziel ist es, dass die zwei erwähnten Schauspieler aus Chao Bom einen Theaterworkshop an der Schule beginnen. Der Schuldirektor hat den Workshop bereits ausgeschrieben, es gibt auch schon Anmeldungen. Dieser Tage muss ich mit den Schauspielern Kontakt aufnehmen damit wir letzte Einzelheiten klären und der Workshop beginnen kann. Er soll dann zu einer fixen Einrichtung der Schule werden … mal sehen ob das gelingt. Ich bemühe mich darum, weil ich von der Sinnhaftigkeit überzeugt bin. Und ausserdem müssen Bettina und Jürgen nochmals kommen, da wir in hochphilosophischen Gesprächen die groben Weltprobleme eigentlich gelöst haben. Es fehlen noch ein paar Details.

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Dann kamen Be, Mev, Fred, Sandrine, Alex, Julek, Sophie, Janee und Laura. Tanztheater global. Sie sind angetreten um ihn Tarrafal neue Massstäbe was kulturelle Veranstaltungen, vor allem was modernen Tanz betrifft, zu setzen. Und um es nicht allzu spannend zu machen sei vorausgeschickt, dass ihnen das voll und ganz gelungen ist.

Die Performance – Silencio, Sodade e sonho (Stille, Sehnsucht und Traum) – wurde in 4 Wochen Arbeit unter der Leitung von Be van Vark mit 30 Jugendlichen aus Tarrafal erarbeitet. Tanztheater Global arbeitet mit Tanz- Video- und Theaterelementen. Wobei die Leinwand nicht hinter den Tänzern sondern zwischen Publikum und Tänzern ist. Wenn man den Raum hinter der Leinwand sodann ausleuchtet und gleichzeitig ein Video laufen lässt, entsteht der Eindruck die Tänzer seien auf der Leinwand. Man muss das gesehen haben. In der narrativen Form ist es bei weitem nicht so schön wie in der Realität. Um ein bisschen einen Eindruck vermitteln zu können haben wir die gesamte Performance online gestellt. Zu sehen auf unserer Internetseite. Dort haben wir die Youtube Videos eingebunden: http://deltacultura.org/de/2010/01/silencio-saudade-sonho-komplette-stueck-als-video-ansehen.html

Was mich abgesehen von der wunderschönen Vorstellung besonders gefreut hat war die Begeisterung der Jugendlichen die mitgemacht haben. Vier Wochen lang haben sie jeden Tag ein paar Stunden an dem Projekt gearbeitet. Choreographien entwickelt und einstudiert, Videos gedreht und nebenbei natürlich noch ihre Schulpflicht erfüllt. Auch die Wochenenden haben sie opfern müssen. Aber sie haben das Grossteils ohne Murren getan. Sie waren wirklich sehr angetan von der Arbeit mit den professionellen Tänzerinnen und Tänzern. I

Aber da war noch viel mehr Erfreuliches an diesem Projekt. Zum Beispiel die Auswahl der Tänzerinnen und Tänzer. Es gibt in der Gemeinde Tarrafal nämlich zwei Tanzgruppen. Eine im Ort Tarrafal und eine im Nachbarort Chão Bom. Und die sind nicht gerade befreundet. Es herrscht hier sowieso immer eine ungute Konkurrenz zwischen den zwei Orten (ja, ja hier fängt er an der Rassismus). Wir haben also Jugendliche aus beiden Tanzgruppen ausgewählt. Dazu ein paar Mädchen der Batukugruppe und ein paar Fussballer. Soweit ich das beurteilen kann, war es eine sehr gelungen Mischung.

Leider war es mir ja nicht möglich an den Proben teilzunehmen. Hatte andere unwichtigere Dinge zu tun. Ein paar Mal habe ich während der Proben übersetzt. Ansonsten haben das Jenny, Fu, Andreas oder Sandrine übernommen.

Und nicht zuletzt sei zu diesem Projekt gesagt, dass es mir auch deshalb so gefallen hat, weil ich viele liebe Menschen kennengelernt habe … die hoffentlich alle wiederkommen um ein neues Projekt zu realisieren. Be und Sandrine werden sich seitens Tanztheater Global darum kümmern, Jenny und ich seitens Delta Cultura. Weil eines ist ganz gewiss: derartige Kunst-Kultur-Projekte sind auf unserem Weg der ‚Schaffung von Zukunftsperspektiven’ für die Jugendlichen Tarrafals von ganz grosser Bedeutung. Davon bin ich überzeugt und darüber streite ich mit Jedem der mir nicht widerspruchslos zustimmt. Was heisst da streiten … prügeln.

Aber ehrlich. Ich bin schwer davon überzeugt, dass Kunst- und Kulturprojekte mehr bringen als so manch andere Entwicklungshilfe von der ich immer wieder höre und die oft ein Vielfaches an Geldern verschlingen. Ich war halt bisher immer sehr skeptisch was die Möglichkeit der Finanzierung von Kunst- und Kulturprojekten betrifft. Be und Sandrine haben mich jetzt eines Besseren belehrt. Es geht ja doch. Und wir werden hoffentlich auch für 2010 ein Projekt in dieser Art finanzieren. Wäre ja auch zu schade. Jetzt haben ja doch alle Beteiligten Erfahrungen gesammelt die danach schreien ins nächste Projekt einzufliessen.

Also sie schreien nicht wirklich, weil Erfahrungen nie schreien, aber der Satz klingt viel schöner mit dieser Redensart und ich kann damit wieder einmal mein literarisches Talent unter Beweis stellen was sich ja auch, wie Eingangs erwähnt, in meiner ungeheuerlichen Fähigkeit lange Sätze zu bauen widerspiegelt (Widerspiegel, Widderspiegel, Wiederspiegel). Bisschen blöd ist nur, dass meine Kenntnis der Beistrichsetzung nicht gerade auf höchstem Niveau dahinvegetiert.

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Dann kam Sammy. Samuel Glatz. Der Tiroler. Der Fussballtrainer. Der Masseur. Der Gesundheitstrainer. Es war sein dritter Besuch hier in Tarrafal. Erstmals kam er mit Didi Constantini im Januar 2008. Damals hat seine Liebe zu Tarrafal und den Menschen hier seinen Anfang gefunden. Bis heute träumt er nicht nur von den Caboverdeanischen Frauen, sondern auch davon mit mir die Caboverdeanische Fussballnationalmannschaft zum Weltmeistertitel zu führen. Derweil streiten wir uns allerdings noch wer Haupt- und wer Co-Trainer sein wird?! Keine Ahnung wieso er glaubt als Trainer mehr Wissen und Erfahrung zu haben als ich. Ich bin’s doch: Florinho!

Es waren auf alle Fälle wieder sehr lehrreiche, schöne Wochen mit Sammy. Seine Aufenthalte hier haben ja, was Fussballtraining betrifft, immer einen starken Schneeballeffekt (Schneeball?). Wobei ich noch in Erfahrung bringen muss warum dieser Effekt Schneeballeffekt heisst? Und gibt es auch einen Schneeballaffekt? Gibt es Mörder die darin handeln? …

Lehrreich: Schneeballeffekt: Sammy: also wir leiten die Trainings immer gemeinsam. Also er leitet und ich assistiere. Also er bereitet vor und ich staune über seine Trainingsmethoden, gebe diese meinen Trainern weiter, die wenden sie dann auch an, andere Trainer in Tarrafal sehen das, machen einen Schneeball und handeln im Affekt. Das also will ich eigentlich sagen.

Sammys Aufenthalt war auch für mich persönlich von grosser Bedeutung. Genauer gesagt für meinen Schwimmreifen. Nein, ich will keine Schwimmschule aufmachen. Ich meine meinen inneren Schwimmreifen. Den in Bauchhöhe. Den, der mir den Blick in den Spiegel versaut. Den der meinen Kleiderkasten zu einem Hosenfriedhof macht … was Schwimmreifen alles so können.

Auf alle Fälle bin ich dreimal die Woche mit Sammy über den Strand gehetzt, habe mich im Sand gewälzt (manche nennen es auch Bauchmuskeltraining) und habe meinen Schwimmreifen verflucht.

Ich erwähne das in diesem Bericht weil es ja für das Projekt nicht unwesentlich ist in welchem Gesundheitszustand sich der Leiter aller Leiter befindet. Und nach den Wochen mit Sammy bin ich kurz davor mich umtaufen zu lassen. Die Anregung kam von meiner Schwester Angelina. Bald nix mehr mit Florian. Fladonis ist im Entstehen. Kein Junger, aber auch ein alter Fladonis hat was.

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Man könnte meinen mit den bisher beschriebenen Aktivitäten wären die Kapazitäten von Delta Cultura im Novemberdezember erschöpft gewesen. Weit gefehlt. Irrsinnig weit gefehlt. Wir haben einmal mehr bewiesen, dass wir problemlos die Weltherrschaft an uns reissen könnten. An uns reissen MÜSSEN. Entschuldigung, aber wer Tanztheater organisieren, Theaterworkshops durchführen, Schwimmreifen wegwälzen kann, dem wird es wohl auch gelingen Zinsen abzuschaffen, die Drittweltländer zu entschulden, Weltbank und IWF in Luft aufzulösen und dem blöden Obama den Friedensnobelpreis abzuerkennen. Notfalls lassen wir dem Hampelmann halt seinen Preis und konzentrieren uns auf das Wichtigere und Dringlichere. Wegen dem Nobelpreis ist ja noch kein Mensch auf dieser Welt ums Leben gekommen. Wegen der Zinsen und den Schulden, die Weltbank und IWF so gefallen, verhungert allerdings alle 5 Sekunden ein Mensch. Klingt irgendwie dringend. Oder? „Ja schon, ABER … „ wird an dieser Stelle gerne eingeworfen. Und dann kommen so Argumente wie „wenn es so einfach wäre“, oder „das geht nicht weil dann die Weltwirtschaft zusammenbricht“ oder irgendein anderes faules ABER. Aber was ich mir dazu denke? Jeder Versuch diesen Massenmord zu stoppen hat seine Rechtfertigung. Und die Stimmen die in den Zinsen und der Verschuldung die Ursache für die Überhand nehmende Armut auf dieser Welt sehen sind ausreichend und fachmännischfräuisch (fachmenschisch?) genug um einen Versuch zu starten. Am besten gleich. Keine 5 Sekunden mehr warten!

Und wie komme ich jetzt von diesem doch sehr bedrohlichen Thema zu dem Batukufestival, dass Delta Cultura im Dezember organisiert hat? Ist jetzt bisschen blöd. Die Spanne von Armut zu Batuku ist halt doch gross. Das eine lastet einem denkenden Menschen auf der Seele, das andere entlastet einem denkenden Menschen die Seele. Und mit diesem hochphilosophischen Einwurf ist mir der Übergang einmal mehr ausgezeichnet gelungen. Literarisches Talent und so …

Eigentlich ist es fast unangebracht zu sagen Delta Cultura hat das Festival organisiert. Es müsste heissen ‚Marisa hat das Festival organisiert’. Weil ich habe nichts dazu beigetragen, Fu und Jenny waren fast zu 100% mit dem Tanztheater beschäftigt, die Fussballtrainer waren gekünstelt am Kunstrasen, Kutchinha die Präsidentin hat Fussballer unterrichtet und die Launen des Projektleiters ertragen, die Wächter haben gewacht, gewicht und gewucht was das Zeug hält und sonst war da niemand.

Natürlich hat Marisa Unterstützung gehabt. Jenny hat das Plakat gemacht, die anderen Batukaderas haben auch geholfen, aber das Lob für das beste Batukufestival das Tarrafal je gesehen hat gebührt ganz eindeutig Marisa. Es ist ihr auch erstmals gelungen einen Sponsor aus dem Privatsektor zu bekommen. Irgend so ein Reisebüro hat die Musikanlage gesponsert. Auch deshalb kann man sagen es war das beste Festival seit Bestehen des Batuku. Super Musikanlage.

Es kamen über 20 Gruppen die wie immer alle zunächst verköstigt wurden. Im Zentrum wurde in riesigen Töpfen gekocht. Am frühen Nachmittag hat dann das Festival am Dorfplatz begonnen. Bis in die Nacht hinein gab es Batuku vom Feinsten, grossartige Stimmung und meine Tochter die bei mindestens der Hälfte der Gruppen ihren Torno getanzt hat. Bis sie in einer kurzen Pause schlicht und einfach auf der Bühne eingeschlafen ist.
Aber immer noch ist nicht alles erzählt. Daher noch ein

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Die grossartige, die phantastische, die erstmalige Kooperation mit dem hiesigen Arbeitsmarktservice hat schlussendlich doch noch Früchte getragen. Informatikfrüchte. Ausbildungsfrüchte. Es war eine schwierige Geburt. Im September hätte die dreimonatige Ausbildung beginnen sollen. Im Oktober stand die Finanzierung (laut Arbeitsmarkservice). Im Dezember hat sie dann tatsächlich begonnen. Mitte Jänner haben die Ausbilder weder Geld gesehen noch einen Vertrag bekommen. Aber die 8 Jugendlichen die ausgebildet werden sind begeistert. Ehrlich. Fu und Jenny machen das ausgezeichnet.

Nix mit Frontalunterricht oder so Blödsinn. Selbständiges Arbeiten wird beigebracht. Nix mit Klassenzimmeratmosphäre. Ich habe das ehemalige Klassenzimmer zu einem hochmodernen Informatikraum umgebaut. Vier riesige Tische mit je zwei hoffnungslos veralteten Rechnern und Bildschirmen aus der Steinzeit und ein ausgezeichneter Beamer der eine frisch gestrichene Wand bebeamt.

Aber ernsthaft: der Raum hat eine sehr angenehme Atmosphäre, Blick auf Meer, Fogo und Fu und die Rechner sind wirklich alt. Sie reichen wohl für die Ausbildung, werden im Zuge dieser auch von den Jugendlichen gewartet, sprich neu aufgesetzt, aber sollte es uns in dieser neuen unglaublich phantastischen Kooperation gelingen eine Folgeausbildung, und oder eine längere Ausbildung finanziert zu bekommen müssen neue Rechner her. Und Bildschirme.

Zunächst wollen wir einmal schauen, dass wir den 8 Jugendlichen nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz vermitteln können. Also nix mit ausbilden, möglichst Viele, möglichst schnell, möglichst grell an die Fahnen heften und weitere 8 Jugendliche in Tarrafal haben die eine Ausbildung aber keine Arbeit haben. Schön wäre es, ihnen zusätzlich zu ihrem Diplom einen Laptop überreichen zu können … aber wie soll das gehen?! Wer zahlt das? Was bin ich? Wer bin ich? Ruft mich wer? Und so halt?

Viel Positives, Schönes in diesem Bericht. Gell!? Aber um nicht den Eindruck des Schönfärbens zu vermitteln noch ein kurzer nicht so positiver Hinweis. Wir hatten für November ja auch einen Clownworkshop mit einer Kindertheatergruppe aus Portugal geplant. Leider ist es weder ihnen noch uns gelungen den Workshop zu finanzieren. Allerdings sind sich alle Beteiligten einig, dass aufgeschoben nicht aufgehoben ist. 2010 möge viele Clowns nach Tarrafal bringen!

Zwar ist immer noch nicht alles erzählt, aber der Bericht will sein Ende. Hat genug von Übergängen. Will gelesen werden. Will erinnern. Will rufen. Will bitten. Will wünschen. Will, dass alles besser wird. Will, dass sein Nachfolger auch soviel Erfolgreiches zu berichten hat. Will dem Projektleiter Arbeit abnehmen. Will die oben erwähnten 5 Sekunden nicht. Will mehr Reaktionen und Ideen wie aus den 5 Sekunden 5 Jahrhunderte werden.

Und das ist es was mich weiterhin treibt. Auch 2010 noch. Es muss einen Weg zu Chancengleichheit auf dieser Welt geben. Es gibt ihn. Nur nicht aufhören zu suchen. Nächsten Schritt machen. Nach dem suche ich derzeit. Hilfe!

Die Musik die ich gerade höre (Damien Rice), der unglaubliche Sonnenuntergang, das Ende des Berichtes, der letzte Absatz den ich gerade verfasst habe … all das hat mich an eines meiner Lieblingsgedichte meiner Jugendzeit erinnert. Es ist nicht von mir. Es ist von einem der das besser kann: dem lieben Hermann Hesse. Ich werde es ans Ende des Berichtes stellen.

Es bleibt mir, mich bei euch Allen für die Geduld beim Lesen meiner Berichte, für eure geistige, finanzielle, moralische Unterstützung im vergangenen Jahr ganz herzlich zu bedanken. Ihr wisst, dass ich weiss, dass es ohne euch kein Kinder- und Jugendzentrum in Tarrafal gäbe. Also auch im Namen der Jugendlichen vielen Dank!

Ich hoffe ganz viele von euch im 2010 in Tarrafal begrüssen zu können.

Seid umarmt und geküsst,

Florian

Und jetzt wie versprochen bisschen Hesse:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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