Projektleiterbericht Oktober 2010

Es ist wieder einmal soweit. Der Projektleiter hat sich literatisch ausgetobt. Der Bericht kann entweder als pdf mit Photos heruntergeladen oder untenstehend nachgelesen werden. Gute Unterhaltung.

Vor ein paar Monaten war ich dem Kinder- und Jugendzentrum also tatsächlich ein paar Wochen lang fern. Ferien in Europa. Verbunden mit bisschen Arbeit. Ein Treffen hier ein Treffen dort. Ein Schwimmbad hier ein Schwimmbad dort. Ein Caipirinha hier ein Caipirinha dort. Und das war im Juli. Auch schon wieder lange her.
Ich wollte also bisschen Abstand von Tarrafal, dem Kinder- und Jugendzentrum und Allem was halt so dazugehört. Ich hab ihn auch bekommen. Paar tausend Kilometer sogar. Wobei ich schon weiss, dass der blöde örtliche Abstand nicht automatisch auch den noch blöderen gedanklichen Abstand garantiert. Aber die beiden helfen sich Gott sei Dank gegenseitig.
Ich habe den Monat in Europa also wirklich hauptsächlich zur Erholung genutzt. Was meine Arbeit für Delta Cultura betrifft habe ich einige sehr interessante Menschen getroffen um über unser Projekt zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen. Auch mit uninteressanten Menschen habe ich über das Projekt geredet aber das war uninteressant und daher erzähle ich nicht davon. Wobei das gelogen ist weil es ja bekanntlich gar keine uninteressanten Menschen gibt. Weil das Interessante an uninteressanten Menschen ist ja gerade ihr verfluchtes Uninteressantsein.
So also war mein Urlaub.

Ich kam erholt und voller Tatendrang nach Tarrafal zurück. Das war Anfang August. Habe mir einen Teil dieses Schwungs bis heute bewahrt. Aber wirklich nur einen Teil. Allerdings steht mir eine weitere Reise bevor. Zwar diesmal eine wirkliche Arbeitsreise, aber schon allein der örtliche Abstand … Ghana und Portugal werden mich endlich kennenlernen. Das wollten sie schon lange. Habe ihr verfluchtes Betteln und Flehen 45 Jahre lang ignoriert und so getan als würde ich sie nicht hören, aber jetzt hab ich halt doch nachgegeben. Hauptsächlich weil die liebe FIFA mir die verblödeten Reisekosten bezahlt. Das macht sie allerdings nicht weil mich irgendwer ruft, sondern aus einem viel sinnvolleren Grund. In Ghana treffen sich für 4 Tage die Vertreter aller westafrikanischen Fussballprojekte die Teil des Football for Hope Movements sind. Erfahrungsaustausch, und Fundraising Workshop. Gute Sache und ich freue mich ein weiteres afrikanisches Land kennenlernen zu können.
Da der Flug von Cabo Verde nach Ghana über Lissabon nicht teurer ist als über Dakar, habe ich den Tagen in Ghana eine Woche in Portugal angehängt. Schon lange will ich dorthin. Einerseits um das Leben der Caboverdeaner in Lissabon ein bisschen kennenzulernen, aber hauptsächlich weil sich portugiesische Fussballclubs, Institutionen und Vereine als Kooperationspartner anbieten. Mal sehen was ich dort in der einen Woche zustande bekomme.
Die Erlebnisse und Ergebnisse dieser Reise werden dann Teil des nächsten Berichtes.

Von Zukünftigem zu Vergangenem.

Den August habe ich genutzt um die Projekte die im September anlaufen sollten vorzubereiten. Das Zentrum war zu diesem Zeitpunkt ja mehr oder weniger geschlossen. Einzig ein paar Trainings und Fussballspiele haben stattgefunden. Nachdem die Angestellten während Marisas und meinem Europaaufenthalt im Juli das Zentrum gehütet haben, gingen sie im August in ihren wohlverdienten Urlaub.
Die Vorbereitung der neuen Projekte hat mehr Zeit in Anspruch genommen als befürchtet. So haben wieder einmal die immer notwendigen und sinnvollen Renovierungsarbeiten am Zentrumsalltag bisschen gelitten. Altes verdammtes Fahrwasser ist nicht vollständig abgeschöpft worden. Blöde Gewohnheiten konnten nicht vollständig delogiert werden. Eingerostete Strukturen konnten nicht vollständig verfleischwolft werden. Aber das ist ja eh immer so im Leben. Oder? Ganz wird man die verfluchten Teile des Alltags (und des Menschseins überhaupt) ja nicht los. Geht nicht. Unmöglich. Ständig ist man versucht möglichst viel in den Griff zu bekommen, aber kaum greift man Eines löst sich ein Anderes. Ein anderes was? Na irgendwas Verfluchtes halt.
Ja, ja so war er der August. Durch und durch menschlich und monatlich.

Im September hat dann viel Altes und viel Neues begonnen. Die Fussballschule mit ihren Hausaufgaben- und Nachhilfegruppen sowie die Batukogruppen wie eh und je. Unterrichts- Trainings- und Übungszeiten mussten schlicht und einfach neu eingeteilt werden und schon wurde wieder Fussball gespielt, Hausaufgaben gemacht, nachgeholfen und gesungen, getrommelt und getanzt.
Ein bisschen ein trauriger Aspekt der Batukogruppe hat sich schon vor ein paar Monaten angekündigt. Fünf Mädchen der Batukaderas Delta Cultura verlassen das Land und suchen ihr Glück in Portugal. Sie gehören zu jenen 200 Jugendlichen die wie jedes Jahr zu Schulbeginn einen Platz auf einer Schule oder Universität in Portugal bekommen.
Traurig ist dabei zunächst einmal, dass die Batukogruppe kleiner wird. Für Marisa ist es auch traurig weil sie Freundinnen ‚verliert’.
Und unter diese Trauer mischt sich auch die Sorge um das Schicksal dieser Mädchen. Alle haben sie Probleme in der Schule hier in Cabo Verde gehabt. Jetzt gehen sie nach Portugal wo das Schulniveau bestimmt höher ist und müssen sich dort neben Schule auch um Unterkunft, Verpflegung etc. kümmern. Wie die Erfahrung zeigt, schaffen das die Wenigsten. Und wenn sie die Schule abbrechen müssten sie eigentlich zurück nach Cabo Verde weil sie eben nur ein Visa haben, das sie zum studieren berechtigt. Kaum eine kommt dann aber wirklich zurück. Sie bleiben illegal in Portugal. Und dort sind sie dann jahrelang bis es ihnen eventuell irgendwann gelingt die Papiere zu bekommen die ihren Aufenthalt in Portugal legalisieren. Wobei ich wahnsinnig gerne jenem durch und durch vollidiotischen Menschen begegnen würde der das Gerücht in die Welt gesetzt hat ein Mensch könne illegal sein. Wozu es führt so einen Schwachsinn in die Welt zu setzen davon zeugen Abermilliarden Schicksale. Verdammt traurige Schicksale.

Ja, ja so sind sie die Gesetze. Durch und durch unmenschlich. Können wir bitte mit diesem verfluchten Spiel aufhören! Ich find das weder lustig noch sinnvoll noch sonst was.

Vielleicht ist ja ein Grund für dieses blöde Spiel die Tatsache, dass jene Menschen die diese Gesetze erfinden kaum mit jenen Schicksalen in Verbindung kommen die sie da verbrechen. Sie hören zwar davon aber sie kennen sie nicht. So wie ich jetzt zum Beispiel von fünf Mädchen erzählt habe die da nach Portugal gehen um ihrer Armut im Lande zu entkommen.

Ja es sind Mädchen. Aber es ist auch Elisa, Villy, Jamila, Manuela und Nichy. Viele Leser dieses Berichtes werden sie kennen. Sie waren ja auch bei der Europareise der Batukaderas dabei.
Aber ich will in keiner Weise den Teufel an die Wand malen. Ich zeichne eh verdammt schlecht. Wünschen wir den 5 Mädchen und überhaupt allen die ihr Glück in der Emigration suchen das Allerbeste.
Sämtliche Götter, Geister, Engel und alles was da so kreucht und fleucht möge sie segnen und ihnen Glück bescheren.

Von den neuen Projekten die im September im Kinder- und Jugendzentrum angelaufen sind zu den Göttern und Engeln … was auf den ersten Blick wie ein weiter Abschweif aussieht ist in Wahrheit ein Katzensprung und gehört auf durchsichtige Weise zusammen. Wobei ich fast ‚undurchsichtige Weise’ geschrieben hätte und damit blödsinnig falsch gelegen wäre.

Ein neues Projekt ist unser von der ADA gefördertes Mädchenschulunterstützungsprogramm. Wobei die ADA die Austrian Developement Agency ist und Mädchenschulunterstützungsprogramm ein saudummes viel zu langes Wort für das ich verantwortlich zeichne. Aber wichtig ist eh nur, dass wir es machen und 30 Mädchen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren helfen ihre Schulleistung zu verbessern.
Es handelt sich um Mädchen die im vergangenen Schuljahr entweder durchgefallen oder nur mit Ach und Krach weitergekommen sind. Wen hierzu auch Namen und Gesichter interessieren den kann ich auf unsere Internetseite verweisen. Dort sind die Mädchen mit Foto und so Sachen aufgelistet.
Als Lehrerin für dieses Projekt haben wir eine Portugiesin engagiert. Natürlich waren wir zunächst auf der Suche nach einer Caboverdeanerin die die entsprechende Ausbildung zur Lehrerin hat. Es haben sich auch einige gemeldet. Aber die Tatsache, dass das Projekt eben nur für ein Jahr mit Sicherheit finanziert ist, hat sie dazu bewogen abzusagen. Sie alle haben auf eine Anstellung beim heimischen Bildungsministerium spekuliert. Verständlich. Dort ist die Bezahlung besser und der Arbeitsplatz auf Jahre gesichert. Es sei denn die Nachbarinsel Fogo baut die Atombombe und schickt sie rüber. Dann ist nix mehr sicher.
Ana Claudia Sousa Soares. So heisst die portugiesische Lehrerin die seit Anfang September in Tarrafal weilt und sich Tag für Tag mit den 30 Mädchen rumschlagt. Ana beaufsichtigt die Mädchen bei ihren Hausaufgaben, beantwortet Fragen, zeigt wie man dem Internet Informationen entlockt, gibt Nachhilfe, evaluiert und gibt Computerkurs. So hat sie genug zu tun. Ich hätte allerdings noch gerne, dass sie unseren portugiesischen Blog betreut und unsere Mitarbeiter in die Geheimnisse der englischen Sprache einführt. Aber ich warte jetzt einmal geduldig bis sich der Alltag der Ana und der 30 Mädchen so richtig eingespielt hat, bis ich noch mehr von ihr erbitte.
Unumstritten handelt es sich bei diesem Projekt um eines das zählbare Erfolge zeigen wird. Bin mir sicher die schulischen Leistungen der Mädchen werden signifikant besser und wir werden sie problemlos durch das Schuljahr in die nächste Schulstufe führen.
Natürlich ist uns das nicht genug. Daher auch die zusätzlichen Computerkurse für die Mädchen, die wir Dank einer Förderung der Georg Kraus Stiftung durchführen können.
Und um die ganze Sache abzurunden haben wir auch unsere Praktikantin Sonja, ihres Zeichens angehende Sozialpädagogin, auf die Mädchen angesetzt. Sonja malt mit den Mädchen, zeigt ihnen wie man Armbänder knüpft, mit Ton Skulpturen macht und beschäftigt sie mit weiteren gestalterischen Aktivitäten. Ein unbedingt sinnvolles und auch sehr gut angenommenes Zusatzangebot für die Mädchen.
Vonwegen ‚gut angenommen’, dazu gibt es eine kleine Anekdote die das auf schöne Art und Weise belegt. Bevor die Schule noch angefangen hatte, haben wir die 30 Mädchen im Zentrum versammelt. Damit sie sich besser kennenlernen wollten wir einen Ausflug mit ihnen machen. Sie wollten stattdessen aber unbedingt eine Nacht gemeinsam im Zentrum übernachten.
Sie kamen also Samstagnachmittag, haben Fussball und Karten gespielt, gemalt und natürlich durfte das obligatorische Catwalkspiel nicht fehlen. Auch ein Abendessen haben sie bekommen.
Marisa und ich waren bis Mitternacht im Zentrum. Fast alle Mädchen haben schon geschlafen. Eine, Danilda, war noch wach und hat die Wände des Zentrums bemalt. Ihr Talent und ihr Durchhaltevermögen haben mich schon um Mitternacht begeistert. Restlos überzeugt von ihren Fähigkeiten war ich aber dann als ich am folgenden Sonntag gegen Mittag ins Zentrum kam und mir einige Mädchen ganz entsetzt petzten, dass Danilda bis in aller Früh Wände bemalt und überhaupt nicht geschlafen hätte.
Ich glaube Alle werden mir zustimmen, dass Danildas Begeisterung fürs Malen gefördert gehört! Und genau das machen wir jetzt so gut wir können.
Ausserdem machen wir immer Alles so gut wir können. Also ich mach das zumindest. Du nicht? Das Verfluchte an der Geschichte ist einfach, dass ‚so gut ich kann’ manchmal irrsinnig schlecht ist.
So wie manchmal andere auch Sachen irrsinnig schlecht machen. Die Stromerzeuger in Tarrafal zum Beispiel. Es gibt ja guten Strom und verblödeten Strom. Der Gute leuchtet, steckdost und bewegt so Einiges. Der verblödete Strom heisst so weil er sich nicht auskennt. Er weiss nicht wie stark er sein soll, wohin er fliesen soll und was verbrannt gehört und was nicht.
Gar nicht lustig und mich bis heute elendig fühlen lassend wenn ich daran denke, kam so ein verblödeter Strom zu uns ins Zentrum. Kurz nach einem 3-tägigen Stromausfall.
Zum Opfer gefallen sind ihm: 3 Computer, 3 Bildschirme, die Wasserpumpe, das Modem, ein Ladegerät eines Laptops und ein D-Lan Modem (falls es so heisst).
Die Rechner konnten wir reparieren weil ‚nur’ die Netzteile durchgebrannt sind und wir Ersatz hatten. Anders bei den anderen Dingen. Die mussten oder müssten ersetzt werden. Müssten weil wir sie eben nicht ersetzen können.
Die Schuld für dieses Desaster liegt wohl ganz eindeutig bei der hiesigen Stromgesellschaft Elektra. Die streiten aber Alles ab und bestehen darauf, dass sie vollkommen unschuldig sind. Offensichtlich ist, dass sie irgendeinen vollkommenen Blödsinn gemacht haben und ob sie wirklich ‚so gut wie sie konnten’ gemacht haben wage ich zu bezweifeln …
Derartigen Gefahren sind wir hier also ausgesetzt. Ist schon lustig wenn man in dem Wissen lebt, dass wenn dem Typen von der Stromgesellschaft wieder mal langweilig ist, er an ein paar Knöpfen dreht und uns im Zentrum sämtliche Elektroteile zerschiesst. Damit das nicht passiert haben wir die Aktion Mehr Spiele für die Angestellten der Elektra gestartet. Wir setzen alles daran, dass ihnen nie nie nie mehr langweilig wird. Schliesslich will ich weiterhin Berichte schreiben.
Eine blöde Geschichte. Blöd erzählt. Aber das musste ich, weil sonst wird mir wirklich ganz elendiglich zumute …

Soll ich wieder was Erfreuliches erzählen oder doch lieber schnell alle unangenehmen Dinge hinter mich bringen um dann wieder mit Erfolgsgeschichten auftrumpfen zu können?! Eigentlich egal, oder? Wir alle wissen ja wie das Leben ist. Niemals nur verflucht und niemals nur phantastisch. Ja, ja zwischendrin ist es oft, aber davon handeln ja keine Berichte?!

Wer kann sich noch an den letzten Bericht erinnern? Lange ist es her. Monate. Unter anderem habe ich darin um Ideen gebeten wie man die Betriebskosten eines Kinder- und Jugendzentrums auf Jahrhunderte hinaus finanziert.
Interessiert es vielleicht jemanden wie viel Ideen ich dazu bekommen habe? Interessiert es wirklich? Ich warne euch! Die Antwort ist nicht erfreulich. Es waren … es war … EINE!
Aber die war wirklich gut. Sie kam von einem deutschen Zahnarzt. Die sind ja bekannt für gute Ideen. Wie heisst es doch so schön: wenn du glaubst es geht nicht mehr kommt von irgendwo ein deutscher Zahnarzt her.
Also die Idee war die eine Facebook Applikation aufzusetzen. Einen Kalender auf dem Jede und Jeder einen Tag des Kinder- und Jugendzentrums ‚kaufen’, sprich finanzieren kann. Wenn man die Jahreskosten des Zentrums auf Tage umrechnet (und das habe ich fabelhaft gemacht) kommt man auf rund 100 €. In dieser Applikation kann man jetzt also einen Tag anklicken, irgendwie online 100 € bezahlen und dann hat man diesen Tag im Zentrum finanziert. Niemand kann dann mehr diesen bestimmten Tag kaufen. Natürlich können sich auch Leute zusammentun und einen Tag kaufen.
Mir gefällt die Idee wirklich gut. Auf Facebook kann man mit so was sehr viele Menschen erreichen. Nur, leider. Die Idee hat sie einen kleinen teuren Hacken. So eine Applikation programmieren lassen kostet an die 13.000 €. Wir haben da ein diesbezügliches Angebot eingeholt. Hätte ich Socken hätte sie sich mir ausgezogen als ich das Angebot gelesen habe. Dabei ist das angeblich eh nicht soviel. Ist halt viel Arbeit so bisschen Gesichtsbücheranwendungen zu programmieren. Schade.
Natürlich erzähle ich diese Geschichte jetzt nicht ohne Hintergedanken. Meine Hoffnung ist, dass alle Leser dieses Berichtes Facebookapplikationsprogrammierer sind und sich zusammentun um diese Idee doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Oder vielleicht kennt jemand so einen Programmierer der gleichzeitig Millionär ist und umsonst arbeitet? Oder kann mir jemand in zwei Tagen das programmieren beibringen? Oder schenkt mir jemand 13.000 € weil er sein Leben auf Facebook verbringt und dort immer schon gerne mehr Kalender hätte?
Wie unschwer zu erkennen, will ich diese Idee umsetzen. Sie überzeugt mich. Daher jetzt bitte ganz viele Ideen wie man eine Facebook Applikation bekommt ohne 13.000 € auszugeben?
Der Angebotssteller hat mir vorgeschlagen ich könne ihm Kunden bringen und ich würde 10% oder so Provision bekommen die ich dann sozusagen an die Kalenderapplikation anzahlen könnte … Aber leider. In Tarrafal haben alle schon eine Facebook Applikation.

Das nächste überaus erfreuliche Kapitel dieses Berichtes beschäftigt sich mit jungen Müttern. Mit Müttern die wir zu Drechslerinnen ausbilden. Dank der Stadt Wien, die dieses Unternehmen finanziert.
Das Zustandekommen dieses Projektes ist einer Reihe von Überlegungen, Zufällen und Zufälle gibt es nicht zu verdanken. Es war Jenny die mir vor langer langer Zeit einmal gesagt hat Delta Cultura sollte etwas für junge Mütter tun. Es gibt ja doch eine ziemlich grosse Anzahl davon in Tarrafal. Sicher nicht mehr so wie früher einmal, als eine Frau mit 15 schief angesehen wurde wenn sie nicht schon 7 Kinder hatte, aber tatsächlich kommt es nicht selten vor, dass junge Mädchen auf Grund einer Schwangerschaft die Schule abbrechen und dann nicht mehr fortsetzen.
Diese Zielgruppe hat sich mir also im Hirn festgesetzt und war mir bei meinen diversen Internetrecherchen nach Finanzierungsmöglichkeiten immer bewusst.
Dann kam Salsa auf Besuch. Sie ist die Tochter einer Freundin meiner Schwester. Aber das macht nichts. Sie kam mit eben dieser Schwester nach Tarrafal und es hat ihr hier gut gefallen. Das war zu Ostern. Sie war damals gerade am Ende ihrer 4 jährigen Drechslerinnenlehre. Und wie ich das in derartigen Fällen oft mache, sage ich ihr so nebenbei sie solle doch kommen und hier Drechslerinnen ausbilden. Sie hat sich dieser Idee nicht direkt abgeneigt. Um ehrlich zu sein hat sie sich gar nicht geneigt. Weder ab noch zu.
Dann kam ein Email. So wie heutzutage eben Emails kommen. Früher kamen die ja nicht an weil es noch kein Internet gab.
Es kam ein Email von der Stadt Wien mit einem Call for Proposals … wie sagt man da auf Deutsch? Ein Schrei nach … Gott sei Dank heissen die Dinger nicht Poposals …
Man konnte also bei der Stadt Wien Bildungsprojekte für Mädchen und Frauen einreichen. Als alter Schlaumeier habe ich kombiniert und habe dort eine einjährige Drechslerinnenausbildung für junge Mütter angesucht. Und finanziert bekommen.
Dann musste nur noch Salsa überredet werden zu kommen (war nicht schwer), die Maschinen mussten organisiert werden (war nicht schwer weil Martin Gschwandtner von der Firma Magma Woodworking geholfen hat), der Transport musste veranlasst werden (war nicht schwer weil Liz das gemacht hat während ich am Strand gelegen bin), die Maschinen mussten aus dem Zoll geholt werden (war nicht schwer weil es 3 Wochen gedauert hat), die Werkstatt musste bisschen adaptiert und eingerichtet werden (war nicht schwer weil ich gleichzeitig eh auch das Mädchenprojekt organisieren, die Fussballschule neu einteilen, die Betriebskosten finanzieren und Berichte schreiben musste), die Schreinermaschine musste repariert werden (war nicht schwer weil sich das kaputte Teil nicht von mir aber von einem Elektroniker überbrücken lies) und dann mussten nur noch junge Mütter gefunden werden. Das war gar nicht so leicht. Weil wir zunächst die falsche Strategie gefahren sind. Wobei ich nicht genau weiss ob sich Strategien fahren lassen? Aber was soll man sonst damit machen?
Die vielen Zettel die wir aufgehängt haben wurden von den jungen Müttern Tarrafals hartnäckig ignoriert. Die Gemeinde hat uns keine jungen Mütter vermittelt weil sie entweder keine kennen oder weil sie die alten Väter sind … Der hat gesessen. Ist natürlich eine unanständige, an den Haaren herbeigezogene Unterstellung und mehr als Wortspiel zu verstehen, aber es ist doch immer eine gewisse Genugtuung wenn mir so kleine Gemeinheiten einfallen. Vor allem weil der wahre Grund für das Stillschweigen der Gemeinde auf derartige Anfragen schlicht und einfach Desinteresse ist.
Wozu eine junge Mutter an Delta Cultura vermitteln wenn dabei weder Geld noch Wählerinnenstimmen zu holen sind. Auch keine unbedingt anständige Haltung.
Den Zugang zu den jungen Müttern haben wir dann gefunden als wir mit gedrechselten Armreifen durchs Dorf gelaufen sind und junge Mütter angesprochen haben. Es ist tatsächlich erstaunlich wie vielen Müttern man begegnet wenn man so im Dorf herumspaziert.
Wir haben also von der Ausbildung erzählt, die Armreifen gezeigt als Beispiel für das was sie lernen werden herzustellen und so haben wir weit mehr als 10 junge Mütter interessieren können.
Nach einem Schnuppertag … Entschuldigung, ein furchtbares Wort, aber keine Sorge es hat eh niemand geschnuppert. Das würde ich hier im Zentrum niemals zulassen. Hier wird gebildet und nicht geschnuppert.
Also nach so einem Tag haben wir dann aus den ungefähr 20 jungen Müttern die sich beworben haben 10 ausgesucht.
Die Ausbildung läuft jetzt seit zwei Wochen.

Nach dieser Erfolgsgeschichte wieder eine verdammt Verfluchte. Unser geliebtes Auto. Delta wie es im Dorf ehrfurchtsvoll gerufen wird. Es ist kaputt. Motorschaden. Ölverlust. Metall an Metall und das war’s dann. Hoffnung auf Reparatur praktisch null. Befreundeter Mechaniker versucht es.
Was sich in einem kleinen Absatz alles erzählen lässt wenn man (oder Florian) es denn auch wirklich will.
Unbedingt blöde Sache, das mit dem Auto. Macht das Leben nicht gerade einfacher. Zu Fuss zur Arbeit … das geht ja noch. Aber Abends – ich arbeite ja doch oft etwas länger –ist es lästig nach Hause zu laufen. Da überlege ich mir dann immer wie wir wohl zu einem neuen Auto kommen könnten. Wobei wir kein Neues brauchen sondern ein Gebrauchtes.
Ist eigentlich eh schon des längeren angesagt weil Delta ja wirklich schon aus dem letzten Loch gepfiffen hat und wir das Auto nur mehr für Fahrten zum Zentrum und zum Fussballplatz genutzt haben. Der oft notwendige und auch teure Transport von Fussballmannschaften zu Spielen an den Wochenenden war schon des längeren nicht mehr möglich.
Was ich mir also zu dieser Autoproblematik gedacht habe: es gibt in Europa doch sicherlich viele Firmen die Kleinlastwagen oder Kleinbusse haben die sie in regelmässigen Abständen austauschen … vielleicht ist so eine Firma ja so nett und spendet uns ein ausgemustertes Fahrzeug und wir bringen es nach Tarrafal. Zahlt sich natürlich wirklich nur aus wenn das Auto noch in gutem Zustand ist. Schrott nach Afrika zu bringen ist nicht unbedingt unser Ziel.
Ich habe schon eine ganze Reihe an Firmen bezüglich unserem Anliegen angeschrieben: Speditionen, Flughäfen, Autovermietungen … aber derweil noch keine positive Antwort. Daher an dieser Stelle ein weiterer Aufruf: wenn jemand mit jemandem verwandt ist der ständig Kleinbusse und Kleinlastwagen vergibt bitte bekanntgeben! Blöd formuliert, aber ernsthaft gemeint.
Von düsteren, bedrohlichen, Angst einflössenden Furchtbarkeiten zurück zu strahlenden, farbenfrohen, kreativen Aktivitäten mit Kindern. Ich habe Sonja unsere Praktikantin aus dem sozialpädagogischen Bereich ja schon erwähnt. Ihr ist es zu verdanken, dass wir im Zentrum derzeit regelmässig die unserer Ansicht nach so wichtigen künstlerischen, gestalterischen Aktivitäten anbieten können.
Dreimal die Woche malt, zeichnet, formt und spielt Sonja mit einer Gruppe von bis zu 10 Buben und Mädchen. So nebenbei müssen die Kinder auch noch Hausaufgaben machen, aber das merken sie fast nicht.
Zweimal die Woche bietet Sonja eine offene Werkstatt an. Da können zum Beispiel die Mädchen des Hausaufgaben- Nachhilfeprojektes teilnehmen. Aber natürlich auch Buben aus der Fussballschule. Dieses Angebot läuft langsam an und wird sicherlich eine zeitlang brauchen bis es voll genutzt wird.
Sonja wird voraussichtlich 3 Monate im Zentrum arbeiten. Wir hoffen allerdings, dass sie auf 30 Jahre verlängert.
Der Bericht neigt sich dem Ende zu. Keinesfalls weil es nichts mehr zu erzählen gibt sondern aus schlichten und einfachen Zeitgründen. Ich muss Ghana und Portugal noch vorbereiten und morgen geht die Reise los …
Was mich an diesen Berichten dann doch immer stört ist das Zukurzkommen von Fussballschule und Batuko. Jene zwei Bereiche des Projektes mit denen Alles angefangen hat und denen eigentlich genauso viel Aufmerksamkeit gebührt. Sie laufen seit bald einmal 8 Jahren tagein tagaus.
Batuko wird täglich auf der Veranda unseres Hauses geübt und Auftritte finden regelmässig auf der gesamten Insel Santiago statt.
Und die U10, U12, U14, U16, U18 und U21 der Fussballschule trainieren mindestens zweimal wöchentlich und bis zur U16 wird vor den Trainings auch fleissig gelernt. Die Nachhilfegruppen laufen auch langsam wieder an. In diesem Bereich wollen wir uns dieses Jahr noch weiter verbessern … Blödsinn, wir wollen uns natürlich in allen Bereichen verbessern und wir verbessern uns auch in allen Bereichen weil Verbesserungen in allen Bereichen normal sind wenn man in allen Bereichen intensiv arbeitet … Also wir wollen uns AUCH im Nachhilfebereich der Fussballschule verbessern weil dort grosses Potenzial liegt. Die Arbeit in kleinen Gruppen bringt den Buben und Mädchen extrem viel. Regelmässige Aufmerksamkeit, Zuwendung, wiederholtes Erklären und weg sind sie die Probleme in der Schule.
Ein weiterer Fortschritt in der Fussballschule ist der Haas Stiftung – Hilfe zur Selbsthilfe zu verdanken. Durch eine grosszügige Spende die wir von dieser deutschen Stiftung erhalten haben konnten wir unter anderem 20 Matratzen kaufen. Damit sind wir perfekt ausgestattet um Gruppen jeglicher Art (Fussballmannschaften, weitere Sport- und Kulturgruppen) im Zentrum übernachten zu lassen. Matratzenlager in einem der Unterrichtsräume, Duschen sind vorhanden, Küche voll ausgestattet. Zusätzlich können wir bei derartigen Anlässen die Bar öffnen und mit Verkauf von Getränken, Snacks und Süssigkeiten die Zentrumseinnahmen erhöhen. Spätestens Anfang Dezember wenn wir mit einem grossen Fussballturnier den Geburtstag der Fussballschule feiern wird dieses Angebot erstmals genützt werden.

Übergang zum letzten Teil

Sie sind wieder da! Be, Mev, Alex, Fred, Sandrine, Julek. Tanztheater Global. Erstmals waren sie ja 2009 hier und haben mit 30 Jugendlichen die Videotanztheater-Performance Silencio, Sodade e Sonho erarbeitet.

Dieses Jahr sind sie gekommen um sechs besonders begabte Jugendliche, die sich 2009 hervorgetan haben, 6 Wochen lang intensiv zu schulen und dann mit ihnen gemeinsam eine Produktion nach dem Vorbild des vergangenen Jahres zu produzieren. Auch Workshops mit kleinen Kindern sind bereits im Gange.

Es läuft also viel in den letzten Monaten des Jahres 2010. Und mit dieser absoluten Erfolgsmeldung endet dieser Bericht ganz abrupt.

Ein obligatorischer Hinweis fehlt noch: viele Angebote sind finanziert und laufen. Einiges aber will noch finanziert werden: Strom, Gehälter von Wächtern und Berichtschreibern, Internet, etc. Daher sind Spenden immer willkommen und wir bedanken uns herzlichst bei Allen die bereits gespendet haben und bei all Jenen die das nach dem Lesen dieser Zeilen unbedingt gleich machen wollen und werden.
Dank und Gruss,
Florian Wegenstein

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