Zehn Jahre Delta Cultura – ein voraussehender Rückblick

Vor 10 Jahren hat Liz Zimmermann ihren Bekannten Marisa Cabral und Florian Wegenstein vor deren Abreise nach Cabo Verde noch schnell 6 Fussbälle vorbeigebracht.
Dank diesen Bällen wurde aus einer Idee ein Projekt, das heute, 10 Jahre später, aus einem Bildungszentrum für über 200 Kinder und Jugendliche besteht und das im Begriff ist um einen kleinen Kunstrasenplatz und ein weiteres Gebäude erweitert  zu werden.
Das wäre so die Kürzestfassung von dem was Delta Cultura in den vergangenen 10 Jahren entwickelt und umgesetzt hat. Die Langfassung dieser Ereignisse folgt … nein, keine Sorge, nicht in diesem Bericht … eventuell in meinen Memoiren die dann keiner lesen wird weil sie zu viele Abschweifungen haben wird.
Ganz ohne Rückblende wird dieser Bericht aber nicht auskommen. Schliesslich will ich ja auch Gegenwart erklären und einen Blick in die Zukunft wagen.

Eines noch sei vorausgeschickt:
Alles was Delta Cultura in den vergangenen 10 Jahren realisiert hat, haben wir geschafft weil wir das so wollten und weil uns daher ganz viele Engel, Geister und Menschen beigestanden sind. Eventuell auch beigeflogen sind, das weiss ich ja nicht … Auf alle Fälle gebührt ihnen allen unser aufrichtigster Dank.

Einmal sei noch abgeschweift:
So ein Jubiläum soll natürlich gefeiert werden und ich hoffe, dass alle die mitgeholfen haben und immer noch mithelfen und mitarbeiten das auch ausgiebig getan haben. Wahrscheinlich haben wir uns das alle verdient und wir dürfen alle stolz sein. Stolz sein. Stolz sein? … Das ist so eine Sache mit dem Stolz. Ich hab ihn in diesem Zusammenhang nicht so gern. Oder besser gesagt: ich verspüre ihn nicht. Ich hoffe aber trotzdem sehr, dass alle, denen er gebührt ihn auch annehmen, sich daran erfreuen und ihn zum Anlass nehmen weiterhin an sozialer Veränderung auf dieser Welt zu arbeiten.
Kann gut sein, dass mein Stolz irgendwo im Hintergrund existiert und heimlich mitarbeitet an meinen Gedankengängen und Ideen, aber ich glaube er macht mir eher Platz für Demut, für Wunsch, Kraft und Stursinn weiterhin an der Abschaffung der Armut auf dieser Welt zu arbeiten. Ich bin täglich mit Armut und den zahlreichen Folgen davon konfrontiert. Gerade eben wieder sehr intensiv auf einer Reise durch Äthiopien … Und bei der Konfrontation mit dieser Armut kann ich einfach keinen Stolz verspüren für das was ich bisher getan habe.
Und damit ausgestolzt.
Ich habe in meiner Jugend einmal einen Text verfasst der sich ‚Esoeriks tragischer Tod in einer stichwortartigen Schilderung‘ genannt hat. Ich war unglaublich erfolgreich damit. Ich habe ganze Stadien gefüllt bei der Ankündigung ihn zu verlesen. Ich möchte dieses damals eingesetzte Stilmittel daher auch jetzt für einen Rückblick auf die vergangenen Delta Cultura Jahre verwenden. Es ist meine einzige Möglichkeit mich und den Leser vor stolzen Ausschweifungen zu schützen. Daher also an dieser Stelle:

Delta Culturas rasende Erfolge in einer stichwortartigen Schilderung
Vereinsgründung 2002. Warum? Man kann ja nie wissen. Was machen? Fussball spielen.
Plakat malen. Fussballspielen für Kinder und Jugendliche. Auf Markplatz in Tarrafal aufhängen … das Plakat. Zwei Tage später: 150 Anmeldungen. (Um) Gottes Willen. Dauernd um 6:00 aufstehen, Kinder trainieren. Bälle gehen auf Stein-Erdboden dauernd kaputt, Kinder haben keine Schuhe, Steinmarkierungen. Materialsuche im reichen Norden: Kampf den südlichen blutigen Kinderzehen.
Dazu Batuko: Trommel, Tanz, Gesang, Lebensfreude, Tradition, Hüftschwung (kann ich nicht). Nur für Mädchen.
Arbeit ehrenamtlich. Arbeiter auch. Ehrlich.

2004 plötzlich Fussballplatz weg: Marktbau. Saublöder Fortschritt. Fussball weg, Gemüse her? Niemals. Projektbeschreibung Bildungszentrum. 3 Minuten Gespräch mit Bürgermeister: 12.000 m2 Land für Delta Cultura. Fortschritt.

Deutsches Ministerium für wirtschaftliche  Zusammenarbeit und Entwicklung. Zu langer Name für stichwortartige Schilderung. Trotzdem: Geld wandert rüber. Wandert direkt in Zentrumsbau, Kinderbildung, Schneiderinnen schneidern, Schreiner schreinern. Fortschritt.

Auch 2004: Netzwerk. streetfootballworld. Fussball für soziale Entwicklung. Richtungsweisend.

2007 wie ausgemacht Geldwanderstop aus D-land. Delta Cultura so allein. Nur Delta Österreich und Delta Cabo Verde. Verlassenheitsängste. Kindheitsschäden? Nein. Verteilungsschäden, blödsinnige.
Idiotischer Spruch mit nur Brief wird aufgegeben. Trotzdem gemacht.
Unverhofft kommt viel zu selten. Trotzdem nicht undankbar sein. Diesmal unverhofft: streetfootballworld, FIFA, Football for Hope. Richtungsweisend. Bis heute. Geld findet Wanderwege. Wer hat Markierung gemalt?

2007 bis 2012: Bildung, Fussball, Batuko (Festival), Drechslerinnenausbildung, IT (das Zeugs mit Computern). Auf und Abs. Gute Ideen, schlechte Ideen. Egal: Hauptsache. Gute Projekte, schlechte Projekte. Geld wunderbar vermehrt und eingesetzt. Geld beim Fenster rausgeschmissen. Lauter Blödheit. Leben eben.

Ganz erfolgreich: eines von 20 Football for Hope Zentren in Afrika. Monitoring und Evaluation: Arbeit verbessern, Kinder besser helfen, Erfolg und Scheitern besser kommunizieren … Richtungsweisend. Streetfootballworld.

Delta Cultura Cabo Verde dankt (in keiner Reihenfolge): Liz, Frank, Uli, Beat, Fu, Jenny, Jürgen, Vladimir, Johannes, Johannes, Johannes, Pert, Corina, Cornelia, Katrin, Katrin, Maja, Christophe, Julia, Sarah, Joachim, Hanna, Vanessa, Jürgen, Bettina, Birgit, Birgit, Bernd, Anna, Kris, Daniel, Clemens, Rita, Anna, Julia, Martin, Uta, Alexandra … bist du dabei? Niemand vergessen nur manche nicht aufgelistet weil Gehirnbeschränkung. Imposante Liste und ehrlicher Dank.

Erkenntnis: stichwortartig lässt sich vieles nicht schildern. Macht nix: www.deltacultura.org

Und schon ist Gegenwart.
Es gibt persönliche und projektliche Gegenwart. Die Persönliche ist augenblicklich geprägt von Eindrücken meiner Reise nach Äthiopien und Lyon. In Äthiopien haben sich die 20 Organisationen, die ein Football for Hope  Zentrum bekommen, getroffen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und habe das Land noch ein paar Tage bereist. Sehr beeindruckend. Ich komme bei meinem Ausblick in die Zukunft darauf zurück.
In Lyon gab es die zweite Generalversammlung von streetfootballworld bei der das neue Network Board gewählt wurde. Viele nette, engagierte Menschen und viel Hoffnung für die Zukunft. Streetfootballworld ist und bleibt für Delta Cultura richtungsweisend. Gemeinsam mit den anderen Organisationen können und werden wir noch viel erreichen. Versprochen.

Um die Projektgegenwart zu verstehen braucht es ein kleines Verständnis davon wie sich eine kleine Organisation wie wir es sind mit Finanzen und derartigen Verfehlungen herumschlägt.
Ich habe von dem Förderstopp durch das deutsche Bundesministerium im Jahre 2007 gesprochen. Der war vorgesehen. Anschubfinanzierung nennt man das. Und danach sollen dann die einheimischen Institutionen wie Gemeinde und Regierung einspringen. Ich glaub sie sind auch gesprungen. Sogar mit Geld in ihren Taschen. Aber wohin und wie genau sie gesprungen sind das blieb Delta Cultura verborgen.

Diese förderlose Zeit hat Delta Cultura natürlich in erhebliche Schwierigkeiten gebracht. Sagen wir mal in ein sich dahinschleppendes Hintertreffen. Nur langsam wurde die Finanzsituation besser. Förderung(en) durch FIFA Football for Hope, Georg Kraus Stiftung, Haas Stiftung, Stadt Wien und schlussendlich im Jahre 2011 auch das kapverdianische Jugendministerium haben das Werkl laufen lassen.
Was dabei allerdings passiert: der Verein macht Schulden, bekommt Förderungen nur für bestimmte Zwecke muss aber auch Nebenkosten wie Wächter, Internet, Wasser etc. bezahlen … Förderungen werden zum Löcher stopfen verwendet was aber immer neue Löcher bohrt. Wie sich dann am Ende immer alles doch ausgegangen ist, das weiss nur der Herumwurschtelengel, das ist sogar mir selbst rätselhaft.
2012 war ein ganz ausgezeichnetes Jahr in dem wir sehr viel aufgeholt haben was Rückstände betrifft. Wir haben aufgehört Löcher zu bohren. Und noch erfreulicher: 2013 ist praktisch schon finanziert. Also kaum mehr ein Risiko. Seit 2007 das erste Mal das wir das erreicht haben. Und diesmal sind es längerfristige Lösungen.
Leider ist es uns noch nicht ganz gelungen ausreichend zweckUNgebundene Spenden im Jahr 2012 zu bekommen um wirklich sämtliche Löcher zu stopfen und um zu verhindern das wir dann 2013 wieder zweckentfremden müssen. Daher an dieser Stelle meine Bitte an das Christkind und euch alle: einmal noch kräftig spenden für Delta Cultura bevor das liebe Jahr endet und Ihr Euer schwer verdientes Geld ins neue Jahr schleppen müsst. So gesehen sind wir also auch eine Abschlepphilfe … das ist auch mir neu.
Ich danke auf alle Fälle allen die sich ein Herz nehmen und meinem Aufruf folgen! Möchte aber, dass alle weiterlesen und sich nicht von Geldüberweisungsaufforderungen aus der Ruhe bringen lassen. Weiterlesen, weil jetzt geht es um:

Die Zukunft
Ich habe erwähnt, dass ich gerade von einer Reise nach Äthiopien zurückkomme. Tiefe Eindrücke die ich niemals vergessen werde. Menschenschicksale die einem Tränen in die Augen treiben. Noch viel mehr die Art und Weise wie viele Menschen damit umgehen…ihnen gehört mein tiefer Respekt. Sie sind die Heiligen unserer Zeit und ihnen gebührt die Macht den Weltengang zu bestimmen. Sie sind es die gehört werden müssen.
Es ist eine unglaubliche Schande, dass wir heutzutage in einer Welt leben in der Menschen verhungern, an Krankheiten sterben die problemlos geheilt werden können, dass Kinder keine ordentliche Bildung bekommen … und leider kann diese Liste noch viel zu lang fortgesetzt werden.
Was mich immer wieder verwundert und zeitweise restlos verzweifeln lässt: es sind oftmals nicht wir, in deren Händen es liegen würde die Armut verschwinden zu lassen,  die sich schämen, es sind oftmals die Menschen, die in Armut leben, die sich für ihre Armut schämen. Wie gibt’s das?
Allzu schnell und unverschämt hochmütig kommen wir gern zu Schlüssen und Erklärungen für diese Armut die bei genauerem Hinsehen nichts weiter als Ausreden sind. Vielleicht sind es ja diese Ausreden, die uns unsere Scham vergessen lassen?
Eine dieser Ausreden: Armut kann nicht von heute auf morgen beseitigt werden. Punkt. Aber was versuchen wir menschenmögliches um das doch zu erreichen? Warum wird die Schere zwischen Reich und Arm ständig grösser? Weil Armut nicht von heute auf morgen beseitigt werden kann? Weil es immer schon Armut auf dieser Welt gegeben hat? Weil der Mensch eben so ist?

Langer Rede kurzer Sinn. Ein Bildungszentrum zu bauen und langfristig zu finanzieren ist eine Herausforderung und sicherlicht nicht das Dümmste was man tun kann. Nachdem Delta Cultura das jetzt beinahe gelungen ist will ich mich persönlich gerne weiterbewegen.
Ich bin einfach weiterhin davon überzeugt, dass Armut beseitigt werden MUSS, nicht kann. Da Armut heutzutage zweifelsfrei von Menschen gemacht ist und nicht sein müsste, muss es folgerichtig auch eine menschliche Lösung geben. Und menschlich ist einzig und allein eine Lösung für Morgen. Ab morgen verhungert kein Kind mehr auf dieser Welt. Die UN-Milleniumsziele sind unmenschlich und blenden uns. Lullen uns ein in dem Gefühl es wird eh soviel getan.
Leider ist auch mir noch nicht bewusst wie das mit dem morgen keine Armut mehr gehen kann. Aber ich ändere deshalb meine Zielsetzung nicht. Mir haben sich auf meiner Äthiopienreise viele Fragen aufgetan. Fragen die ich mir teilweise schon länger stelle, deren Antwort ich aber offensichtlich nicht ausreichend dringend gesucht habe. Das will ich jetzt ändern. Ich werde einige davon an dieser Stelle veröffentlichen und ich bitte ganz innigst um Antworten. Wie ich glaube, verdient sich jede der Fragen ein paar Minuten, sogar Stunden und Tage, Andacht. Schnellschüsse hab ich selbst auch schon zuhauf verbraucht …
Die Fragen:
Warum gibt es derart übermässig viel Armut obwohl es gar nicht notwendig wäre?
Welcher Drachen sitzt da und besteht darauf, dass es so bleibt?
Warum besteht er darauf?
Ist es ein Drachen oder sind es viele?
Wie kann man diese(n) Drachen bekämpfen?

Mit diesen Fragen will ich den kleinen Rückblick in die Gegenwart und die Zukunft beenden. Ich hoffe ich habe meine Ziele erreicht:
–    Unterhalten
–    Geldwanderschaften markieren
–    Zum Nachdenken animieren

Abschliessend noch ein kleiner Hinweis: diese Fragestellung weist bereits in eine Richtung in die ich/wir gehen können. Liz und ich erarbeiten derzeit ein diesbezügliches Projekt.

Im Namen aller Mitarbeiter von Delta Cultura und den zahlreichen Kindern und Jugendlichen die Dank eurer Hilfe auch 2012 unterstützt wurden wünschen wir frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr.

Florian Wegenstein

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